Das Leben – welch ein Drama! (Teil 2)

Foreign Affairs 2013 – Nature Theater of Oklahoma: Life and Times – Episodes 1-5, Episode 6 (Work in Progress), Koproduktion mit Burgthater Wien (Episodes 1-4) (Regie: Pavol Liska, Kelly Copper)

Von Sascha Krieger

Episodes 3+4: Die Pubertät – ein Thriller

Nach dem Episode 2 mit einem emphatischen „Um“ geendet hat, könnte der Bruch kaum größer sein: Als das Licht angeht für die zu einem Abend verbundenen Episoden 3 und 4, blickt der Zuschauer auf ein aufgemaltes viktorianisches Interieur, vervollständigt durch passendes Mobiliar. Es handelt sich um kopierte Kulisse des Agatha-Christie-Klassikers Die Mausefalle, der seit 1937 ohne Unterbrechung in London gespielt wird. Während der Proben hat das Ensemble mit dem Originaltext gearbeitet, erst bei der Premiere wurde er durch die beiden  Telefonate ersetzt. Der Spielgestus entspricht dem eines Mystery-Thrillers: weit aufgerissene Augen, frontales Spiel, permanente Anspannung, abrupte Auftritte und Bewegungen. Ein Detektiv im Trenchcoat macht Notizen, die anderen Figuren verdächtigen einander und machen sich verdächtig, immer wieder klingelt das Telefon und lässt die Anwesenden erstarren, alles ist plakativ und ein wenig zu dick aufgetragen und atmet den Geruch bedeutungsvoller Erwartung und ständiger Bedrohung. Ein Geheimnis gilt es aufzudecken, bevor es zur Katastrophe kommt.

Episodes 3+4 (Foto: Nature Theater of Oklahoma)

Episodes 3+4 (Foto: Nature Theater of Oklahoma)

Und das Geheimnis? Ist die Pubertät, mit all ihren Verunsicherungen und aufwühlenden Selbsthinterfragungen, seinen Ich-Auflösungen und Neuerschaffungen, seinem Sich-Abnabeln und Alte-Freunde-Verstoßen, seiner getrieben Suche nach der ersten Liebe, dem ersten Kuss, der ersten Beziehung. Da wird das Einsetzen der Periode zum Mord, inszeniert in aller thrillerhaften Dramatik. Der Worrallsche Monolog wir dialogisiert, eine handlungslose Handlung, die doch im Krimi-Korsett auf wundersame Weise funktioniert. Die Pubertät als Mystery-Thriller: Das Bild ist einfach, stimmig, genial. Und es trägt. Auch weil es mit zunehmender Dauer variiert, aufgebrochen wird. Zentrale Episoden werden gesungen, etwa die Reise nach England, die zum ersten Kuss führt oder der Abend des Abschlussballs. Am Ende, die großen Fragen rund um Glauben und sinn wurden gerade diskutiert, wird dann das Licht gespenstisch fahl, die Aliens sind zurück und betrachten das seltsame Treiben, aus dem Krimi wird ein Science-Fiction-Thriller, das seltsame Wesen Pubertät wird zum Mysterium aus einer anderen Welt. Das ist atmosphärisch dicht, immer stimmig und funktioniert in seiner Gleichzeitigkeit aus Direktheit und Distanz, aus starken Bildern und banalem Inhalt, aus unspektakulärem Alltag und großem Gestus noch ein wenig besser als die ersten beiden Episoden. Das Schlachtfeld Pubertät: selten hat es einen so starken, klaren, prägnanten Ausdruck gefunden wie hier.

