Musikalische Wunderwelten

Musikfest Berlin 2013: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Werken von Lutosławski und Bartók

Von Sascha Krieger

Vielleicht hat es sich ja herumgesprochen: Wenn Mariss Jansons beim Musikfest Berlin am Pult steht, ereignet sich meist Außergewöhnliches. Das war bei seinen häufigen Besuchen mit dem Amsterdamer Concertgebouw-Orchester, zuletzt vor einem Jahr, so (in diesem Jahr überließ er es seinem Kollegen Daniele Gatti), und das erhofft man sich wohl auch vom Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, dem Jansons seit 2003 als Chefdirigent vorsteht – ein Jahr länger als dem Amsterdamer Klangkörper. Womöglich ist es so zu erklären, dass die Philharmonie um einiges besser gefüllt ist als an so manchem vorangegangenen Abend. Und das obwohl sich Jansons mit den Konzerten für Orchester von Witold Lutosławski und Béla Bartók durchaus sperrige Kost ausgesucht hat, ein populäres Programm sieht sicher anders aus. Und dennoch: Wenn nach einem solchen Abend die Besucher bin glänzenden Augen die Philharmonie verlassen, ist etwas Besonderes passiert. Ein Konzert mit Mariss Jansons eben.

Mariss Jansons dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beim Musikfest Berlin. (Foto: Peter Meisel)

Mariss Jansons dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beim Musikfest Berlin. (Foto: Peter Meisel)

Was die Magie von Jansons Kunst ausmacht, lässt sich einfach beschreiben und ist doch viel zu komplex, als es in Worten fassen zu können: Es gibt wohl keinen anderen Dirigenten, der auf diese Weise höchste Transparenz mit perfekter musikalischer Einheit zu verschmelzen weiß, bei dem jede Note, jedes Instrument, jedes musikalische Detail, jeder Konstruktionsschritt zu hören sind und doch immer das große Ganze im Blick bleibt. Diese Meisterschaft braucht natürlich ein Orchester, das diese Elemente zu verbinden weiß, das äußerst flexibel ist, sich zu höchstmöglicher Präzision fähig zeigt und zugleich einen unverwechselbar kraftvollen Gesamtklang zu erzeuge vermag, wie das beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks der Fall ist.

Was dabei herauskommen kann, lässt sich bei Lutosławskis Orchesterkonzert exemplarisch erleben. Im Mittelpunkt steht dabei das Finale, in das der Komponist alles hineingepackt zu haben scheint, was seine musikalische Welt ausmacht. Faszinierend das konzertante Spiel der Soloinstrumente: Die treibenden Streicher, die Fanfarenstöße der Blechbläser, die wühlende Arbeit der Celli und Bässe, das drängende Pochen des Schlagzeugs oder das lyrische Spiel der Holzbläser – sie alle kommen zu ihrem Recht, haben ihren Moment im Rampenlicht, füllen für einen Augenblick den Saal ganz aus und vereinen sich zugleich zu einem vielstimmigen Universum, das viel mehr ist als die Summe seiner Teile. Präzise arbeitet Jansons die romantischen Inspirationsquellen, die volkstümlichen Einflüsse heraus, legt die zahlreichen stimmungs-, Tempi- und Rhythmuswechsel offen und macht das Spiel aus Tradition du Moderne, das gerade dieses Werk prägt, mit all seinen Brüchen und dramatischen Effekten, spür- und hörbar. Und doch ist das keine akademische Arbeit, sondern ein überaus abwechslungsreiches Hörerlebnis, das von der ersten bis zur letzten Sekunde fasziniert. Da stehen Passagen, die Filmmusik sein könnten, neben schroffen beinahe kakophonischen Klanggebilden – und es passt alles zusammen.

Ähnliches lässt sich für das Orchesterkonzert Bartóks sagen. Hier bezaubert zunächst der märchenhafte Charakter, den Jansons dem Werk entlockt. Irgendwo zwischen Traum und Alptraum schweben diese Melodiegebilde und Klangtürme, zuweilen (vor allem im Eingangssatz) fühlt man sich an 1001 Nacht erinnert, andere Male taucht man in romantischen Klangwelten ab, nur um gleich wieder von harten Akkordfolgen und unbarmherzigem Fortissimo in die Wirklichkeit zurückgeholt zu werden. Ist Bartóks drittes Klavierkonzert eine ernsthafte Bilanz seines musikalischen Schaffens, erweist sich dieses kurz zuvor entstandene Werk als spielerische Zusammenfassung von Bartóks musikalischem Schaffens. Und so lässt Jansons spielen: Mühelos leicht erscheint das paarweise, sich darauf zu Quartetten vereinende Spiel der Holzbläser im zweiten Satz, behutsam wird aus dem Schwelgen der Streicher im vierten Satz ein humorvoll-tippelnder Charakter, aufregend dann im Finale, wie aus dem wilden Tanz des Beginns ein  vermeintliches „Durcheinander“ des Orchesterspiels wird, der wiederum in einen beinahe klassisch anmutenden überaus wuchtigen Schluss mündet.

Mariss Jansons entwickelt seine Interpretation aus dem glasklaren Spiel seiner Solisten, die ihre Partien mit schlichter Schönheit spielen und damit das Fundament bilden für die rätselhaft irisierende Grundstimmung, die Jansons dem Konzert entlockt. Wenn dies eine Bilanz ist das ist es auch eine fragende, eine sich ihrer selbst nie ganz sichere, eine, die nicht so ganz weiß, was das Bilanzierte eigentlich wert ist. Und doch ist das nie schwer, ist Musik selten so sehr Spiel wie hier. Nirgends wird das so deutlich wie im „Elegia“ benannten mittleren der fünf Sätze: Die flirrenden Holzbläserläufe, die schwebenden Glissandi der Harfen, die romantisch klagende Oboe: All das ist so zerbrechlich, so kaum noch wirklich da, dass es in eine Zwischenwelt zu entführen scheint, in der nichts sicher und nichts von Dauer ist. Für Bartóks Konzert für Orchester Sz 116 gilt das nicht – und Dirigenten wie Mariss Jansons haben daran einen nicht unwesentlichen Anteil.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: