Let’s get loud

Musikfest Berlin 2013: Die Staatskapelle Berlin mit Martha Argerich und Werken von Lutosławski, Beethoven und Verdi

Von Sascha Krieger

Vielleicht muss man sich das so vorstellen: Daniel Barenboim war schon mitten in der Programmplanung für seine Konzerte am 15. und 16. September, da fiel im plötzlich ein, dass sie ja im Rahmen des Musikfests Berlin stattfinden und dieses ja einen klaren programmatischen Schwerpunkt hat. Also wird schnell noch ein kürzeres Werk Witold Lutosławskis aufs Abendprogramm gehoben, um auch der programmatischen Vorgabe des Festivals zu entsprechen. Ob es so war, wird sich wohl kaum feststellen lassen, eine mögliche Erklärung für die seltsame Werkkombination wäre es auf jeden Fall. Denn warum Lutosławskis Mi-parti neben Beethovens erstem Klavierkonzert und Verdis späten sakralen Stücken steht, erschließt sich auch am Ende dieser langen zweieinhalb Stunden nicht. Am Ende bleibt ein Abend, der mit routiniert bereits ausreichend und äußerst freundlich umschrieben ist.

Vierhändige Zugabe: Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Musikfest Berlin (Foto: Holger Kettner)

Vierhändige Zugabe: Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Musikfest Berlin (Foto: Holger Kettner)

Da hilft auch die Anwesenheit der großen Pianistin Martha Argerich nicht, deren Auftritt wohl die primäre Existenzberechtigung dieses Konzertprogramms darstellt. Ganz gerecht wird auch diese eigentlich grandiose Beethoven-Interpretin diesem frühen Großwerk des gebürtigen Bonners nur selten. Zweifellos ist ihr Spiel der Höhepunkt des Abends: So klar und perlend, so federleicht und zugleich fest und energisch wie ihr Spiel ist kaum ein zweites auf der Welt, so intim ist wohl auch niemand anderes mit der Beethovenschen Klavierliteratur vertraut. Mühelos virtuos beherrscht sie die anspruchsvollen Passagen dieses pianistischen Glanzwerks, wunderbar gelingen die kantablen Teile und auch das Lyrische verliert nie den glockenhellen Klang. Und doch wirkt das Ganze vor allem routiniert. Nicht nur dass Argerich das Werk im sprichwörtlichen Schlafe spielen könnte, exakt so klingt es auch über weite Strecken, fast gelangweilt und weitgehend ausdrucksfrei spult sie das reiche musikalische Repertoire des Werkes herunter, merkwürdig trocken klingt das zuweilen, von einem Interpretationsansatz ist nichts zu erkennen. Und doch ist das wohltuend angesichts der Blockhaftigkeit, mit der Barenboim den Orchesterpart hinter ihr auftürmt. Wo Argerich kraftvoll spielt, ist die Staatskapelle nur laut, ein wirklicher Dialog entsteht so nicht. Stehend Ovationen gibt es für Martha Argerich trotzdem und das vierhändige Spiel mit Daniel Barenboim in der zweiten Zugabe verzaubert so manchen Besucher.

Leider ist das Klavierkonzert schon der musikalische Höhepunkt des Abends. Dabei hatte gerade das Lutosławski-Stück verheißungsvoll begonnen: Von zerbrechlicher Zartheit sind da die hauchzarten Klangflächen des anfangs, aus denen sacht ein musikalisches Universum von höchster Komplexität erwächst. Das bei Barenboim jedoch bald zum monolithischen Klotz wird: Die Stimmenvielfalt der aleatorischen Passagen versinkt im opaken Gesamtklang, Kraft und Intensität werden mit purer Lautstärke verwechselt, selbst die Rätselhaftigkeit der statischen Klangflächen gegen Ende wirkt seltsam belanglos. Die zuweilen fast unerträgliche Spannung, die Lutosławskis Werke oft auszeichnet, stellt sie hier nicht ein. So bleibt nur eine Ahnung vom eigentümlichen Zauber dieser Musik, erhellen können Dirigent und Orchester ihn nicht.

Das ist bei den abschließenden Quattro pezzi sacri von Giuseppe Verdi nicht viel anders. Am gelungensten noch die beiden A-Capella-Stücke, in denen der von Simon Halsey vorzüglich eingerichtete Rundfunkchor Berlin zu brillieren vermag. Mit großem Ernst und nüchterner Strenge stellt er die barockhafte Feierlichkeit des Ave Maria her, mit hoher Ausdrucksstärke und klarer Dramatik erweckt er die renaissancehafte Kantabilität des Laudi alla Vergine Maria zum Leben. Für die beiden anderen mit voller Orchesterkraft ausgestatteten Stücke gilt das leider nicht. Das liegt vor allem daran, dass der Opernspezialist Barenboim versucht die dramatischen Qualitäten der Musik herauszukehren versucht und ihm wenig anderes einfällt, als die Lautstärke zu immer neuen Höhen empor zu schrauben. Da hat es auch der Chor mit all seiner Expressivität und seinem variablen Ausdruck schwer. Da können die Sängerinnen und Sänger sich noch so sehr um den feierlichen Ausdruck des Te Deum bemühen: Wenn davor das Orchester mehr nach Wagner als nach Verdi klingt, stehen sie auf verlorenem Posten. Man muss wohl auch einem Spitzenorchester wie der Staatskapelle und einem bedeutenden Dirigentin wie Daniel Barenboim zugestehen, dass selbst sie mal einen schwachen Abend erwischen. Hoffen wir also auf eine um einiges bessere Spielzeit.

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