Vom Glück des Scheiterns

Foreign Affairs 2013 – Nature Theater of Oklahoma: „Das große Nature Theater of Oklahoma ruft Euch! – A Movie“ (Regie: Pavol Liska, Kelly Copper)

Von Sascha Krieger

Drei Wochen lang prangte an dem Haus, das früher Hebbel-Theater hieß und seit einigen Jahren als „HAU 1“ bekannt ist, ein großes, rot-weißes Plakat und verkündete: „Das Große Nature Theater of Oklahoma ruft euch! Es ruft nur, heute nur einmal! […]  Jeder ist willkommen!“  Nein, das war kein normales Gastspiel, welches die New Yorker Theatergruppe im Rahmen des Festivals Foreign Affairs in Berlin geben würde: eher ein Arbeitsaufenthalt unter Einbeziehung der Berliner. Ganz getreu dem Vorbild aus Kafkas Roman Der Verschollene waren sie aufgerufen, sich dem Theater anzuschließen, gab es ob-Interviews nach Vorbild von Andy Warhols Screen Tests, wurde der Jugendstilbaum zur temporären Heimstatt einer äußerst aktiven Künstlerkolonie. Die hier auch lebte: Pavol Liska und Kelly Copper hatten ihr Domizil im Foyer des 2. Rangs aufgeschlagen, so dass man sie spätabends schon mal in ihren Pyjamas herumlaufen sehen konnte.

Kelly Copper und Pavol Liska (Foto: Nature Theater of Oklahoma)

Kelly Copper und Pavol Liska (Foto: Nature Theater of Oklahoma)

Ansonsten wurde viel gearbeitet: Alte Inszenierungen wurde geprobt, auch mit einheimischen Statisten, Episode 6 ihrer Langzeitarbeit Life and Times für eine erste „In-Progress“-Aufführung vorbereitet, mit den gecasteten „Locals“ Filmaufnahmen für Episode 7 gemacht, an einer animierten Version von Andy Warhols Empire gearbeitet und ganz nebenbei noch ein Film gedreht. Dieser erfuhr am 11. Uli seine einzige Aufführung – fertig wurde er erst während er schon gezeigt wurde: Noch während des Screenings wurde gedreht, geschnitten und eingefügt, ein Echtzeitdokument, das der Vision der Gruppe von einer Kunst, welche die Realität als Reservoir echter Kunst und das Unfertige, das Nicht-Perfekte als zentralen Bestandteil betrachtet, auf geradezu ideale Weise entspricht.

Ein Film, der die Zeit von den letzten Vorbereitungen in New York bis zum Abend der Filmvorführung dokumentiert, das als Tagebuch strukturiert ist und abwechselnd von Liska und Copper erzählt wird. Schnell tauchen wir ein in eine Gruppe, in der jeder alles machen darf und soll und die trotzdem zwei Köpfe, zwei Chefs, könnte man sagen, hat. Ein Widerspruch, den hier keiner als solchen erfindet, weil für das Nature Theater of Oklahoma alles Kunst ist und alles Realität, alles Kontrolle und Kontrollverlust. Zu Beginn formuliert Liska seinen Anspruch an das Projekt, der sich vielleicht wie folgt zusammenfassen lässt: Perfektionismus bis zur Überforderung und zur Aufbrechung der Ordnung, Kontrolle bis zu deren vollständigem Verlust.

Und so ist A Movie Dokument und Ergebnis einer künstlerischen Arbeit, die ihr eigenes Scheitern immer mitdenkt und voraussetzt. Wir beobachten Liska, Copper und die anderen beim Herumspielen mit einer neuen Kamerahalterung, beim Streiten und konzentrierten Arbeiten, wir sehen sie Entscheidungen treffen und wieder umwerfen, arbeiten bis zur Überforderungen und dann, mehr forciert als gewollte einen Gang herunter schalten. Vor allem aber sehen wir einen künstlerischen Prozess, der vom „wahren Leben“ nicht zu trennen ist, der gegen Wände läuft und trotzdem nie aufgegeben werden darf, der das Unfertige, das Misslungene ebenso umarmt, wie sich deren Erschaffer darüber ärgern.

Die Kamera kommt nah heran, dokumentiert Phasen der Sprachlosigkeit und doch ist immer klar, dass stets die (Selbst-)Inszenierung nicht fern ist oder zumindest ihre Möglichkeit besteht. Was ist „echt“, was ist Pose und ist das überhaupt wichtig? Unwillkürlich fällt dem Zuschauer der abgelutschte Gedanke vom Gesamtkunstwerk ein, der treffend ist und eben auch nicht. Hier steht das Banale neben dem Visionären und zuweilen ist schwer zu erkennen, welches was ist. Ansteckender Humor und die Ironie, vor allem aber der Enthusiasmus, der auch mal passiert, aber gleich darauf wieder mit größter Kraft zuschlägt. Das Nature Theater of Oklahoma ist bekannt für ihre Überforderungsstrategie – nicht nur dem Publikum, sondern auch sich selbst gegenüber. Das Unmögliche wird in seiner Existenz akzeptiert und gerade deshalb trotzdem versucht.

Davon zeugen auch der Film und seine irrwitzige Entstehung noch während er bereits vorgeführt wird. Es gehört zu seinen Stärken, dass er Anspruch und Arbeit der Gruppe nicht nur zeigt, sondern genau durch diese geschaffen wird. A Movie  ist kein Oscar-Kandidat aber ein weitgehend ehrliches Selbstporträt des Künstlerkollektivs als professionelle Stümper, chaotische Kontrollfreaks, banale Visionäre, erfolgreiche Scheiternde. Das Ende ist ein wenig zu optimistisch, kippt ein wenig ins Pathos, doch irgendwie gehört auch das dazu. Das „Große Nature Theater of Oklahoma“ ist geschlossen. Aber es ist gut, dass es da war.

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