Ein farbenfroher Marathon

Dvořák-Marathon mit dem Konzerthausorchester unter Leitung Iván Fischers

Von Sascha Krieger

Sei es nun Absicht oder glücklicher Zufall, passend ist es allemal: Während draußen, angefeuert von Passanten, die letzten Teilnehmer des 40. Berlin-Marathons vorbeilaufen, geht drinnen, im Konzerthaus Berlin, ein Marathon ganz anderer Art zu Ende. Nach dem Erfolg seines Beethoven-Marathons im vergangenen Jahr hat Iván Fischer, Chefdirigent des Konzerthausorchesters, diesmal zu einem Wochenende geladen, an dem sich das musikalische Universum Antonín Dvořáks erkunden lassen soll. Höhepunkt ist auch diesmal ein Sinfoniekonzert, in dem Fischer und sein Orchester so etwas wie einen Querschnitt durch das Werk des tschechischen Komponisten versuchen. Dabei zeigt sich die Vielseitigkeit des Komponisten, aber auch, dass das Orchester nicht zu allen Facetten des Dvořákschen Oeuvres gleichermaßen Zugang finden.

Iván Fischer (Foto: Felix Broede)

Iván Fischer (Foto: Felix Broede)

Der Abend beginnt mit kürzeren Stücken, bei denen vor allem zwei seiner slawischen Tänze Aufmerksamkeit erlangen. Mit zwiespältigem Ergebnis: Kommt der e-Moll-Tanz op. 38/1 ein wenig unrund daher, zerfasert das Orchesterspiel immer wieder und stellt sich so recht keine Dynamik ein, überzeugt der H-Dur-Tanz op. 72/1 gerade durch den rauen, nicht auf pure Schönheit oder gar angenehme Unterhaltung bedachten Klang. Angemessen wild präsentiert sich der mährische Odzemek und verleugnet nie seinen volkstümlichen Ursprung. Die anderen kurzen Orchesterstücke wollen nicht recht überzeugen: Die Legende in cis-Moll op. 59 Nr. 6 zeichnet sich durch ein etwas dünnes, blutleeres streicherspiel aus, das zu einem dumpfen Klangeindruck führt, auch das H-Dur-Notturno op. 40 kommt seltsam verhangen daher, bezaubert aber in einzelnen Momenten durch besonders zarten Streichereinsatz.

Stärker geraten da die fünf mährischen Duette, die Mezzosopranistin Olivia Vermeulen und Nachwuchssopranistin Anna Lucia Richter vortragen. Mit ihrem innig-klaren Gesang und dem akzentuierten Sinn fürs Dramatische erweisen sie sich als prädestiniert für die Gratwanderung aus Volkslied- und Kunstliedgesang, der diese Stücke auszeichnet. Insbesondere Richters glockenhell schlichter Ausdruck vermag zu beeindrucken. Die erste Konzerthälfte endet mit der Orchestersuite op. 98b, bei der das Orchester erstmals in Höchstform gelangt. Kontrastreich und vielfarbig führt es durch das facettenreiche Material, in dem sich Dvořák als Meister der Orchestrierung erweist. Klar und voll der Klang, transparent und durchsichtig das Spiel unter der klugen und bestimmten Leitung Fischers, der den Fokus auf das melodische Material des Werks legt und die Suite mit einem schillernden Farbenspiel schließen lässt.

In der nach der Pause erklingenden 8. Symphonie schließen Dirigent und Orchester nahtlos hieran an. So gerät der erste Satz zum fröhlichen wie kantig scharfen Zusammenspiel musikalischer Farben, treten die dem Satz als Konstruktionsprinzip zugrunde liegenden Kontraste deutlich hervor. Fischer etabliert hier eine Verbindung aus schwungvollem Spiel und strenger Akzentuierung, die sich im weiteren Verlauf fortsetzt. Bei aller Beschwingtheit: Fischer setzt klare Kanten, akzentuiert die Rhythmik und schafft eine Ambivalenz, die der Transparenz des Werkes äußerst dienlich ist. Das ist nicht durchgängig erfolgreich, insbesondere der zweite Satz gerät etwas behäbig und ist von zuweilen erdrückender Schwere.

Ganz anders Satz 3: Hier schließen Schwung und kantiger Rhythmusfokus einander nicht aus, sondern gehen eine aufregende Symbiose ein. Ein Höhepunkt dann das Finale: Fischer unterstreicht die starken Kontraste der Tempowechsel und gelangt im Schlussteil zu einer kaum geahnten kraftvollen schärfe des Ausdrucks, der jeglichen Eindruck falsch verstandener Leichtigkeit wegwischt. Da scheint zuweilen Dvořáks Mentor Brahms auf, ohne dass der eigenständige Charakter des Tschechen verwischt würde. Sollte es darum gegangen sein, eine eindrucksvolle Visitenkarte Dvořáks abzugeben, wäre dies gelungen. Freuen wir uns also auf den nächsten Marathon – vor und hinter der Tür

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