Der mit dem Ballon tanzt

René Pollesch: Glanz und Elend der Kurtisanen, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

„Es geht um die Schönheit der Geste im öffentlichen Raum“, sagt Martin Wuttke einmal während der gut eineinhalb Stunden des neuen Pollesch-Abends an der Volksbühne. Ein Schlüsselsatz sicher. Wie auch dieser: „Wenn etwas wirkungsvoll sein soll, kann es doch nicht von innen kommen.“ Auch diesen Satz spricht Wuttke, so etwas wie Polleschs Sprachrohr an diesem Abend. Natürlich geht es um klassische Pollesch-Themen: die Mär von der Authentizität, der moderne Zwang, in allem sein „Selbst“ ausdrücken zu müssen, das Diktat der Innerlichkeit. Theoretisch hat Pollesch diesmal Richard Sennett an Bord, als Materialsteinbruch nutzt er vor allem Godards Film „Die Außenseiterbande“, ein virtuos ironisches Spiel mit der amerikanischen B-Movie-Tradition, mit zum Vorbild erkorenen fiktionalen Rollenmustern, die als Folie für das eigene Handeln, ja, die eigene Selbstdefinition dienen. Er bricht eine Lanze für die Geste als Ausdruck äußerlicher gesellschaftlicher Codes und Regeln – hier liegt wohl auch der primäre Bezug zu Balzacs Roman, dem Pollesch ansonsten wenig mehr als den Stücktitel entlehnt hat.

Martin Wuttke und Birgit Minichmayr (Foto: Leonore Blievernicht)

Martin Wuttke und Birgit Minichmayr (Foto: Leonore Blievernicht)

Ansonsten setzt Pollesch seinen Kreuzzug gegen Authentizitätswahn und Ich-Utopie fort und für eine Gemeinschaft, die aus dem reinen Selbstbezug nicht entstehen kann. Wuttke wechselt dabei mehrfach die Kostüme – vom Affenartigen mit Fellpullover und Riesengebiss über den Priesterornat bis zur Hausfrau der Balzac-Zeit – während Birgit Minichmayr genüsslich Gesten einstudiert und vorführt. Wo Wuttke sich bemüht, ist Minichmayr ganz in ihrem Element, wo er kämpft, ist sie schon angekommen. Viel ist vom Rauchen die Rede, dessen Verbot im öffentlichen Raum Sinnbild der Diktatur des Individuellen in seiner Perversion als aufgezwungener Konsens ist – ein Aschenbecher ist dann auch das einzige Element auf Bert Neumanns ansonsten leerer Bühne, die mit ihrem in tausend Farben schillernden Lamettavorhang, welcher das Bühnenrund einfasst, und dem Spiegelboden, der zu so manchen wunderbaren Verrenkungen Anlass gibt, die schöne Oberfläche, den attraktiven Schein feiert. Wie auch die Kostüme Tabea Brauns: ein wilder Mischmasch aus semantisch aufgeladenen gesellschaftlichen Uniformen, die nicht zu einander und zu den in ihnen Steckenden passen wollen.

Es ist Martin Wuttkes Abend, lediglich Minichmayr darf noch mitspielen, während die anderen drei Darsteller wenig mehr sind als Stichwortgeber, auch wenn Trystan Pütter, Franz Beil und Christine Große ihre sehr limitierte Sache sehr gut machen. Und es passt zur Ironie Polleschs, dass dieser Abend, der mit Minichmayrs Tirade gegen die Authentizitätsforderung im Theater und beim Schauspieler beginnt, feinstes Schauspielertheater ist. Aber eben nicht im Sinne „authentischen“ Ausdrucks: Hier darf dem dramatischen Affen Zucker gegeben werden, hier wird die Fiktion, das Geschichtenerzählen als sinn- und gemeinschaftsstiftende Handlung gefeiert und ausgiebig ausgekostet, wird das Spiel gegenüber der „Wahrheit“ hochgehalten. Höhepunkt ist sicher Wuttkes slapstickhafte, an Charlie Chaplins Tanz mit der Weltkugel erinnernde, Balletteinlage mit einem Heißluftballon. Pures Spiel, reine Äußerlichkeit und zugleich ihr Scheitern. Denn so ganz kann sich auch Wuttke nicht vom Primat des Selbst befreien, leidet sichtbar darunter und wird dadurch zur einzigen halbwegs plastischen Figur des Abends, während Minichmayr als Projektionsfläche des Äußerlichkeitsstrebens brilliert.

Nun ist der Abend für Polleschs Verhältnisse recht lang geraten und das merkt man ihm an. e länger er dauert, desto mehr reduziert sich das Geschehen auf bloßes Herumstehen und angestrengtes Disputieren, die Kreisbewegung ständiger diskursiver Wiederholung tut ein Übriges. Zeichneten sich die besten Pollesch-Abende oft dadurch aus, dass es ihnen gelang, den Diskurs in Spiel zu übersetzen, blitzt dieses Vermögen hier nur punktuell auf. Irgendwann klinkt sich wohl auch der interessierteste Zuschauer aus und fast scheint es, die Darsteller tun es ihm gleich. Und so zerfasert der Abend zusehend, kann zuletzt nur noch selten so etwas wie Spannung aufbauen und bewegt sich zielsicher in Sachen Beiläufigkeit. Und doch ist dies keiner der schlechteren Pollesch-Abende und das liegt neben der zunächst zwingenden Stringenz der diskursiven Dramaturgie Polleschs an Birgit Minichmayr und allen voran an Martin Wuttke. So seltsam das klingt: René Pollesch macht hier bestes Schauspielertheater – wenn auch in einem sehr eigenen, Pollesch-typischen Sinn. Sehenswert ist das allemal.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Der mit dem Ballon tanzt

  1. […] da keine Ausnahme: Pollesch recycelt einfach Bert Neumanns Lamettavorhang-Bühnenbild aus seinem Berliner Balzac-Abend. Das mag man als Statement sehen, dass die Eingangsthese vom ewigen Pollesch-Stück so gewollt ist, […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: