Jenseits des Lärmens

Musikfest Berlin 2013: Das Konzerthausorchester Berlin und Benjamin Grosvenor mit Werken von Lutosławski, Britten und Janáček

Von Sascha Krieger

Ist von Benjamin Grosvenor die Rede, fällt schnell der Begriff „Wunderkind“. Bereits als Kind heimste der Engländer eine Auszeichnung nach der anderen ein, darunter den prestigeträchtigen Young Musician of the Year Award der BBC, gab Konzerte und machte bereits als Teenager erfolgreiche Plattenaufnahmen. Seit einigen Jahren zählt der heute 21-Jährige weltweit zu den gefragtesten Pianisten seiner Generation. Anzusehen ist ihm das nicht. Wenn er das Podium des Konzerthauses betritt, möchte man zunächst meinen, da hätte sich einer versehentlich auf die Bühne verirrt, ein schüchterner unscheinbarer Junge im grauen Hemd, der den Besucher fast nach dem Sicherheitsdienst rufen lässt, wenn er sich am teuren Steinway-Flügel niederlässt. Doch kaum hat Benjamin Brittens Konzert für Klavier und Orchester begonnen, wird mehr als deutlich, dass er da hingehört und nirgendwo sonst. Und noch etwas anderes wird klar: Benjamin Grosvenor ist schon lange kein „Wunderkind“ mehr, der dort spielt, ist ein reifer Musiker, der wie selbstverständlich Virtuosität mit Ausdruckskraft, Technik mit überzeugender Interpretation zu verbinden weiß. So manchem um einiges älteren Tastenstar gelingt das auf weniger überzeugende Weise.

Das Konzerthausorchester Berlin (Foto: Kai Bienert)

Das Konzerthausorchester Berlin (Foto: Kai Bienert)

Scheinbar mühelos fegt Grosvenor durch die virtuosen Passagen des Eingangssatzes und ist doch in den kantablen Teilen dieses und der folgenden Sätze mindestens ebenso zu Hause. Von Anstrengung aufgrund der teilweise recht anspruchsvollen Partitur, die so manche schwierige Grifftechnik erfordert, ist nichts zu spüren, die Beherrschung der Technik stets nur die Grundlage. Leicht und klar ist sein Anschlag, aber auch die kraftvollen Passagen, die insbesondere das Finale erfordert, gelingen ihm überzeugend. Geschwind eilt er dahin oder taucht tief ein in das lyrisch-postromantische Spiel der Mittelsätze. Nie ist da nur Schönklang, die Ambivalenz des im Vorkriegsjahr 1938 und gegen Kriegsende revidierten Werks scheint immer wieder auf, insbesondere im geisterhaft daherkommenden Walzer des zweiten Satzes, den so mancher Experte als Anspielung auf den Anschluss Österreichs durch Nazideutschland gedeutet hat. So betont Grosvenor immer wieder den dramatischen Charakter des Werks, arbeitet Kontraste heraus und lässt sie hart aufeinanderprallen, nur um seinem Instrument in den lyrischen Passagen einen wunderschön perlenden Klang zu entlocken. Das Nebeneinander von purer, weltentrückter Schönheit der Kunst und der Bedrohung die von der Gegenwart ausgeht wird in seinem Spiel lebendig – insbesondere im gespenstisch schönen Walzer oder dem sachten Tasten des Impromptus.

Es ist gut, dass Benjamin Grosvenor da ist, denn das Konzerthausorchester, mit dem er im Rahmen des Musikfests Berlin auftritt, hat keinen besonders guten Tag erwischt. Wo Grosvenor dramatische Effekte erschafft, sind sie beim Orchester oft nur bloße Behauptung. Dirigent Ilan Volkov setzt auf pure Lautstärke und erzeugt doch kaum Intensität. Wo Spannung entsteht, hat sie ihren Ursprung im Soloinstrument, im besten Fall, wie etwa im Finalsatz, gelingt es dem Orchester zu folgen, oft jedoch stört sein Lärmen den Gesamteindruck. Das hatte sich schon zu Beginn, Witold Lutosławskis Jeux vénitiens für Kammerorchester abgezeichnet. Hier kommt Lutosławskis Methode der „kontrollierten Aleatorik“ zum Einsatz, bei der jeder Musiker in klar definierten Grenzen die Vorgaben des Komponisten frei interpretieren kann. Bei Volkov wird das zum undefinierten Wirrwarr, dem jegliche Ausdrucksstärke oder gar so etwas wie Spannung fehlt, was sich in den ausnotierten Passagen leider fortsetzt. Das Anschwellen im vierten Teil führt zu keinerlei gesteigerter Intensität, es wird lediglich lauter, Lutosławskis anspruchsvolles Werk plätschert weitgehend beliebig dahin ohne jeden Erkenntnisgewinn für den Zuhörer.

Nach der Pause wird es zumindest ein wenig besser. Allerdings erst im zweiten letzten Satz von Brittens Sinfonia da Requiem. Zuvor hatte Volkov erneut undurchdringliche Klangmassen aufgetürmt, vor allem der einleitende Lacrymosa in Schwerfälligkeit erdrückt und aus den schwebenden Streicherflächen schwere Mauern gemacht. Zu schwerfällig auch das unerbittliche Toben des Dies irae, allerdings gelingt es hier erstmals, vor allem durch den dezidierten Einsatz von Pausen, so etwas wie Spannung zu erzeugen. Die gesteigerte Dynamik setzt sich auch im abschließenden Requiem aeternam fort, das zielsicher dem feierlichen Höhepunkt zustrebt und den Widerspruch zwischen Glaubensbekenntnis und der hereinbrechenden Wirklichkeit in kurzen Momenten aufscheinen lässt. Allerdings misslingt erneut der Schluss, viel zu massig kommt daher, was eigentlich ein Aushauchen sein sollte.

Ein wenig zu opak ist das Klangbild dann auch in Orchesterrhapsodie Taras Bulba von Leoš Janáček nach einer Geschichte Gogols über den Kampf und Tod eines stolzen Kosakenhauptmanns und seiner Söhne. Zu selten scheint der klangliche Reichtum des volkstümliche Melodien und lautmalerische Effekte einbindenden wortlosen musikalischen Dramas auf, zu blockartig lässt Volkov das Orchester spielen. Dabei ist der dramatische Widerstreit von Gut und Böse, Lyrik und Gewalt gerade im ersten Satz durchaus spürbar, gelingt der schroffe Aufschrei am Ende des zweiten Teils, leitet das Orchester im Schlussteil plausibel von der Wildheit des Beginns zur großen Geste der Vision des sterbenden Taras über, ohne ins Heldische zu verfallen. Und doch lässt das Orchester in Sachen Klangkultur, Variabilität und Transparenz vieles vermissen, was den Klangkörper unter seinem Chefdirigenten Iván Fischer auszeichnet. Nur gut, dass ein scheuer unscheinbarer junger Engländer auch da war.

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