Karges Land

Musikfest Berlin 2013: Das Mahler Chamber Orchestra mit Werken von Schostakowitsch und Britten

Von Sascha Krieger

Am Ende bittet Dirigent Teodor Currentzis die Stimmführer von Celli und Bässen separat an den Bühnenrand, um sich ihren Applaus abzuholen. Eine etwas ungewöhnliche aber durchaus angemessene Geste, schließlich gehörte dieser Abend wie wenige andere den tiefen Streichern. Es sind vielleicht die wichtigsten Instrumentengruppen in der Orchestermusik von Dmitri Schostakowitsch – und nirgends ist das mehr der Fall als in seiner 14. Sinfonie. Das vergisst man leicht, schließlich besteht die Sinfonie ausschließlich aus Gesangsstücken, Vertonungen von Gedichten von Lorca, Apollinaire oder Rilke, und lenkt automatisch die Aufmerksamkeit auf die Vokalsolisten. Ohne Zweifel: Sopranistin Angela Denoke entledigt sich ihrer Aufgabe bravourös – mit bestechender Klarheit, der Abwesenheit jeglicher Theatralik und ein ganz aus dem musikalischen Material geschöpften variablen und streckenweise bewegenden Ausdruck. Und auch die beinahe nüchterne Sachlichkeit des Bassisten Petr Migunov ist Schostakowitschs erbarmungsloser Auseinandersetzung mit dem Tod durchaus angemessen. Das Herz der Symphonie schlägt jedoch – man verzeihe das schiefe Bild – im Bauch des Orchesters und Dirigent Teodor Currentzis weiß das. Fast resignativ, wissend der Klagegesang der Celli zu Beginn, tief grummelnd, existenzielle Unruhe verbreitend das Auflehnen gegen den Tod in den bewegteren Sätzen. Currentzis und das zum Streichorchester mit Schlagzeug reduzierte exzellent aufgelegte Mahler Chamber Orchestra zerren das Unsagbare buchstäblich aus unsichtbaren Tiefen ans Licht.

Das Mahler Chamber Orchestra (Foto: Sonja Werner)

Das Mahler Chamber Orchestra (Foto: Sonja Werner)

Das ist durchaus beeindruckend und wird dadurch unterstützt, dass Currentzis einen interpretatorischen Ansatz verfolgt, der das Werk aus den einzelnen Tönen quasi wie ein Mosaik zusammenbaut. Scharf akzentuiert jede Note, jedes Instrument, jeder Kontrast, jedes musikalisches Gebilde. Schostakowitschs schroffe Klanggebirge wirkten selten so kahl, so bar jeder Hoffnung wie hier. Natürlich hat ein solch fragmentarisierender Ansatz auch Nebenwirkungen: Zuweilen zerfällt das ein wenig zu sehr in seine Einzelteile, die fast unerträgliche Spannung, die Neeme Järvis Interpretation mit den Berliner Philharmonikern beim Musikfest vor zwei Jahren auszeichnete, stellt sich nicht ein. Und doch entsteht hier eine zerklüftet vielgestaltige Klanglandschaft zwischen Klagen und Anklagen, zwischen Resignation und aufbegehren, Trauer und Wut. Die Kostraste zwischen den einzelnen Sätzen treten klar zu Tage, die Härte des Kampfes, das Unbegreifliche zu verstehen, wird fast greifbar.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod steht im Mittelpunkt des Abendprogramms. Das war schon im Eröffnungsstück so, einem frühen Streichoktett Schostakowitschs, gewidmet einem jung verstorbenen Dichterfreund. Die acht Mitglieder des Orchesters nehmen es zum Anlass, das musikalische Universum des Komponisten en miniature zu durchmessen. So hören sie im Eingangssatz jedem Melodiefragment nach, entlockt Konzertmeisterin Cordula Merks der Partitur Solopassagen, bei denen man unwillkürlich an Brahms denken muss. Dem Traditionalisten steht im zweiten Satz der Erneuerer Schostakowitsch entgegen.  Rhythmisch prägnante, zuweilen dissonante Passagen nehmen die grotesken Klanggebilde hinweg, mit denen der Komponist später so oft die schrecken seines Jahrhunderts charakterisieren sollte. Die Musiker akzentuieren diesen Kontrast und lassen doch erahnen, dass es seine Einheit ist, die das Werk Schostakowitschs zu einem großen Teil ausmacht.

Quasi als Gegenstück zu dessen 14. Symphonie fungiert die Kantate Phaedra von Schostakowitschs Freund Benjamin Britten. Hier ist der Tod kein schrecklicher feind, sondern willkommene Erlösung. Entsprechend zart gerät der abschließende Choral – wie auch der letzte Atemzug der 14. Symphonie. Ansonsten fragmentarisiert Currentzis – dessen Gestik ein wenig sehr theatralisch wirkt – noch stärker als bei Schostakowitsch. Da droht das musikalische Gebilde der sich vergleichsweise ruhig ihrem Ziel nähernden Kantate mitunter zu zerfallen – und wird vor allem von Angela Denoke gerettet, deren intensiv-unaffektierter Gesang Versend und Musik eine Würde verleiht, die dann wieder den Boden zu Schostakowitschs so ganz anders gearteter Auseinandersetzung mit dem Tod schlägt. Ein vielgesichtiger und musikalisch ungemein spannender Abend.

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Ein Gedanke zu „Karges Land

  1. […] engen Freunde Benjamin Britten und Dmitri Schostakowitsch nebeneinanderstellen. Nach dem Mahler Chamber Orchestra unter Teodor Currentzis war nun Donald Runnicles mit seinem Orchester der Deutschen Oper Berlin an der Reihe, Kontraste und […]

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