Blick zurück ohne Zorn

Daniel Harding und die Berliner Philharmoniker spielen Mahlers 10. Symphonie in der Aufführungsversion von Deryck Cooke

Von Sascha Krieger

An Gustav Mahlers 10. Symphonie scheiden sich die Geister: Mancher lehnt sie rundweg ab, schließlich lagen bei Mahlers Tod von der Mehrheit der Sätze lediglich Particellskizzen vor, bestenfalls das von Mahler weitgehend fertiggestellte Adagio können sie akzeptieren. Andere können mit Deryck Cookes in den 1960er Jahren angefertigten Aufführungsversion durchaus leben, lassen sie aber nicht als „echte“ Mahler-Symphonie gelten. Und wieder andere betrachten sie als legitimes, finales Mitglied des Mahlerschen Symphoniezyklus und sehen Mahlers Intention von Cooke und seinen Mitstreitern so weit es möglich ist umgesetzt. Bei den Berliner Philharmonikern und ihrem Chefdirigenten Sir simon Rattle gilt eigentlich letztere Sichtweise, gilt doch ihre Einspielung aus dem Jahr 2003 als Referenzaufnahme. Umso erstaunlicher war es, dass ihr Mahlerzyklus vor zwei Jahren ausgerechnet dieses Werk ausließ, nur das Adagio durfte nachgereicht werden, unter der Leitung von Rattles Vorgänger Claudio Abbado. Jetzt wird das damals Versäumte nachgeholt, allerdings steht erneut nicht Rattle selbst am Pult. Dafür übernimmt sein Landsmann Daniel Harding die Aufgabe, der seine Karriere einst als Assistent Rattles in Birmingham begann.

Die Berliner Philharmoniker (Foto: Berliner Philharmoniker / Monika Rittershaus)

Die Berliner Philharmoniker (Foto: Berliner Philharmoniker / Monika Rittershaus)

Und eines wird deutlich an diesem Abend: es geht Harding vor allem um die Rehablitierung, a, Verteidigung des Werks. anders ist es kaum zu erklären, dass der Fokus vor allem auf den letzten Sätzen liegt, ihnen höchste Detailtreue gewidmet wird, die insbesondere das Adagio vermissen lässt. Und so plätschert dieser wunderbar vielschichtige Satz ein wenig ereignislos dahin. Bis zur Behäbigkeit verlangsamt die Tempi, viel zu dominierend die Streicher, die jede klangliche Vielfarbigkeit bald erdrücken. Selbst der gewalttätige dissonante neuntönige Akkord , der Höhe- wie Bruchpunkt des Satzes darstellt, kommt recht zahm daher, eine Spannung baut sich nicht auf, ein Einbruch von Gewalt und Bedrohung in den weitgehend ruhigen harmonischen Fluss bleibt ebenfalls aus. Nur punktuell – etwa im schrillen Schreien der ersten Violinien oder im fragilen Pianissimo kurz vor Schluss – deutet sich an, dass auch in dieser, gegenüber der Vorgängersymphonie fast lebensbejahenden Zehnten ein Abgrund gähnt. Noch beiläufiger der zweite Satz: Dem Walzerrhythmus dieses Scherzos fehlt jeder Schwung, das Trio wirkt äußerst schwerfällig, die romantisch schwelgenden Melodiebögen wirken wie gebremst. Der Satz leidet unter einer bleiernen Schwere, die sein musikalisches Universum nie hörbar werden lässt.

Doch dann, im kurzen dritten Satz ändert sich das Bild: Wo zuvor kompakter Einheitsklang herrschte, wird das Spiel plötzlich transparent. Tänzerisch der Grundgedanke, klar akzentuiert das lyrische Spiel der Holzbläser. Plötzlich öffnet sich das beschlagene Fenster und gibt desn Blick frei auf ein glitzerndes musikalisches Farbenspiel, das trotz des ursprünglich „Inferno“ oder „Purgatorio“ benannten Satzes äußerst optimistisch daherkommt. Eine Feier des Lebens nach der Auseinandersetzung mit dem Tod, die Mahler in der Neunten führte. Es ist ein Blick zurück, den er hier wagt, eine von ihrem Ende her gedachte Lebensfeier, nicht ohne Melancholie, aber bar jeder anhaltenden Bitterkeit, die allenfalls punktuell zugelassen ist.

Das setzt sich auch im vierten Satz fort, dem vor allem die Holzbläser einen zarten, lyrischen Grundton geben. Vollkomen durchsichtig ist das Klanggebilde jetzt und das bleibt auch im Finale so. Hier betont Harding zunächst das tastend Fragmentarische, das Suchen nach einem Ton, einem Ausdruck, einer Aussage. Lang die Pausen, spröde das Spiel vor allem der tiefen Streicher. Befreiend dann die sehnsuchtsvolle Klage der Soloflöte, die nach und nach den musikalischen Raum öffnet zu einer behutsam versönlichen Lebensbilanz, gestaltet vom samtigen Spiel der hohen Streicher, der Vielstimmigkeit von Holzbläsern, Hörnern, Blech und Schlagwerk. Da steigen die Geiden empor in engelsgleiche Höhen, haben gerade die lyrischen Passagen eine an Zerbrechlichkeit grenzende Zartheit, lassen Dirigent den Satz mit einer berührenden Mischung aus Nachdenklichkeit und Innigkeit ausklingen – ein veritables Gegenstück zum Aushauchen, zum Verschwinden am Ende der Neunten. Am Ende gönnen sie Mahler ein letztes sachtes Flehen in dieser Symphonie, die, wenn sie so detailscharf interpretiert ist wie hier die letzten drei Stze, unbedingt in Mahlers Oeuvre gehört.

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