Gespenst Mensch

William Shakespeare: Richard II., Berliner Ensemble / Burgtheater Wien (Regie: Claus Peymann)

Von Sascha Krieger

Zunächst ist es kaum zu vernehmen: Ein leises Summen erfüllt den Raum, kämpft gegen ein letztes Murmeln und Flüstern der Zuschauer an, gewinnt die Oberhand, wird lauter und immer lauter, bis es in den Ohren dröhnt, ein tosender Chor der Fliegen, die fette Beute wittern und sie auch bekomen sollen. So beginnt Claus Peymanns Inszenierung von Shakespeares Richard II. und so wird sie drei Stunden später enden. Statt einem regungslosen Körper wird der zunächst antiseptisch weiße Bühnenkasten Achim Freyers dann von allerlei Gerümpel bedeckt und von Schmutz befleckt sein, Überreste der zuvor geschlagenen Schlachten, der verübten Massaker, des großen Sterbens. Und doch ist alles auch wie vorher, beginnen die Machtränke erneut, wird auch der gerade inthronisierte König stürzen. „Lasst uns erzählen vom Tod der Könige“, lautet der Schlüsselsatz von Shakespeares Königsdrama in der schnörkellos klaren, rau-direkten und poetisch verdichteten Übersetzung von Thomas Brasch. Richard II. ist so etwas wie die Quintessenz von Shakespeares Universum: ein zirkulares Spiel von Machtergreifung und –verlust, eine Parabel auf die Unmöglichkeit, auf Macht zu verzichten und durch sie glücklich zu werden und nicht zuletzt ein fünfaktiges Lied vom Tod – seiner Unausweichlichkeit, der Resignation vor ihm, der Lust auf ihn, ein morbider Toten- und Geistertanz, den Peymann kongenial in Szene setzt. Ein beklemmendes Kammerspiel der menschlichen Wahrheiten.

Dabei ist dies keine neue Inszenierung: Die 150. Aufführung feiert Peymann mit dieser einmaligen Wiederaufnahme und vielleicht soll sie auch ein Zeichen setzen. Fast schon hat man vergessen, dass Claus Peymann einmalweit mehr war als der große Pöbler und Dampfplauderer des deutschsprachigen Theaters, als der selbsternannte Verfechter eines texttreuen Theaterverständnisses, das seine eigenen Inszenierungen lange schon nicht mehr einzulösen in der Lage sind. Richard II. bescherte Peymann vor dreizehn Jahren die letzte von 18 Einladungen zum Theatertreffen (nur Peter Zadek hatte mehr) und die Inszenierung lässt auch heute noch erahnen, worin Peymanns Relevanz einmal bestanden haben mag.

Dabei eint sie oberflächlich betrachtet so manches mit seinen Arbeiten der letzten Jahre: So wird der Text chronologisch und der Stückkonstruktion getreu (wenn auch nicht ungekürzt) gespielt, verzichtet der Regisseur auf Fremdtexte und Multimediaeinsatz, auf inszenatorische Verdichtungen und größere Eingriffe in die Konstruktion des Stückes. Seine Schauspieler dürfen noch deklamieren, zuweilen gerät der Ton arg pathetisch, ist auch die Darstellung durchaus konservativ zu nennen. Stilisierend reduziert das Bühnenbild, ein perspektivisch zulaufender weißer Kasten mit verschiebbaren Fester- und sonstigen Öffnungen, darunter eine Art Strahlenkranz aus weißen Linien, die im Bühnenhintergrund nicht zusammenfinden, sondern irgendwo versanden. Ein neutraler Raum, in den Richard genauso passt wie jeder Herrscher vor und nach ihn, ein zeitlos stummes Schlachtfeld, das sich immer wieder reinigen lässt (ein Wasserschlauch kommt wiederholt zum Einsatz), ein geschichtsloser Geschichtsraum, Platz für das immer wiederkehrende Spiel aus Macht, Identitätsverlust und Tod. Selbst das Schwarz-Weiß-Schema, das die Kostüme prägt und welches sich auch in Peymanns bislang letzter Inszenierung Kabale und Liebe findet, nutzt Peymann.

Und doch findet sich schon hier ein wesentlicher Unterschied: Setzt er in seinem Schiller-Desaster das Farbschema plump zur sozialen Unterscheidung ein, ist seine Rolle hier ambivalenter, zwielichtiger. So steht weiß zunächst für das Gefolge Richards, schwarz für seine Widersacher. Und doch löst sich dies schon bald auf, trägt mit Aumerle einer der engsten Unterstützer Richards schwarz, sind Yorks schwarz-weiß gestreifte Hosen auch symbolisch zu sehen. Überhaupt bricht Peymann jegliche Gut-Böse-Unterscheidung sehr bald auf: So ist Richard (Michael Maertens) zu Beginn der korrupte Despot und wird nach seinem Sturz zum Menschen, der jedoch die eigene Selbstüberhöhung (nun im Leid) nie ganz aufzugeben vermag, er bleibt bis zuletzt ein Selbstdarsteller, der auch im Tod noch eine Rolle spielt und doch darunter immer wieder zum kleinen Menschlein mutiert. Zu trennen ist das nie und Maertens spielt dieses seltsame Konglomerat mit furioser Virtuosität, als Philosoph und armes Würstchen, machtbewusster Herrscher und willenloses Opfer, alles gleichzeitig und untrennbar vereint. Auch Veit Schuberts Bolingbroke, ein letzter Aufrechter, der zum kühl berechnenden Pragmatiker und schließlich zum brutalen Diktator wird, verkörpert diese Ambivalenz. Niemand jedoch ist neben Maertens so eindrucksvoll wie Manfred Karge: Sein York ist Opportunist und Idealist, moralische Instanz und kaltblütiger Verräter, warmherziger Vater und unnachgiebiger Scherge, ein Pragmatiker der Macht, wie er im Buche steht und doch nie ein Heuchler. Das ganz widersprüchliche Universum aus Macht und Menschsein – hier und in Maertens‘ Richard gewinnt es Gestalt.

Und so ist Peymanns kühl-reduziertes Kammerspiel eine hochintensive Parabel auf das menschliche Streben – und seine Hybris. Weißgeschminkt die Gesichter der diese Welt bevölkernden Gespenster, individuell in ihrer menschlichen Verzweiflung und doch austauschbar, freiwillige Spielfiguren in einer nie endenden Schachpartie. Peymann seziert Machtmechanismen und menschliches Streben, Narzissmus und Verzweiflung, wandelt sicher zwischen zutiefst Menschlichen und der großen Draufsicht auf Gesellschaft und Geschichte. Hier wird Geschichte aus dem sich selbst entindividualisierenden Menschen geboren, der erst im Sturz wieder Mensch wird und doch selbst im Tod Rolle bleibt. Es ist ein Spiel der Ungewissheiten, der Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren, des Widerspruchs, der sich nicht auflösen lässt, der antworten, die es nicht gibt. Ein faszinierend hochkomplexes Porträt des Hochkomplexen, ein Verständnisversuch des Unverständlichen, der dem Zuschauer viel Raum gibt zum Denken, ein Denkraum, der auch das Theater sein kann und viel zu selten – auch und gerade an Peymanns eigenem Haus – ist.

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