Die Partitur ist der Star

Musikfest Berlin 2013: Das Philharmonia Orchestra mit Werken von Lutosławski, Debussy und Ravel

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist der wichtigste Moment des Gastspiels des Londoner Philharmonia Orchestra im Rahmen des Musikfests Berlin 2013 einer, der stattfindet, als eigentlich schon alles vorbei ist. Der Jubel des Publikums will nicht abebben, durchaus schon ein erstaunliches Ereignis, nachdem gerade 30 Minuten zeitgenössische Musik erklungen sind, da greift Esa-Pekka Salonen, Chefdirigent des Orchesters, zur Partitur und reckt sie in die Höhe, als wollte er sagen: Das hier, die Musik, die der Komponist erschaffen hat, ist der Star, dem ihr zujubeln sollt, wir – Dirigent und Orchester – nur seine Hilfsmittel. Es ist hilfreich, diese Geste im Kopf zu behalten, wenn man versucht sich dem zu nähern, was den Dirigenten Salonen – der ja selbst einer der bedeutendsten Komponisten unserer Zeit ist – ausmacht. Bei ihm steht stets die Arbeit mit und an der Partitur im Mittelpunkt, das Herauskitzeln dessen, worin ihr Kern besteht und nicht selten auch das lenken des Blicks – oder  besser des Gehörs – auf das, was oft verborgen bleibt. Dabei fällt auch auf, wie variabel Salonens Interpretationen sind – weil sie sich voll und ganz auf das einzelne Werk konzentrieren.

Die Partitur ist der Star: Esa-Pekka Salonen und das Philharmonia Orchestra beim Musikfest Berlin. (Foto: Kai Bienert / Berliner Festspiele)

Lässt die Partitur feiern: Esa-Pekka Salonen mit dem Philharmonia Orchestra beim Musikfest Berlin. (Foto: Kai Bienert / Berliner Festspiele)

Exemplarisch zu beobachten ist das bei den beiden Werken, die Salonen dem diesjährigen Festival-Schwerpunkt Lutosławski an die Seite gestellt hat. Da ist zunächst Claude Debussys berühmtes, oft als Musterbeispiel des musikalischen Impressionismus charakterisiertes, Prélude à l’après-midi d’un faune. Das Spiel musikalischer Farben, das als so charakteristisch für das Werk gilt, interessiert Salonen dabei weniger. Schon das berühmte Flötensolo zu Beginn kommt dezidiert zögerlich, fragend daher. schnell wird klar: Hier soll niemand ins Träumen kommen, sondern genau zuhören. Fest und von überraschender strenge ist das Orchesterspiel, klar und scharf abgegrenzt die Themen und Motive, da irrlichtert nichts, alles hat eine klar erkennbare Form. Der Fokus gilt einem transparenten Blick auf das Werk, seine Struktur, das Zusammenspiel der musikalischen Elemente. Der Zauber, den viele mit dem Stück verbinden, stellt sich nicht an, wohl aber Verständnis für die musikalische Meisterschaft Debussys, die weit jenseits irgendwelcher impressionistischer Augenblickskunst liegt.

Völlig anders dann Maurice Ravels auf populären Märchen basierende Orchestersuite Ma Mère l’Oye. Hier widmen sich Orchester und Dirigent ausgiebig dem musikalischen Farbenspiel, das sie Debussy verweigert hatten. Transparent der Ansatz auch hier, jede Einzelstimme wird hörbar und zur Keimzelle des großen Ganzen. Doch welch vollkommen anderer Eindruck: Ravels Werk gerät zur Reise durch die Welt der Ausdrucksmuster und Klagfarben: Wunderbar der Dialog von romantisch-träumerischen Klängen und fahl-gespenstischer Atmosphäre im Eingangsstück, streng und feierlich, von harten Kanten geprägt, die Erhabenheit des dritten Satzes, von affirmativer strenge der klassizistisch glanzvolle Schluss. Da steht scharfe Theatralik (Satz vier) neben einem brüchigen, vorsichtig tastenden, unsicheren Hymnus (fünfter Satz), steht kraftvolle Wucht, neben fragendem Gestus. Das glänzt und schillert und leuchtet sanft.

Im Mittelpunkt des Abends steht aber natürlich Witold Lutosławski, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Reduziert, sachlich und von schlanker Klarheit seine Gedichtvertonung Les Espaces du sommeil, die Salonen so nachtschwarz beginnen lässt. Mit Bariton Matthias Goerne ist ein Sänger für die Gesangspartie zuständig, der diese Mischung aus nüchtern narrativem Duktus, maximaler Reduktion und äußerster Klarheit beherrscht und mit einer Wandelbarkeit paart, die beweist, dass weniger tatsächlich mehr (Ausdruck) sein kann. Dahinter lässt Salonen sorgfältig Klangflächen aufbauen, dynamische Akzente (vor allem in den Streichern) setzen und eine alptraumhafte Atmosphäre schaffen, die beeindruckt. Erschütternd das Wechselspiel von unerbittlichem Prestissimo und gespenstischem schweben der Streicher gegen Schluss, blitzartig das Dazwischenfahren einzelner Instrumente, disruptiv die Entladungen über dem undurchdringlich erscheinenden Klangteppich.

So zwingend die Verbindung aus höchster Transparenz und atmosphärischer Dichte hier gelingt, so tut sie dies auch in Lutosławskis dritter Symphonie. Esa-Pekka Salonens Ausgestaltung dieses Hauptwerks des polnischen Komponisten  lässt sich beschreiben als Geburt eines musikalischen Universums aus dem Chaos. Dieses entfaltet sich zunächst in den kontrolliert freien Ad-Libitum-Passagen des Beginns, im rat- und rastlosen Suchen des Orchesters, aus dem sich langsam so etwas wie Konturen entwickeln: eine Art Summen oder Brodeln, die sich schon bald wieder in kurze, von deutlichen Pausen getrennte Klangfetzen aufspalten, um wieder zusammenzufinden und dramatisch anzuschwellen. immer dichter werden die Klanggebilde, immer deutlicher erkennbar Motive und musikalische Bausteine. Atemberaubend gerät das Spiel von Spannungsauf- und abbau, das zu einem immer intensiveren Aufprall von Gegensätzen wird. Dramatisch flirren die Streicher, unterbrochen von vereinzelten Rufen vor alle der Holzbläser, bevor alles in einem fast klassizistisch anmutenden dramatischen Schluss endet. Und in der Feier der Partitur, wie das ganze Konzert bereits eine war.

 

 

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