Episodes 4.5+5: Rollen-Wechsel

Damit enden die Episoden, die in Kooperation mit dem Wiener Burgtheater entstanden. Vielleicht ist das ein Grund, warum das, was folgt, experimenteller, von geringerer formaler Strenge ist – vielleicht ist der Grund aber auch viel banaler. Vom fünften telefonat existieren aufgrund technischer Probleme nur die ersten zwanzig Minuten, vom sechsten gar nur einige kurze Fragmente. Was Pavol Liska und Kelly Copper die „Lost Years“ nennen, illustriert recht eindrucksvoll die Arbeitsweise der Gruppe: die Entstehung künstlerischer Ideen aus dem Zufälligen, dem nicht Kontrollierbaren. So haben sie Episode fünf mit dem Ende des vierten Telefonats kombiniert und dieses als animiertes Filmmusical in Szene gesetzt. Es sind ein paar Schnappschüsse: über Mitschüler, den Biologieunterricht, Lehrer, die geliebte Katze. Jugendliche Eindrücke, spielerisch umgesetzt in zittrige Bilder, in denen die Macher selbst – und die eigenen Katzen –Hauptrollen spielen, das gezeigte und erzählte in einem spielerischen widerstreit gebracht werden. Eine leichte Episode voller Ironie und jugendlichem Optimismus. Der Text wird wieder gesungen, der Musicalgestus beginnt jedoch langsam ermüdend zu wirken.

Anschließend ist das Publikum dran: Was vom fünften Telefonat übrig blieb, haben Liska und Copper in ein einer mittelalterlichen Handschrift nach empfundenes Buch übersetzt, das die Zuschauer zu dröhnender Orgelbegleitung lesen. Dabei prallt christlich-mittelalterliches Schriftbild auf fernöstlich anmutende Zeichnungen erotischen Inhalts (mit Copper und Liska als Protagonisten). Das passt ein bisschen zu gut zum Inhalt – in dem es ums Tagebuchschreiben (Buch!) und um das erste Mal (Sex!) geht und doch ist der Bruch, der mit der plötzlichen Rollenverschiebung auf den Zuschauer einhergeht, das Niederreißen der vierten Wand und der Theatersituation als solcher, ein starker Distanz- und Aufmerksamkeitsgenerator, der die Publikumswahrnehmung verändert, das Erleben individualisiert, das Spiel von Nähe und Distanzierung auf den Zuschauer selbst überträgt. Es ist auch ein Zeichen, was sich verändert hat seit Episode 1: Das Ensemble ist seiner Mittel sicherer und zugleich experimentier- und risikofreudiger geworden – wie auch die Heldin des Texts. Eine durchaus spannende Versuchsanordnung, bei der nur das monotone Orgelspiel Daniel Gowers auf die Dauer etwas stört – aber dafür hat das Publikum a Ohrstöpsel erhalten.

Episode 6: Der Reiz des Unfertigen

Risikofreudig gerät auch der (bislang) abschließende sechste Teil, der sich in einer frühen Entstehungsphase befindet – erst in Berlin wurde der Plan, die Fragmente in einer Art Radioshow mit Erzählungen der Berliner Freiwilligen zu verknüpfen, aufgegeben. Stattdessen werden die Textbruchstücke – die zeitlich im Beginn der College-Zeit Worralls angesiedelt sind – aus dem Off gesungen und dazu von Asli Bulbul getanzt, neben einigen gelungenen Licht-Schattenspielen gerät das einigermaßen belanglos. Anschließend werden Diskussion der Gruppe über das eigene Selbstverständnis in einer Art Büroambiente nachgespielt. Das hat keine Richtung, wenig Witz und keinerlei Fokus und ist mit zwei Stunden fast unerträglich lang. Bewusst haben Liska und Copper sich entschieden, die Episode als Work in Progress vorzuführen – unfertig, dramaturgisch unausgegoren, ziellos. So mögen auch die anderen Episoden angefangen haben, unbefriedigend und anstrengend ist das trotzdem. Und doch erwartet die, die durchgehalten haben, ganz am Ende noch ein letzter Höhepunkt: Im Dunkeln wird die Aufnahme eines Gesprächs abgespielt, in der eine Darstellerin Copper und Liska eröffnet, dass sie die Gruppe verlässt, dazu erscheint der Text als Projektion. Da ist sie plötzlich wieder: diese atemberaubende Spannung zwischen Unmittelbarkeit und Artifizialität, in der wohl das aufscheint oder sich Bahn bricht, weil es als Rest übrigbleibt, worum es hier geht: das Leben. Nicht mehr und wahrlich nicht weniger.

Zum ersten Teil

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