Das Leben – welch ein Drama! (Teil 1)

Foreign Affairs 2013 – Nature Theater of Oklahoma: Life and Times – Episodes 1-5, Episode 6 (Work in Progress), Koproduktion mit Burgthater Wien (Episodes 1-4) (Regie: Pavol Liska, Kelly Copper)

Von Sascha Krieger

Die Verhandlung der Realität durch das Theater ist spätestens seit Ibsen und dem deutschen Naturalismus ein grundsätzlicher Streitpunkt von Theatertheorie und -praxis. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben Strömungen wie das dokumentarische Theater an Bedeutung gewonnen, gerade in den letzten Jahren haben Theatermacher wie Rimini Protokoll oder Milo Rau auf unterschiedliche Weise versucht, Realität auf die Bühne zu bringen und im Medium Theater zu reflektieren, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Bühne zu verwischen oder zumindest immer wieder zu hinterfragen. Einen ganz eigenen Umgang mit dieser Frage pflegt die die New Yorker Theatergruppe Nature Theater of Oklahoma, deren Arbeiten sich stets an der Grenze von Realität und Kunst bewegen sollen, Arbeiten, in denen die Realität ebenso eine zentrale Rolle spielt wie der Zufall. Real geführte Telefongespräche bilden seit Romeo and Juliet oft die Grundlage ihrer Stücke, deren Regieentscheidungen aber gern auch durch Würfel oder Spielkarten getroffen, der Text über Kopfhörer eingesagt oder auf Tafeln angezeigt wird. Es ist ein Spiel aus Wirklichkeit und Kunst, Kontrolle und Kontrollverlust, Form und deren Aufhebung sowie die Reibung von Text und Inhalt auf der einen, der Form auf der anderen Seite, die ihre Arbeiten zum Aufregendsten gehören lassen, was derzeit auf den Bühnen dieser Welt zu sehen ist.

Episode 1 (Foto: Nature Theater of Oklahoma)

Episode 1 (Foto: Nature Theater of Oklahoma)

Dies gilt insbesondere für ihr Opus Magnum Life and Times. Basis sind zehn Telefongespräche mit der Schauspielerin Kristin Worral, in denen diese 16 Stunden lang ihr Leben von der Geburt bis heute erzählt hat. Diese Telefonate bilden den Text des auf zehn Episoden angelegten Mammutwerks, von denen derzeit fünf fertiggestellt sind und die sechste als „Work in Progress“ beim Festival Foreign Affairs gezeigt wurde. Nichts wurde gekürzt oder editiert, alle „Ums“ und „Uhs“, alle abgebrochenen Satzfragmente sind essenzieller Bestandteil dieses ungewöhnlichen Theatertextes, der ein ganz gewöhnliches Leben erzählt, von einer völlig normalen Kindheit und Jugend berichtet und doch durch die Art der Auseinandersetzung und Erzählung eine künstlerische Kraft entwickelt, die Ihresgleichen sucht.

Episode 1: Eine Kindheit zwischen Musical und Sportgymnastik

Zu Beginn der ersten – und mit Abstand längsten – Episode ist die Bühne ein unbeschriebenes Blatt: eine weiße Rückwand, davor ein weißes Quadrat. Eine gestaltlose Welt, die sich das leben, von dessen Entstehung hier berichtet wird, erst formen muss. Darsteller in grauer Kleidung beginnen nach und nach die Bühne zu bevölkern, vor der Musiker live von Folk und Blues und Easy Listening inspirierte Begleitmusik spielen, zu der die Darsteller den ungefilterten Text singen. Die ersten Lebensjahre gibt das Ensemble als eine Art Folkmusical und führt dazu einfache, mechanisch wirkende und zuweilen durch gelbe Ringe oder rote Bälle unterstützte Bewegungen auf, die irgendwo zwischen Rhythmischer Sportgymnastik und sozialistischen Massensportfesten changieren. Und so entfaltet sich ein hochintelligentes Spiel zwischen Konformität und Individualisierung, wechselt der Ich-Erzählpart zunehmend zwischen den Darstellerinnen und kommen am Ende auch männliche Ensemblemitglieder zu Wort. Spielerisch wird hier eine beginnende Persönlichkeitsentwicklung dargestellt, die sich langsam den zunächst weißen und später farblich wechselnden Raum dieses berichtenden Lebens erobert.

