Aus dem Nichts

Musikfest Berlin 2013: Das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam mit Werken von Lutosławski, Bartók und Prokofjew

Von Sascha Krieger

Man muss von „Rankings“ und „Hitlisten“ im künstlerischen Bereich ja nicht viel halten, könnte einwenden, Kunst sei kein Sport und die Fragen nach „dem Besten“ verbiete sich. Das ist alles nicht falsch und gilt sicherlich auch für Orchesterrankings. Ein solches führte das angesehene Gramophone Magazine vor fünf Jahren durch, die zwanzig „besten“ Orchester weltweit sollten gefunden werden. Platz eins war eine Überraschung: Nicht die Berliner oder Wiener Philharmoniker erklommen den Thron, nein, das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam kürten die Gramophone-Experten zum besten der Welt. Wie gesagt, das muss man nicht allzu ernst nehmen und doch ist ein Gastspiel des Orchesters immer wieder eine gute Möglichkeit, selbst zu ergründen, was die Juroren damals so begeistert haben mag. Und dazu muss nicht einmal Chefdirigent Mariss Jansons selbst am Pult stehen: Das Konzert im Rahmen des Musikfests Berlin unter dem italienischen Maestro Daniele Gatti bot Gelegenheit zu erfahren, was den Klangkörper so besonders macht: Diese einzigartige Mischung aus perfekter Klangkultur, atemberaubender Präzision, höchster Transparenz und unverwechselbar kompaktem Klang machte auch dieses Konzert zum Ereignis – wie so viele zuvor.

Daniele Gatti dirigiert das Koninklijk Concertgebouworkest beim Musikfest Berlin. (Foto: Kai Bienert / Berliner Festspiele)

Daniele Gatti dirigiert das Koninklijk Concertgebouworkest beim Musikfest Berlin. (Foto: Kai Bienert / Berliner Festspiele)

Diese unvergleichliche Mischung zeigt sich schon gleich zu Beginn, in Witold Lutosławskis Béla Bartók gewidmeter Trauermusik Musique funèbre, übrigens eines von vielen den Tod thematisierenden Werken dieses Musikfests. Wie die tiefen Streicher behutsam aus dem Nichts einen zerbrechlichen Klangkosmos erschaffen und wie sie diesen sie zum Schluss nach einem faszinierend kontrastreichen Zwiegespräch von ersten Geigen und Solo-Cello wieder in vollkommene Stille auflösen, ist kaum zu ertragen und zugleich beinahe überirdisch schön. Nuancenreich das Spiel aller Instrumentengruppen, klar und doch von deutlicher Schärfe der unverwechselbare Streicherklang. Ohne jeglichen Zwang strebt das Stück in organischer Entwicklung seinen Höhepunkten, dem schneidenden Todesschrei des Apogäum und dem düster-kraftvollen Gesang der tiefen Streicher zu, bevor der Tod sein recht einfordert. Das ist stets mit höchster Präzision und scharfen Kanten gezeichnet und berührt vielleicht gerade deshalb so tief.

Es folgt ein weiteres Abschiedswerk: Béla Bartóks kurz vor seinem Tod komponiertes drittes Klavierkonzert. Für das sich Yefim Bronfman als kongenialer Solist erweist. Fest und doch stets federnd, rhythmisch-prägnant und von schlichter Klarheit sein Spiel. Faszinierend das Wechselspiel zwischen Solist und Orchester: Mal begnügt sich das Orchester mit der Begleitung des Soloparts, nur um sogleich wieder in ein farbenreiches Zwiegespräch einzutreten. Zuweilen verschwindet das Klavier fast im Orchester und behauptet sich kurz darauf erneut in all seiner Eigenständigkeit. Mal treibt Bronfman das Orchester voran, mal ist es umgekehrt, meist bewegen sie sich in vollem Einklang. Bartóks Konzert ist ein Ritt durch die Musikgeschichte wie durch die eigene. Choräle, Beethovenanklänge, Mozartisches und Bartóks große Inspirationsquelle, die Volksmusik seiner Heimat, wirken – das Werk stammt von 1945! – wie eine trotzige Selbstbehauptung europäischer kultureller Identität.

Die gar nicht trotzig daherkommt: Hauchzart der Streicherteppich zu Beginn, sacht die Entstehung des wie hingetupften Kanons im zweiten Satz, wunderbar dort auch das Spiel von kontrastierendem Widerspruch und harmonischer Einheit. Wie selbstverständlich jagen die Rhythmus-und Tempiwechsel des Finales einander und eröffnen dabei ein musikalisches Universum, das so vielfältig ist wie es immer wieder auch Brüche erlaubt. Fast meint man dem Werk bei seiner Entstehung zuzuhören, so frisch und neu lässt Gatti das Stück erklingen, auch weil es vollkommen schnörkellos daherkommt. Und so erscheint das Konzert wie eine musikalische Lebensbilanz – unsentimental und doch nicht ohne Stolz.

Zum Abschluss bringt das Orchester dann Auszüge aus den beiden Suiten zu Gehör, die Sergej Prokofjew aus seiner Ballettmusik zu Romeo und Julia erschaffen hat. Eröffnet werden sie durch die berühmte Gegenüberstellung der Montagues und Capulets, bei dem Gatti stilsicher der Versuchung entgeht, sich auf der Popularität des Hauptthemas auszuruhen. Im Gegenteil: Kraftvoll und selbstbewusst stemmen sich die Blechbläser dem Geschmackskonsens entgegen, fordern das Thema heraus und entlocken dem Stück kaum geahnte Facetten. Dabei liegt dem Orchester auch das Leichte, sorglos Beschwingte oder verliebt Schwelgende: Wunderbar die Charakterisierung Julias durch die Flöten, sehnsuchtsvoll die Geigen in der Balkonszene. Tybalts Tod bahnt sich in akzentuierten Kontrasten und unentrinnbar treibenden Streicherläufen an, bevor die Donnerschläge der Celli und Bässe ins Mark treffen. Traumhaft im besten Sinne dann die Naturlyrik des Pater Laurentius, bevor die Grabszene sich in einer zwingenden Mischung aus düsterem Trauermarsch, sehnsuchtsvoll zartem Streicherspiel und gespenstischer Gegenstimmung entfaltet. Wie in einer Geisterwelt flirren zum Schluss die Geigen, anklagend vielleicht und keine Lösung bietend. Es ist ein verstörender Schlusspunkts eines Abends, wie er sich viel zu selten bietet.

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