Zu Hause im Raum der Möglichkeiten

Foreign Affairs 2013 – Performance-Wochenende „Die Wette – eine Untersuchung über Zweifel, Kontingenz und Sinn in Ökonomie und Gesellschaft“

Von Sascha Krieger

„Die Wette – eine Untersuchung über Zweifel, Kontingenz und Sinn in Ökonomie und Gesellschaft“: Was daher kommt wie der Titel einer wissenschaftlichen Fachkonferenz ist tatsächlich einer der Höhepunkte des ersten Festivals „Foreign Affairs“ unter Leitung von Mattias von Hartz – ein Performance-Wochenende rund um die Wette und das Wetten, um Zufall und Unsicherheit, Spekulation und Zukunft, Möglichkeitsräume und Wahrscheinlichkeiten. Natürlich spielte die Finanzkrise eine Rolle, Sicherheit und Unsicherheit, Moral und Notwendigkeit des Spekulierens mit Geld, Werten, Leben. Aber glücklicherweise nicht nur: dem Thema wurde ins Private nachgegangen, es gab ironische Brechungen und auch der reine Spielcharakter kam nicht zu kurz. Ein Projekt so ambitioniert wie ein Titel, das auch für das Festivalkonzept von Hartz‘ steht: Künstlerische Vielfalt, bei der unterschiedlichste Kunstformen nicht nur nebeneinanderstehen, sondern sich auch aneinander reiben sollen, und zugleich der Festivalgedanke als ganztägiger Event mit dem Festspielgebäude als temporärem Lebens- und Kunstmittelpunkt.

Barbara Matijević & Giuseppe Chico: "Forecasting" (Foto: Yelena Remetin)

Barbara Matijević & Giuseppe Chico: „Forecasting“ (Foto: Yelena Remetin)

Und so war eine Menge geboten: zunächst beim Kooperationspartner KW Institute for Contemporary Art und später im Haus der Berliner Festspiele, das zu einer Art großen Erlebnis- und Wettarena umgestaltet worden war. Da gab es Wettschalter, an denen auf die Frauen-Fußball-EM ebenso gewettet werden konnte wie darauf, welcher Freiwillige am besten weinen oder schneller die Rangtreppe hoch- und wieder hinunterlaufen könne. In Kyohei Sakaguchis Mobile Home – ein Überbleibsel des letztjährigen Festivals – sagte „Mother Future“ die Zukunft voraus und Komponist Johannes Kreidler spielte alle Lottoergebnisse der bundesdeutschen Geschichte als sechsstimmige Akkorde auf der Orgel. Wer Anregungen brauchte, konnte die sich in Janek Simons Vortrag über Gewinnstrategie beim Lotto holen. Diese und ähnliche Aktionen ermöglichten es dem Besucher, sich im Spiel zu verlieren und zugleich sich auf vielschichtige weise mit dem Wetten und Spekulieren auseinanderzusetzen.

Für den theoretischen Teil sorgte unter anderem Elena Esposito, die beispielsweise über die paradoxe Natur von Prognosen (also sozusagen Wetten auf die Zukunft) sprach, die durch ihre Existenz selbst Tatsachen in der Welt schaffen und gerade dadurch an ihrer eigenen Widerlegung arbeiten, und über die Idee der gegenwärtigen Zukünfte, deren Beachtung ihrer Meinung nach eine wesentliche Rolle im Entstehen der globalen Finanzkrise gespielt hätte, da eben die widersprüchliche Natur der Vorhersage nicht beachtet worden sei. Illustriert wurde der Vortrag von Nikolaus Gansterers fragilen und wie zufällig wirkenden Live-Collagen. Zuvor hatten sich Literaturwissenschaftler Joseph Vogl und Philosoph Daniel Tyrandellis über Kapital und Geld als in die Zukunft ausgerichtete Wettstrategien unterhalten und ebenfalls die wirklichkeitsverändernde Macht der Wette postuliert: „Mit Wetten im Ökonomischen mache ich den Sachverhalt, auf den ich wette, wahr,“ so Vogl. Wie das aussehen kann, zeigte der spanische Künstler Santiago Sierra, der einen LKW mit 20 Säcken vor das Festspielgebäude gestellt hatte, die jeweils einen Kubikmeter Erde enthielten, die für ein Immobilienprojekt in Bilbao ausgehoben wurden. Ein eigentlich wertloser Stoff, dessen Beseitigung Wertschaffung ebenso wirklich machte wie seine Umwidmung in Kunst ihm plötzlich selbst Wert zumaß.

