Im Theater(t)raum

William Shakespeare: Sturm, Burgtheater Wien (Regie: Barbara Frey)

Von Sascha Krieger

Langsam, zögerlich, den Rücken dem Publikum zugewandt: Fast widerwillig und ein gutes Stück ratlos erscheint Johann Adam Oest auf der Bühne, nimmt den goldfarbenen Umhang auf, zieht ihn sich über und setzt sich an den Tisch voller aufgeschlagener Bücher und zu beschreibenden Papiers. Nachdem er eines der Sonette Shakespeares rezitiert hat,, beginnt er langsam damit, seine Geschichte zu erzählen, nein, sie zu schreiben. Prospero, der Zaubermeister aus Shakespeares letztem Stück: Hier ist er ein Weltenerschaffer, ein Geschichtenerfinder, ein Theatermacher. Irgendwann erscheint Maria Happel, glatzköpfig und gebeugt, kommt Joachim Meyerhoff, servil steif mit hängenden Schultern und Hornbrille, eine Stange hinabgerutscht. Beide werden Prospero helfen, die Geschichte zu erzählen: Meyerhoff als Luftgeist Ariel, Happel als missgestaltetes „Monster“ Caliban. . Barbara Frey hat in ihrer Wiener Inszenierung das Personal radikal reduziert, Caliban und Ariel schlüpfen in alle anderen Rollen, Schauspieler unter der Regie Prosperos. Oder ist das alles nur sein Traum? Oder gar unserer?

Bettina Meyers Bühnenbild besteht aus einem Halbrund, das von einigen schwarzen Wandteilen markiert wird. Ausgefüllt ist diese Begrenzung nicht, dahinter bleiben Hinterbühne und dort Gelagertes sichtbar. Eine halbherzig aufgebaute Kulisse dieser Theaterinsel, im Entstehen begriffen wie das, was auf ihr gespielt wird. Provisorisch wie jener Tisch mit seinen viel zu vielen Stühlen, von denen keiner zum anderen passt. Hier nun macht sich Prospero ans „Schreiben“, erfindet eine Tochter, einen Schiffbruch, die Bestrafung und anschließende Versöhnung mit seinen Feinden. Wir schauen dem Theater beim werden zu. Vielleicht ist dieser Prospero Shakespeare, der sein letztes Stück schreibt. Und vielleicht sind wir das, die wir Welten erschaffen, wenn wir träumen, uns unser Leben vorstellen, unseren Kindern Gute-Nacht-Geschichten erzählen. Ein Spiel mit Möglichem und Unmöglichem. Barbara Freys Ansatz ist kein ganz neuer, aber wenn er zu einem Stück passt, dann wohl zu Shakespeares magischem Traumspiel. Und er zieht, zumindest eine gewisse Zeit, das viel mit dem Ensemble zu tun hat. Oest ist ein sperriger, nüchterner, ständig zweifelnder Erschaffer und Zertrümmerer, Meyerhoff spielt seinen Ariel als karikaturhaft unterwürfigen Diener und lädt auch die anderen Figuren mit reichlich Komik auf, während Happel gemäß ihrer Rolle geerdeter auftritt, weniger überzogen, verlorener. So hält der Abend lange die Balance aus Slapstick und ernst, zauberhaftem Traumspiel und grober Komödie, Theaterparabel und deren Ironisierung.

Und doch verliert er irgendwann seinen Faden: Die Episode um Stefano und Trinculo fällt komplett aus dem Rahmen, hat keine Funktion und zwingt auch Oest dazu, aus der Rolle zu fallen. Ferdinand gerät bei Meyerhoff zur lächerlichen Lachnummer, was seine Szenen nachhaltig beeinträchtigen. Je länger der Abend dauert, desto mehr zerfällt er in Einzelteile, die nicht zu einander passen wollen, die keine Richtung haben, keine Aufgabe als die, sich möglichst lang am Text entlang zu hangeln. Zumal Frey jenseits der Theatermetapher wenig einfällt. So macht sie viel zu wenig aus der Reduktion des Personals: Dabei hat sie hier Ariel und Caliban vor sich, Luft und Erde, Geist und Körper, Intellekt und Triebhaftigkeit. Gemeinsam stehen sie für den Dualismus des Menschen, für sein Unten und Oben, die unvereinbaren Gegensätze, die doch einander bedingen. Doch dieses Ying und Yang verpufft,zu unterschiedlich auch die Register, in denen Meyerhoff und Happel agieren. Nur selten blitzt auf, dass sie mehr sein könnten als bloße Rollenspieler. Etwa wenn Caliban die angebetete Miranda spielen, zu ihr werden darf, eine Vereinigung mit dem Objekt der Begierde, ein Hineinträumen in ein Glück, das ihm verwehrt bleiben wird. Ein Moment zwischen Komik und Verzweiflung, Slapstick und Sehnsucht, einer der den Blick öffnen könnte und doch sogleich wieder verschwindet.

Am Ende schreibt sich Prospero noch einen würdigen Abgang, in jenem berühmten Schlussmonolog, in dem wir, die Lebenden, zu Träumenden werden, das Leben zum kurzen, flüchtigen Traum, wie ihn auch das Theater bietet. Und dann legt Oest den Umhang, Prosperos Zaubermantel, ab, tastet sich wieder rückwärts von der Bühne, ein Schlafwandler vielleicht. Oder einer, der gerade aus einem Traum erwacht ist. Ein Traum, der bei Barbara Frey Behauptung bleibt.

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