Die Antwort weiß nicht einmal der Wind

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner: Agonie, Deutsches Theater/Kammerspiele (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Es gibt Theaterinszenierungen, bei denen es sich lohnen kann, die Premiere zu verpassen und die Aufführung einige Wochen später zu besuchen. Agonie, die neueste Arbeit von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner am DT, könnte ein solcher Fall sein. Nicht, dass sich das Ensemble mittlerweile eingespielt hätte, die Inszenierung stimmiger sei oder die Textsicherheit zugenommen hätte – Texthänger gibt es auch zweieinhalb Wochen nach der Premiere noch. Nein, in diesem Fall gibt der späte Besuch einen Eindruck davon, ob die Inszenierung den Wegfall eines seiner offensichtlichsten und zentralen Gestaltungsmittel überstehen kann: Da hatten Kühnel und Kuttner ihre Nacherzählung des Falls der letzten russischen Zarenfamilie, ihr Porträt eines Herrscherpaars, das sich ins Private zurückzieht und damit das Land und sich selbst in den Abgrund treibt, mit Playback „gesungenen“ Liedern von Brecht/Eislers Gorki-Bearbeitung Die Mutter kontrastiert, einem Stück also, in dem eine Mutter den entgegengesetzten Weg wählt: aus dem privaten in den gesellschaftlichen Kampf. Nun haben – nicht zum ersten Mal, wie Kuttner süffisant in einer clever platzierten Unterbrechung betont – die Brecht-Erben einen Strich durch die Rechnung gemacht und die Nutzung der Lieder verboten.

Andere hätten das Stück zunächst aus dem Spielplan genommen oder komplett abgesetzt – nicht so Kühnel und Kuttner. Vier der fünf Lieder wurden kurzerhand durch andere Eisler-Vertonungen ersetzt: von Mehring, Majakowski oder – ganz will man das Rebellentum nicht aufgeben – erneut Brecht, zumeist auch diese in der einzigartigen Interpretation Ernst Buschs. Und siehe da: Das Erzwungene wird zum klugen Schachzug. Wenn der Zar (Jörg Pose) seinen Sohn (Moritz Grove) statt mit dem „Lob des Lernens“ mit Mehrings „Anrede an ein neugeborenes Kind“ anspricht und dabei hilflos mit den Armen fuchtelt, ist das zwar direkter, enthält aber schon den Grundkonflikt privaten Glücks und gesellschaftlicher Verantwortung en miniature, ohne die plakative Keule der „Mutter“-Folie zu schwingen. Und wenn der Zarewitsch leidenschaftlich Majakowskis „Linken Marsch“ schmettert, wird hier der Widerspruch von privatem Glücksanspruch und dem Leiden der Massen mit einer Schärfe sichtbar gemacht und zugleich ironisiert, dass die Szene zu einer der stärksten des Abends wird. Hinzu kommt, dass die zweimalige Unterbrechung des Abends durch Kuttner, um die Änderungen zu erklären, eine nicht ironiefreie Metaebene einführt, welche den monotonen Grundton zumoindest kurzzeitig aufbricht.

Das ist auch dringend nötig, schließlich wirkt diese Arbeit Kühnels uund Kuttners über weite Strecken seltsam anämisch, was wiederum damit zu tun hat, dass das Duo hier einem Drang zum Plakativen fröhnt. So gibt man sich größte Mühe,von Beginn an eine pessimistische Grundstimmung zu etablieren, die Unabwendbarkeit des Untergangs deutlich zu machen, dass sich alles diesem Grundprinzip unterzuordnen hat. Mit Jörg Pose hat dieses Konzept denn auch den perfekten Darsteller gefunden: Niemand trägt diese Mischung aus töfdlicher Langeweile, lähmender Apathie und unstillbarem Weltekel so in der Stimme wie Pose. Dazu passt denn auch das Zarengemach: Ganz in schwarz gehalten, düster-klaustrophische, die Welt nicht hereinlassende, das Morbide feiernde Grabkammer, in der der Verfall schon sichtbar ist. Dahinter hat Jo Schramm eine Drehbühne gebaut, auf welche die Fenster des Zarenzimmers nur hin und wieder den Blick richten. Was man dann sieht, sind etwa Rasputinsikonenbehängter Holzverschlag oder ein spiegelverkleideter Raum, in dem ununterbrochen der Schnee fällt. Auch die „Außenwelt“ ist kalt und ohne Hoffnung – und auch sie ist hermetisch abgeriegelt, das ganze Universum ist voller enger Räume und dreht sich (buchstäblich) im Kreis. Vielleicht ist irgendwo dahinter die „wahre Welt“, vielleicht aber auch nicht.

Womöglich wollten Kühnel und Kuttner das Bild einer verfallenden, gelähmten Gesellschaft zeichnen, vielleicht auch einen Bezug zum Hier und Jetzt herstellen, gelungen ist ihnen das nicht. Zu einengend das Korsett dieses Ein-Themen- und Eine-Stimmung-Abends, zu hermetisch eben auch das Bühnengeschehen mit seinem historisierenden Bühnenbild und den  detailgetreuen Kostümen und aufgeklebten Bärten, zu platt die wenigen ironischen Brechungen (etwa der Umstand, dass der Zarensohn eine Matrosenmütze jenes Panzerkreuzers trägt, welcher der kommunistischen Legendenbildung zufolge das Signal zur Oktoberrevolution gab). Zumal auch das großartige Ensemble keinen einheitlichen Ton finden darf. Zu oft lassen Kühnel und Kuttner die Schauspieler grimassieren und in den Slapstick verfallen, was zu dem apokalyptischen Umfeld nicht passen will, es aber auch nicht konterkariert. Stattdessen steht das dann beziehungslos nebeneinander, aufgesetzt und ohne erkennbare Funktion.

Wie dem Abend überhaupt die Richtung fehlt. Außer ausgiebig vorgeführtem Pessimismus hat er wenig zu bieten. Am gelungensten vielleicht noch das Rasputin-Porträt, den Michael Schweighöfer als vielleicht einzig lebendige Gestalt dieses Zombie-Kabinetts gibt, der aber viel zu weit von den übrigen Abziehbildern entfernt ist, um als Gegenentwurf zu taugen. Einzig Natali Selig als herzergreifend leidende und zugleich selbstsüchtige Zarin kann noch überzeugen, eine Funktion kommt ihrer Darstellung jedoch ebenso wenig zu. Und so endet dieses „zaristische Lehrstück über die letzten Tage der Romanows“ – so der Untertitel – mit einer langen Szene des Stillstands: Am Vorabend ihrer Ermordung ist die Zarenfamilie zum Gruppenbild versammelt, minutenlang regungslos, während aus dem Off eine verkitschte russische Version von Bob Dylan’s „Blowin‘ in the wind“ ertönt. Eine Antwort darauf, was dieser Abend eigentlich soll, hat jedoch auch der Wind nicht.

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