Ein halb augenzwinkerndes, halb ernstgemeintes Plädoyer auf die Spekulation hielt der belgische Künstler Pierre de Buyssere, der das im Zuge der Finanzkrise so übel beleumundete Spekulieren als essenziellen Bestandteil sämtlicher Lebensbereiche verteidigte, die Wette sozusagen als Grundprinzip des Lebens postulierte, die Unsicherheit als Möglichkeitsraum eröffnete. Den dann die kroatische Performerin Barbara Matijevic in „Forecasting“, der wohl gelungensten künstlerischen Arbeit des Wochenendes, füllte. Mit einem Laptop bewaffnet wandelte sie durch die wundersame Welt der YouTube-Videos, in die sie eintauchte, die sie dreidimensional vervollständigte und durch die sie Koch, waffennarr, Heimwerkerexperte, IT-Nerd oder Bodybuilder sein durfte. Ein wahnwitzig-unterhaltsamer Ritt durch die Paralleluniversen irgendwo an der Schnittstelle von Realität und Virtualität, ein atemloser Lauf durch die Möglichkeiten, durch das, was sein könnte, war, sein wird. Spielerischer und intelligenter und zugleich unprätentiöser lässt sich das Thema dieses ambitionierten Festivalschwerpunkts kaum angehen. Unterhaltsamer sowie so nicht.

Stark auch die fünfstündige Dauerperformance der britischen Gruppe Forced Entertainment, die an einem Rednertisch abwechselnd Visionen von der Zukunft auflisteten, die stets mit den Worten „Or in the future…“ begannen und mal düster mal optimistisch, mal ernsthaft mal humorvoll ironisch daherkamen und Assoziationsräume für den Zuschauer schufen, in dem mögliche Welten geschaffen wurden, in denen Eisen zum Non-Plus-Ultra materieller Werte wird, Aliens die Erde infiltrieren oder die Menschheit zu einer Handvoll Büroarbeiter reduziert wird. Es sind einfache Geschichten, die doch den Blick weiten für das Wahrscheinliche und das Absurde, die Möglichkeit neu definieren und den Unmöglichkeitsraum immer weiter zusammenschnurren lassen. Und so verzieh der Besucher so manche schwächere Arbeit, etwa die höchst abstrakte und überkomplexe Vortragsperformance von Hadley+Maxwell über die Konstruktion von Ich und Subjekt oder das in einer frühen Phase befindliche Musical-Projekt von Cally Spooner, das sich mit der Unmöglichwerdung sprachlicher Kommunikation in unserer Zeit befassen sollte und in seiner Darstellung von Sprachlosigkeit etwas zu plakativ daherkam.

Überhaupt nahm das Projekt erst mit seinem abschließenden Teil im Haus der Berliner Festspiele Schwung auf, denn erst hier entstand wirklich ein großer Spekulations- und Möglichkeitsraum, ein Spielfeld der Wahrscheinlichkeiten und Unsicherheiten, ein Experimentierfeld des Denk- und Vorstellbaren. Jenseits aller Theorie und Abstraktion wurde das Thema hier fass-, assoziier- und damit greifbar. Und so war dieses irrwitzig ambitionierte Unterfangen am Ende ein Erfolg, auch und vielleicht sogar weil nicht alles funktionierte.

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