Und doch ist das nicht ganz so einfach, spielt die Inszenierung doch auch ganz bewusst mit der Diskrepanz zwischen dem ungeschliffenen Textmaterial und der Formvollendung der künstlerischen Mittel, zwischen purem Realismus und einem hohen Maß an Artifizialität. Immer wieder prallt das Erzählte in voller Fahrt auf die Darstellungsmittel, wird seine Banalität ironisch vorgeführt (Der Satz „God, this must so so boring for you“ wird in aller Konsequenz ausgekostet9 und zugleich die Unmöglichkeit, ein Leben in eine Form zu pressen, bewusst gemacht. Und plötzlich öffnen sich dem Zuschauer Assoziationsräume, beginnt dieses Leben, diese beginnende Selbstfindung größer zu werden, gewinnt sie eine Art Allgemeingültigkeit – gerade durch ihre Einmaligkeit, die persönliche Erzählweise und die Distanzierung, die durch die künstlerische Form entsteht – beispielweise dadurch, dass gerade die Hilfslaute wie das stets präsente „um“ zum strukturierenden Element und zum musikalischen Mittelpunkt werden.

Episode 2: Soziale Stellungskämpfe unter der Disco-Kugel

Dies setzt sich in Episode 2 fort, die ebenfalls das Musicalgenre als Grundlage nutzt. Allerdings kommt die Musik nun vom Band, statt sanft-naiver Folkseligkeit, gibt es jetzt coolen, jugendgerechten Elektropop. Die grauen Uniformen sind knallbunten Trainingsanzügen gewichen, die trotz ihrer individuellen Farbigkeit natürlich auch eine Art Uniform darstellen und so perfekt zum nun vorherrschenden Thema des Widerstreits zwischen Dazu-Gehören-Wollen und sich von den anderen Emanzipieren passt. Der Ablösungsprozess hat begonnen, Gruppendynamiken unter Gleichaltrigen gewinnen an Bedeutung, die Selbstfindung wird zur Geburt des sozialen Wesens, das seinen Platz in der Welt zu suchen beginnt. Statt sozialistischer Bewegungsmuster werden nun Chorus Lines gebildet und Musical-Choreografien getanzt, ein wenig tastend, ein bisschen holprig und doch zumindest erkennbar. Robert M. Johansen versucht sich in Hip-Hop-Posen, Disco Moves werden ausprobiert, das Bild einer sich im Äußerlichen manifestieren wollenden Persönlichkeit entsteht. Das ist ein bisschen weniger komplex als in Episode 1, aber ebenso stringent und zwingend. Auch hier entsteht im Spiel aus Nähe und Distanz, Unmittelbarkeit und Artifizialität ein spannendes Gesamtbild, das von den Mechanismen erzählt, mit denen wir uns unseren Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen versuchen. Und dann plötzlich wird es still: Eine erste verwirrende Begegnung mit den düsteren Seiten der Wirklichkeit wird erzählt, sacht, leise, intim. Und da ist auf einmal die bonbonbunte Welt fehl am Platze, ist die Realität ganz nah und brutal direkt, funktionieren die antrainierten Abschottungstaktiken nicht mehr. Das Leben, so sagt uns das, lässt sich eben nicht auf Dauer auf Distanz halten, auch well am Ende Aliens mit Konfettikanonen das Erzählte zurückholen wollen ins Märchenland. Ein Rest bleibt.

Fortsetzung folgt

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