Zeichen und Wunden

andcompany&Co.: Black Bismarck, Hebbel am Ufer/HAU2, Berlin

Von Sascha Krieger

Ein weißer, gezackter Tisch, ein D-Pult mit Bismarck-Porträt davor, ein Turm eine weiße Leinwand, den roten Marmorwänden der Berliner U-Bahnstation Mohrenstraße nachempfundene Wandstücke: Zeichen, sind das, erzählt uns Simone Dede Ayivi zu Beginn der gut eineinhalbstündigen Performance, in der das Künstlerkollektiv andcompany&Co. Den Spuren des Kolonialismus in Deutschland nachgehen – den sichtbaren wie den verborgenen, die sich meist als die hartnäckigeren erweisen. Das beginnt mit Bismarck: Wir erfahren von den 140 Bismarck-Türmen im Land, der Kongo-Konferenz 1884/85, in der Afrika unter den Kolonialmächten aufgeteilt wurde, der Ehrerbietung, die der Reichskanzler bis heute erfährt. Später führt der Abend mit erhöhtem Videoeinsatz und streckenweise äußerst komisch zu dem, was von der Kolonialmacht Deutschland übrigblieb: ein afrikanisches Viertel im Wedding mit nach brutalen Kolonialverwaltern benannten Straßen, der U-Bahnhof Mohrenstraße in Berlins Mitte, das ehemalige Feriendorf Neu-Afrika in Brandenburg. Schnell wird zweierlei klar: Die deutsche Kolonialgeschichte gehört wohl zu den am meisten vergessenen – oder sollt man sagen, verdrängten? – Kapiteln jüngerer deutscher Geschichte. Und sie hat – vom Kolonialwarenladen bis zur Afrika-Romantik Spuren hinterlassen, die bis heute kaum hinterfragt werden. Wie viele von uns haben sich je beim U-Bahn-Halt in der Mohrenstraße Gedanken gemacht, wofür dieser Name ein Zeichen sein könnte?

Es gehört zu den Stärken dieses Abends, dass andcompany&Co. , verstärkt unter anderem durch zwei Afrodeutsche und einen Belgier kongolesischer Herkunft, solchen Zeichen nachspürt, sie mit der verdrängten Bedeutung auflädt und sichtbar macht, was sich zu lange verbarg. Er tut dies auf äußerst spielerische Weise: mit Videoeinspielern, Musik, narrativen Passagen und Spielszenen – und viel Ironie. Das beginnt schon beim Titel: Denn eigentlich geht es hier nicht ums Schwarzsein, nein, hier wird der Spiel um gedreht. Was heißt „weiß“, wofür steht das, was beinhaltet es, drückt es aus, gibt es eine weiße Identität? Die Frage nach der „Weißheit“ steht im Mittelpunkt der Performance. Da verkleidet sich Dela Dabulamanzi als deutsche Birke, spielt die weiße Leinwand eine Schlüsselrolle, wird mit Freud – dessen Blick auch als ein kolonialer (das weibliche Unbewusste als dunkler Kontinent!) entlarvt wird – über das weiße „man“ als das Unmarkierte, das alles andere markieren muss, philosophier. Alexander Karschnia übt sich mit Zebrastreibenmetaphorik im Unsichtbarwerden –„weiß“ ist hier das Unbestimmte, die Nichtidentität, die doch allem anderen Identität verleiht und so seinen Herrschaftsanspruch manifestiert.

Natürlich kann man dem Abend vorwerfen, er wäre zu uneinheitlich: Ja, es gibt eine nicht zu übersehenden Neigung zum Slapstick, etwa wenn ein Darsteller im (weißen!) Kaninchenkostüm gegen die Umbenennung des U-Bahnhofs Möhrenstraße (!) wettert, oder wenn Karschnia die Miniatur des Bismarckturms zur Toilette umfunktioniert. Und doch durchweht ihn eine zwingende Ernsthaftigkeit: etwa in den wie beiläufig eingeworfenen Fetzen alltäglicher Erfahrungen des vermeintlichen Andersseins. Immer wieder blitzt kaum merklich die Virulenz des kolonialistischen Denkens auf, am deutlichsten wohl, wenn Nicola Nord mit perfekter Gestik und präzisem Tonfall die rede der Bundeskanzlerin anlässlich einer Afrika-Konferenz wiedergibt. Da bleibt das Lachen im Halse stecken, zeigt sich doch der koloniale Blick in diesem Rahmen so deutlich, wie er wohl bei einer reinen Lektüre der Rede kaum einem ins Auge gesprungen wäre. Und so ist vielleicht das größte Verdienst dieses ungemein intelligenten wie unterhaltsamen Abends, dass er den tief in uns verwurzelten und so gut wie nie als solchen erkennbaren Spuren kolonialen Denkens nachspürt und sie dem Zuschauer – wohlmeinend aber kompromisslos – ins Gesicht schleudert.

Wenn Karschnia am Ende die anderen Darsteller dazu animiert, starr ins Publikum zu blicken, den kolonisierenden Blick zurückzuwerfen, dann ist das ein irritierender, intensiver und vielleicht auch hoffnungsvoller Moment. Es ginge darum, „den Kopf freizumachen“, wiederholt er, und einfach zu sehen. Und vielleicht geht es genau darum: den Kopf freizumachen und den vorurteilsfreien Blick zu erlernen, einen, der auch wirklich sieht. Auf jenem weißen Fleck, der, so lange er ignoriert wird, sich weiter gefräßig ausbreiten kann. Das klingt nicht besonders schwer und doch ist unsere Gesellschaft bislang kläglich daran gescheitert.

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