Dröhnende Leere

Musikfest Berlin 2013: Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Donald Runnicles mit Werken von Schostakowitsch und Britten

Von Sascha Krieger

Auf dem hart umkämpften „Markt“ der Musikfestivals ist es für jede Veranstaltung wichtig, ein eigenes Profil zu entwickeln, ein Gesicht, das sich von den anderen unterscheidet. Beim Musikfest Berlin ist das sicher die musikalische Schwerpunktsetzung, die sich bis in jedes einzelne Abendprogramm fortsetzt und sich dort widerspiegelt. Das geht so weit, dass auch die Konzertfolge konzeptionell ausgeklügelt erscheint. So ist es wohl kaum Zufall, dass Festivalleiter Dr. Winrich Hopp zwei Abende aufeinander folgen lässt, die Werke der zeitlebens engen Freunde Benjamin Britten und Dmitri Schostakowitsch nebeneinanderstellen. Nach dem Mahler Chamber Orchestra unter Teodor Currentzis war nun Donald Runnicles mit seinem Orchester der Deutschen Oper Berlin an der Reihe, Kontraste und Ähnlichkeiten der beiden Komponisten auszuloten und sich dem direkten Vergleich mit dem Konzert des Vorabends zu stellen. Ein Vergleich, der vollkommen unterschiedliche Herangehensweisen offenbart: hier ein Kammerorchester, das darauf bedacht ist, musikalische Welten aus ihrer Keimzelle, dem einzelnen Ton, heraus zu erschaffen, dort die Opernspezialisten, welche die große Geste nicht scheuen und in der Musik das Dramatische suchen. Wer die Abende vergleicht, wird kaum um die Schlussfolgerung herumkommen, dass ersterer Ansatz sich als um einiges gelungener erweist.

Donald Runnicles (Foto: Bettina Stöß)

Donald Runnicles (Foto: Bettina Stöß)

Schon in der das Konzert eröffnenden Passacaglia aus Benjamin Brittens Oper Peter Grimes wird klar, worum es Runnicles geht: um das Dramatische in der Musik, die lineare Entwicklung auf einen Höhepunkt zu, dem alles andere untergeordnet wird. So wird die das Stück dominierende Solo-Bratsche fast zum durchaus schmückenden Beiwerk, läuft alles auf den musikalischen Klimax zu, der schon erkennen lässt, dass sich Runnicles vor allem im Fortissimo zu Hause fühlt. Wie so oft an diesem Abend gerät das Ende des Stückes um einiges zu wuchtig, ertränkt die musikalische Vielfalt in purer Lautstärke. Ähnliches gilt für die anschließenden „Four Sea Interludes“ aus der gleichen Oper, bei denen sich alles auf den einen Sturm auf See darstellenden letzten Satz fokussiert.

Dabei liegt Runnicles auch das betont Illustrative: In Brittens Rimbaud-Vertonung Les Illuminations unterstreicht Runnicles diesen Aspekt noch, wird der Tanz des Pan im dritten Satz zur lieblich beschwingten Weise, sucht er im düsteren achten Satz, einem zentralen Stimmungsumschwung des Werks, die große dramatische Geste, entfaltet er im „Seestück“ erneut die volle Wucht seines Orchesters. Dabei fehlen durchgängig die Zwischentöne, es gibt Piano und Fortissimo, aber wenig dazwischen. Und auch die sachteren Passagen, wie etwa das „Zwischenspiel“, zeichnet er nicht selten mit dem breiten Pinsel. Vor allem aber ermüdet bald die allzu offenkundige Suche nach dem Dramatischen schnell: Viel zu plakativ lässt Runnicles Crescendi und Decrescendi spielen, als wolle er sagen: Seht her, hier passiert gerade etwas.

Ließe sich diese Herangehensweise bei Britten noch halbwegs begründen, erleidet sie bei Schostakowitschs 15. Symphonie vollends Schiffbruch. Die letzte Symphonie des Russen ist eines seiner rätselhaften werke: voller eigener und fremder Zitate, an der Oberfläche leicht und darunter doch voller Abgründe, so in der gespenstischen Wendung des ersten Satzes ins Schrecklich-Groteske, oder in den zahllosen Brüchen und Überlagerungen des Finales. Donald Runnicles interessiert all dies wenig. Sein Kopfsatz gerät leicht und schwungvoll, das Bedrohlich-Fratzenhafte bleibt außen vor. Der Klang gerät blockartig, insbesondere die Streicher klingen seltsam flach. Im zweiten Satz dann wieder der linear dramatische Impetus: Alles läuft auf die falsche Apotheose gegen Satzende zu, die bei Runnicles vollkommen ironiefrei und unangemessen heldenhaft klingt. Nachdem der dritte Satz ohne jegliche Spannung verpufft ist, bügelt der Dirigent den Wahnsinn des Finales weitgehend glatt. Das schwillt wuchtig an und ab, gerät mitunter so laut, dass es in den Ohren dröhnt und erlaubt kaum Nuancen oder Widersprüche. Das Spielfeld seines Jahrhunderts, das Schostakowitsch ein letztes Mal betritt, es bleibt ungenutzt. Da tröstet es kaum, dass Runnicles den zerfasernden und ersterbenden Schluss mit ungeahnter Präzision und Liebe zum Detail spielen lässt, zu sehr klingt die vorangegangene geballte Wucht nach.

Dabei vermag das Orchester sehr wohl Akzente zu setzen: die flirrenden Streicher in den Sea Interludes, die Holzsoli in Schostakowitschs Fünfzehnter, das Solo-Cello, das Schlagzeug: Sie alle spielen klar und präzise und erhalten zuweilen sogar den nötigen Raum, wobei auch dieses Setzen von Schlaglichtern gern ein wenig zu plakativ daher kommt. Ohnehin ist dies ein Abend des Zuviel, der Brüche und Zwischenklänge viel zu selten zulässt und dem Facettenreichtum der beiden Komponisten nicht gerecht wird. Insbesondere in Bezug auf ein Großwerk wie Schostakowitschs 15. Symphonie ist das äußerst schade.

 

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