Sehenden Auges

Friedrich Schiller: Die Jungfrau von Orleans, Deutsches Theater Berlin / Salzburger Festspiele (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Da steht sie nun und kann nicht anders. Starr und unbeweglich, das Schwert fest umfasst, im weißen Kleid, allein im Lichtkegel inmitten einer dunklen Welt. Michael Thalheimer stellt in seiner Inszenierung von Friedrich Schillers Die Jungfrau von Orleans Kathleen Morgeneyer an den Bühnenrand, wo sie – mit einer kurzen Ausnahme – bis zum Ende verbleibt, Blick und Worte starr ins Weite gerichtet. Dahinter im Dunklen verbergen sich die anderen Akteure, sichtbar werden sie nur, wenn sie Johanna nahe treten oder sich an ihr vorbei in den Lichtschein drängen. Und doch bleibt Johanna allein. Wo Christoph Franken als zaudernder sich nach Menschlichkeit sehnender König Karl über die Bühne tippelt, Almut Zilcher seine Mutter als Rachegöttin und gewiefte Politikerin gibt, Andreas Döhler ein standfester Mahner im Kettenhemd und Meike Droste eine kluge, mondäne und machtbewusste Geliebte ist, bleibt Morgeneyers Johanna im Wortsinn standhaft. Eine Extremistin wie kürzlich Constanze Becker als Thalheimers Medea, ebenso kompromisslos und unverrückbar, in selbstgewählter Isolation von der Welt, zu Hause nur in ihrer Mission.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Schiller hat in Johanna das Bild einer Fundamentalistin gezeichnet, die ihren Glauben zur einzigen Richtschnur ihres Handelns macht, die keine Menschlichkeit zulässt, sich selbst keine Individualität erlaubt. Und die am eigenen Anspruch scheitert. So zeigt sie einmal Mitleid, mit einem englischen Heerführer, dem sie zu lange in die Augen schaut. Bei Morgeneyer wird dieser Moment zur existenziellen Erschütterung, zur Existenzkrise, zu Entzweiung mit der eigenen Mission, der sie bis zum Ende treu bleibt und doch ist dies Entsagung nur noch erzwungen, gewollt, eine Bestrafung auch für das Abweichen von der „Linie“. Und doch ist diese Entscheidung bei Thalheimer eine bewusste, Johanna wählt diesen Weg, wie sie kurz vor Schluss mit trockener, nüchterner Stimme deutlich macht. Sie wählt das Ende, das hier ambivalent ausfällt: Während Johanna noch immer unbeweglich den Tod auf den Schlachtfeld erträumt, wechselt das Licht. Plötzlich kommt es schräg von unten und statt gleißend weiß ist es nun gelblich, während Johanna anfängt zu verkrampfen und zu zittern. Sehen wir ihr zu, wie sie auf dem Scheiterhaufen steht und ihre Mission vor sich selbst verteidigt? Und ist die Kuppel, in der sie steht, Kirche, Pantheon oder Kerkerverlies?

Thalheimer lässt das offen und doch kann es ein wenig erhellen, was in diesen pausenlosen zweieinviertel Stunden geschieht. Thalheimer, dieser Stückeverdichter und Produzent dramatischer Konzentrate, hat Schillers „romantische Tragödie“ zum Psychogramm einer Idealistin, die zur Extremistin wird, reduziert. Er verzichtet dabei auf jegliche Vergegenwärtigung und bringt damit diese Radikalisierung umso näher. Sie, das Hirtenmädchen, das Frankreich retten will, wird zur bloßen Mörderin und ist auch damit jener Frankfurter Medea Beckers umso näher. Der Kampf den sie führt, spielt sich in ihr ab. So bleibt sie im Schlachtengetümmel wie im Machtspiel unbeweglich, erst als ihre Gewissheit zu bröckeln beginnt, ihr Menschsein einbricht, kommt Bewegung in diese Statue der Unbedingtheit, ihre starren, mit Kriegsbemalung verschmierten Züge, ihr klare, von Gewissheit durchflutete Stimme. Dass literweise Kunstblut auf ihr Kleid vergossen wurde, hat sie nicht tangiert, doch jener eine individuelle Blick bringt sie aus dem Gleichgewicht. Umso radikaler ihre Entscheidung, ihre Rolle weiterzuspielen. Hier ist die Idealistin, die Gläubige zur professionellen Extremistin geworden, Glaube zu Routine.

Dem gegenüber stehen die anderen Figuren, trotz der vorherrschenden Dunkelheit Menschen aus Fleisch und Blut, die sich Fehler erlauben, die sich erdreisten, Kompromisse zu schließen und Meinungen zu ändern, die den Mut aufbringen, lächerlich zu sein – wie Frankens König Karl. Ist dies ein Traum, eine Vision Johannas, so träumt sie die Alternative mit, so ist dies Menschliche und zuweilen Schwache in ihr angelegt, unterdrückt zwar, aber stets präsent. Wie so oft dampft Michael Thalheimer das Stück auf das ein, was er als seinen kern ansieht und das wie meistens ganz tief in die Fundamente der menschlichen Natur hineindringt. Hier ist ein Mensch, der sich das Menschsein nicht erlaubt um eines höheren Gutes willen, ein Gutes, das dem Blick nicht stand hält. Die Menschheit kennt viel zu viele dieser Johannas und doch bleibt Hoffnung, solange sie noch sehen kann. Fühlen wir uns aufgefordert, es ihr gleich zu tun.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: