Es war der Spatz und nicht die Taube

Foreign Affairs 2013 – Nature Theater of Oklahoma: Romeo and Juliet (Regie: Pavol Liska, Kelly Copper)

Von Sascha Krieger

Alles auf Anfang: Als im April das Programm der zweiten Ausgabe des internationalen Theater- und Performancefestivals Foreign Affairs vorgestellt wurde, saßen die Pressevertreter auf der Bühne des großen Saals des Hauses der Berliner Festspiele – auf Rollrasen und Biergartenbänken. Und schnell war klar: Das zweite Festival würde ein erstes sein. Nachdem Frie Leysen die erste Ausgabe kuratiert hatte, ist nun Matthias von Hartz verantwortlich und der Stempel, den er der Veranstaltung aufdrückt, ist deutlich sichtbar. Ein Sommerfestival soll es nun sein, mitten im Beginn der Theaterferien – und der Touristensaison – gelegen und auch inhaltlich hat sich einiges getan: Zum einen wurde das Festival neben den Säulen Theater und Tanz um eine dritte erweitert und bietet nun ein umfangreiches Musikprogramm. Programmatisch gibt es eine klare Schwerpunktbildung, die neben dem Themenschwerpunkt „Die Wette“ vor allem mit Fokuskünstlern arbeitet, in diesem Jahr dem Choreographen William Forsyth und der Theatergruppe Nature Theater of Oklahoma. Und noch etwas ist neu: Das Festival soll stärker Festivalcharakter haben und so liegt ein Augenmerk darauf, ein durchgehendes Festivalgefühl zu kreieren – durch ein vollgepacktes Eröffnungswochenende etwa oder ein Performancewochenende zum Thema Wette. Der Anspruch ist klar: Foreign Affairs soll als eines der führenden Theater- und Performancefestivals Europas etabliert werden – und das möglichst schnell.

Foto: Peter Nigrini

Foto: Peter Nigrini

Zum Festivalgedanken passt auch, dass das HAU als zentrale Spielstätte zwei Wochen lang mal eben umgewidmet wird: Hier entsteht das Nature Theater of Oklahoma, inspiriert von jener offenen Bühne in Kafkas Amerika-Roman, der sich auch der junge Emigrant Karl Roßmann anschließt. Und so wird auch hier zum Mitmachen eingeladen, bestand der Eröffnungstag vor allem aus Job-Interviews, soll hier nicht nur Kunst rezipiert, sondern auch geschaffen werden. Für eine Theatergruppe, die dafür bekannt ist, sich mit bloßer Routine nicht zufrieden zu geben, sondern ihre Arbeiten jeden Abend neu entstehen zu lassen, sicher kein unpassender Rahmen.

Und doch ist am zweiten Tag schon wieder alles (fast) normal: Nach und nach strömen die Besucher in den kaum veränderten Jugendstilbau Oskar Kaufmanns – nicht um künstlerisch tätig zu werden, sondern um Theater zu sehen. Ganz altmodisch und weitgehend passiv. Los geht es mit Romeo and Juliet, einer älteren Arbeit, die Matthias von Hartz vor fünf Jahren schon zum Auftakt seines damaligen Sommerfestivals am Hamburger Kampnagel aufführen ließ. Für Neulinge, die herausfinden wollen, was es mit der vielgelobten New Yorker Theatergruppe auf sich hat, ein durchaus ambivalenter Einstieg, bietet er doch einen zwar sehr amüsanten Theaterabend, der jedoch ist seiner Linearität und mangelnden Komplexität keinen besonders tiefen Einblick in deren Arbeit ermöglicht.

Ausgangpunkt ist eine durchaus Oklahoma-typische Grundidee: 30 Freunde und Bekannte wurden gebeten, am Telefon die Handlung von Shakespeares Romeo and Juliet nachzuerzählen. Die Telefonate wurden aufgezeichnet und einige von ihnen auf der Bühne nacherzählt – mit allen Ähs und Füllwörtern, Pausen und Gedankenschlenkern. Übernommen wird dies vom großartigen Darstellerduo Anne Gridley und Robert M. Johanson. Einzeln betreten sie die Bühne, ein kleines Podest mit aufgemaltem Bühnenvorhang und Souffleurskasten, eine Art überdimensionale Puppenbühne, augestattet mit altmodisch anmutenden Kostümen – Gridley in rotem Trägerkleid und Blumenkranz, Johanson in schwarzer hautenger Kluft mit Schleife um den Hals. Abwechselnd bringen sie die Nacherzählungen zu Gehör, die sie nicht auswendig gelernt haben, sondern per Kopfhörer eingesprochen bekommen.

So weit so einfach. Der Abend hat zwei ausgesprochene Stärken: Die eine liegt in den Erzählungen selbst. Spannend, was erinnert wird und was nicht (Julias geplante Zwangsheirat etwa fehlt in den meisten Nacherzählungen), aber auch, wie Erinnerungslücken mit eigenen Versionen gefüllt werden. Da stirbt Romeo im Duell, stirbt Julia zuerst, wird Romeo zum Schöpfer des großen, am Ende so schiefgehenden Plans, verwandeln nicht Nachtigall und Lerche in Spatz und Taube. Erhellend auch die Fokussierungen der einzelnen Erzähler: Da steht die Frage im Raum, ob Romeo und Julia eigentlich Sex haben, während ein anderer die Frage klar beantwortet und die Handlung als reine Sex-Geschichte interpretiert. Viel spekuliert wird über die Gründe der Familienfehde und darüber, ob die Liebenden nicht eigentlich viel zu jung seien. Für einige bietet die Erzählung Anlass, in andere Themen abzuschweifen: Einer stellt Beziehungen zum 11. September und zu Anna Nicole Smith (ja, in dieser Verbindung!) her, ein anderer ist überzeugt, Romeo und Julia hätten sich sowieso scheiden lassen. Auf dieser Ebene ist der Abend eine gelungene Studie in der Rezeption von Kunst, den Mechanismen, wie ihre Wirkung abhängig ist von den eigenen Prioritäten und Lebenswirklichkeiten, aber auch in der Kraft des Erzählerischen, das mit dem letzten Vorhang nicht endet, in dem auch ein Stoff wie der von Romeo und Julia vor allem Stoff ist fürs Weiterspinnen, für die Selbstvergewisserung über das Sich-Mitteilen.

Die zweite Ebene ist die des Darstellens: Gridley tritt stets mit einen eingefroren angewiderten Gesichtsausdruck auf und ab, Johansons Züge sind von überdeutlichem Ernst geprägt. Mit pathetischem Ton und überzogener Gestik werden die zuweilen sehr impulsiven und unstrukturierten Texte gesprochenen Wortes vorgebracht, als wären sie geschliffene Shakespeare-Dialoge. Diese Differenz zwischen Form und Inhalt geben dem Gesagten eine starke Artifizialität und verstärken zugleich seine Authentizität, lenken den Blick auf die Pausen, den Denk- und Umdenk- und Erinnerungs- und Erfindungsprozess, der hier am Werk ist, auf die Art und Weise, wie wir uns ausdrücken, wie Gedanken und Erzählungen beim Sprechen entstehen, wie wir auf Lücken reagieren und versuchen sie zu füllen. Hier entsteht eine Art V-Effekt, führt eine bestimmte Art des Sprechens und Darstellung zu einer Distanz, die den Blick freilegt – auch auf die Sprache selbst, beispielsweise durch einige nicht ganz konventionelle Aussprachen. Das ist nicht so komplex wie andere Arbeiten der Gruppe, aber ebenso stringent wie unterhaltsam und erhellend.

Die Schwäche des Abends liegt darin, dass er sich nicht auf diese seine Stärken verlässt. Da tritt eine Darstellerin im Hühnerkostüm auf und zeigt eine Art Zeitlupentanz, da ufert es am Ende in einen küchenphilosophischen Dialog über Sex, die Sehnsucht, geliebt zu werden, Eigenliebe und die Rolle des Schauspielers aus, der vor allem ermüdend ist. Stark dann noch mal der Schluss. Nachdem Gridley und Johanson vergeblich eine alternative Liebeszene versucht und bereits den Applaus entgegen genommen haben, geht das Licht aus und beide sprechen im Dunkeln den Dialog der Balkonszene. Ernsthaft, intensiv, unprätentiös. Und plötzlich sind sie da die Kraft des Theaters und die Antwort auf die Frage, was uns das eigentlich alles angeht.

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Ein Gedanke zu „Es war der Spatz und nicht die Taube

  1. Teichelmauke sagt:

    Eine geniale Überschrift, Gratulation!
    Und ein lesenswerter Text!

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