Mit ruhiger Hand

Musikfest Berlin 2013: Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Werken von Bartók, Hartmann und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Marek Janowski, seit 2002 Künstlerischer Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, gehört nicht gerade zu den aufgeregteren Vertretern seiner Zunft, ein akribischer Partiturabeiter, dem die Konstruktion eines Werkes wichtig ist, der mit fast wissenschaftlicher Strenge Note für Note erarbeitet und zu Gehör bringt. Seine Interpretationen wirken mitunter kühl, stets kontrolliert-sachlich und entwickeln gerade daraus oft eine kaum vermutete Kraft. Die große Geste ist Janowski fremd, die musikalische Entgrenzung seine Sache nicht. Immer steht das große Ganze im Mittelpunkt, er ist kein Stückefragmentierer und auch die  Durchsichtigkeit eines Rattle oder Jansons sucht man in seinen Konzerten vergeblich. Dabei hat er mit dem RSB einen Klangkörper an der Hand, der diesen schnörkellosen Stil mit großer Präzision und erstaunlicher Wandelbarkeit zu paaren vermag. Zu beobachten und teils auch zu bestaunen war dies beim Konzert des Orchesters im Rahmen des Musikfests Berlin 2013.

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Besonders gut bekommt dieser Ansatz dabei Dmitri Schostakowitsch Symphonie Nr. 13. Musikalisch eines der schlichtesten Werke des Russen, finden sich darin kaum die komplexen Strukturen, die harten Brüche, die grotesken und gewalttätigen Entladungen, das Spiel von tonalen und atonalen Welten,  die man sonst in den Symphonien des zeitlebens zwischen allen Stühlen Sitzenden kennt. Es ist Schostakowitschs Bekenntniswerk, basierend auf Gedichten Jewgeni Jewtuschenkos, die selbst während der Chruschtschow-Ära nicht ohne Risiko waren. Da zieht sich eine Linie von Anne Frank und den Massenerschießungen ukrainischer Juden in Babi Jar durch deutsche Einheiten bis hin zum auch in Russland verbreiteten Antisemitismus, da bezieht sich der vierte, „Ängste“ betitelte Satz ausdrücklich auf die Verfolgung der Stalin-Ära, zeichnet sich das Erzähler-Ich als Hofnarr von Diktatoren und als Nachfolger Galileis. Deutlicher setzte sich Schostakowitsch nie mit seiner sowjetischen Heimat auseinander. Wie wichtig das ist, zeigt, welchen Stellenwert das gesungene Wort in der Symphonie hat. Es setzt den Ton, steht im Zentrum, bestimmt die Form. Die oft von einheitlichen Rhythmen geprägten Sätze sind klar am Rhythmus der Gedichte orientiert. Dem Orchester kommt oft vor allem eine begleitende Funktion zu. Janowski lässt das RSB sehr zurückgenommen spielen, schnörkellos geradlinig die Interpretation, sachlich, zuweilen fast trocken der zumeist vergleichsweise dunkle Klang des Orchesters. Es grundiert die unerhörte Worte, erdet sie, verschafft ihnen einen Resonanzboden.

Und schreckt den Zuhörer immer wieder auf: Die Einbrüche der Gewalt, die Schostakowitsch hier eher sparsam aber umso gezielter platziert hat, treffen mit ungebremster Wucht, unvermittelt türmen sie sich auf, stets kontrolliert, doch mit kaum erträglichem Druck. So behutsam tastend das Orchester oft die Singstimmen begleitet, so kompromisslos erzählt es in diesen Höhepunkten, etwa in der Anne-Frank-Passage des ersten Satzes oder in der Apotheose des Ängste-Kapitels, vom Jahrhundert der Kriege, der Genozide, der Despoten, von der lähmenden Angst und der alltäglichen Gewalt. Immer wieder wendet sich der Klang, insbesondere der Blechbläser ins Harte, Scharfe, arbeitet Janowski die rhythmische Struktur dieses nur oberflächlich simplen Gebildes heraus, deutet er die Brüche, die Leerstellen mehr als, als er sie offenlegt und doch ist die Bedrohung des vermeintlichen Friedens immer da, etwa im Flüstern des düsteren Trauermarschs im dritten Satz oder in der wunderbaren Schlusswendung des Finales: Sacht ironisch das Pizzicato der Streicher, spöttisch das Meckern das Fagotts, zuckersüß lieblich der Geigenteppich, den Janowski dann ganz vorsichtig ins Groteske kippen lässt. Das Schostakowitschsche Universum – hier kommt es zum Vorschein.

Leider halten die Vokalisten das Niveau des Orchesters nicht. Das gilt vor allem für Günther Groissböck, der die Basspartie singt. Zu sehr dehnt er jede Silbe, zu pathetisch gerät sein Ton, stimmlich gerät der Gesang zuweilen etwas dünn. Da könnte ihn der Estnische Nationale Männerchor auffangen, doch ist seine Interpretation seltsam zurückgenommen, kippt seine durchaus angemessene Sachlichkeit zuweilen ins Trockene. Gelungener war das Zusammenspiel zwischen Orchester und Solistin zuvor bei Karl Amadeus Hartmanns Concerto funebre betiteltem Violinkonzert. Isabelle Faust erweist sich als meisterhafte Interpretin dieses Werks, in dem der Solist eine besonders wichtige Rolle hat. den ersten Satz stemmt die Solostimme fast allein, erst im dritten entwickelt sich so etwas wie ein Dialog mit dem Orchester. Klar und scharf ist Fausts Spiel, Lyrik und harte Rhythmik verbinden sich darin auf erstaunlich selbstverständliche Weise. Kraftvoll und schlang wandelt sie durch Choräle und Trauermärsche, durch rhythmisch-dynamische Passagen, und behält stets den Blick für Zusammenhänge. Janowski lässt sich von ihr führen und doch ist das Orchester spätestens ab dem dritten Satz nicht bloßer Begleiter, sondern kongenialer Partner dieser fragend ratlosen Trauermusik.

Eröffnet worden war das Konzert mit Béla Bartóks Vier Stücken für Orchester, einem Frühwerk des Ungarns. Da gerät das Intermezzo ein wenig beiläufig, das abschließende Verklingen etwas zu massiv und doch gelingt es Janowski auch hier, das Konstruktionsprinzip dieser verkappten Sinfonie zu offenbaren. Schon hier überzeugen vor allem die dramatischen Wendungen, insbesondere im expressionistisch inspirierten zweiten Stück, die harten Brüche, die schnörkellosen Ausbrüche geballter Orchesterkraft. Überzeugen können an diesem Abend vor allem die Konsequenz, mit der Janowski seine Interpretationsideen verfolgt und eine Dreizehnte, die sich bei diesem Dirigenten und diesem Orchester in allerbesten Händen befindet. Wenig ist das nicht.

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