Das Besondere zum Schluss

Saisonabschlusskonzerte der Berliner Philharmoniker und des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin

Von Sascha Krieger

Das letzte Konzert einer Orchesterspielzeit ist kein alltägliches: Einen würdigen Abschluss möchte man sich selbst und seinem Publikum bieten, die Spielzeit abrunden, womöglich noch einmal ein programmatisches Schlaglicht setzen. Es geht um das Besondere – sei es bei der Wahl des Spielortes oder bei der Auswahl des Programms. Die Möglichkeiten sind vielfältig, wie ein Vergleich der Saisonabschlüsse von Berliner Philharmonikern und Deutschem Symphonie-Orchester zeigt. Setzen erstere traditionell auf das besondere Event – ein Freiluftkonzert vor über 20.000 Besuchern in der ausverkauften Berliner Waldbühne – widmen sich letztere in der Philharmonie nochmal einem ihrer thematischen Schwerpunkte der Saison. Bejubelt werden sie beide, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Traditionell zum Saisonabschluss spielen die Berlinerphilharmoniker inder ausverkauften Waldbühne (Foto: Bolk / Berliner Philharmoniker)

Traditionell spielen die Berliner Philharmoniker zum Saisonabschluss in der ausverkauften Waldbühne. (Foto: Bolk / Berliner Philharmoniker)

Berliner Luft statt Götterfunken

Das Waldbühnen-Konzert der Philharmoniker ist seit jeher mindestens so sehr Event wie künstlerisches Ereignis. Auch wenn zahlreiche Vorschriften und Verbote in den vergangenen Jahren den Picknickcharakter eingeschränkt haben: Der Spaßfaktor spielt nach wie vor eine zentrale Rolle, zumal naturgemäß viele Besucher dabei sind, die sonst eher selten den Weg in einen Konzertsaal finden. Nach einigen Jahren Pause steht diesmal wieder Chefdirigent Sir Simon Rattle am Pult und er hat ein Programm dabei, das Popularität und künstlerischen Anspruch in Idealform zu verbinden scheint.

Den Anfang macht ein Standardwerk der Solokonzertliteratur, Felix Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert. Christian Tetzlaff, besser bekannt als Spezialist für zeitgenössische Musik hat den Solopart übernommen und er zeigt, dass er auch im romantischen Fach durchaus zu Hause ist. Sehr energisch ist sein Spiel, was sich insbesondere im ersten Satz, ganz besonders bei der Kadenz und unmittelbar nach dieser als Stärke erweist. Konsequent treibt er seinem Spiel alles Süßliche aus und wenn er, wie im langsamen Satz, sein Instrument zum Singen bringt, tut er dies mit einer Klarheit, die dem oft gehörten Werk eine ungewöhnliche Frische gibt. Das Orchester geht konzentriert zu Werke, wählt einen eher kompakten, vollen Klang und erweist sich als überzeugender Partner des Solisten. Alles in allem keine musikalische Offenbarung, aber eine angenehm schnörkellose Interpretation.

Dem folgt kein geringeres Werk als Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 9, Höhe- und Kulminationspunkt der klassischen Sinfonik, ein Werk, dass man in Gänze meist nur noch zum Jahreswechsel erleben kann – und eines, dessen unerschöpflicher musikalischer Reichtum in einer solchen Umgebung fehl am Platze zu sein scheint. Und so wirkt dieses Mammutwerk über weite Strecken seltsam zahm, treibt Rattle ihm jegliche Ecken und Kanten aus, eilt er nicht von einem musikalischen Höhepunkt zum nächsten, sondern verwandelt das Werk eher in einen stetig dahinfließenden Fluss. Kontraste werden weitgehend nivelliert, insbesondere der Aufeinanderprall musikalischer Welten im Finale bleibt halbherzig. Vor allem im Eingangssatz, den Rattle sehr muskulös nehmen lässt, schleichen sich zudem ungewohnte Nachlässigkeiten ein, die berühmte Präzision des Orchesters stellt sich erst nach und nach ein. Die vergleichsweise langsamen Tempi tun ein Übriges, zumal Rattle auch nicht immer die Kontrolle zu haben scheint. Gegen Ende gewinnt das Spiel plötzlich an Fahrt, gerät das Gleichgewicht ein wenig ins Wanken. Enttäuschend das Finale: Die vier Solisten können sich nur selten durchsetzen, der Rundfunkchor Berlin kann in dieser Umgebung seine Strahlkraft nicht entfalten und das Orchester vermag kaum Akzente zu setzen. So spielt man das Werk mehr oder weniger sauber herunter, von einer Interpretation ist aber wenig zu spüren. Vielen der Anwesenden ist der rituelle Abschluss mit Paul Linckes Operettenhit über die Berliner Luft ohnehin wichtiger.

Musikalische Glücksgefühle

Ganz anders beim DSO unter seinem Chefdirigenten Tugan Sokhiev, der seine erste Spielzeit in dieser Funktion mit Werken der deutsch-österreichischen Tradition – neben Sokhievs Heimat Russland der Schwerpunkt der Spielzeit – ausklingen lässt. Auch hier macht Mendelssohn den Anfang und schon seine Hebriden-Ouvertüre lässt spüren, wie weit Sokhiev seit seinen nicht immer besonders inspirierten Auftritten in den Vorjahren in Sachen Klangkultur, Präzision und Konzentration mit diesem Orchester gekommen ist. Erdig dunkel ist der Ton, den er seinen Streichern verordnet und er bildet die Grundlage, auf der er sein Orchester an diesem Abend funkeln und strahlen lässt. Das Spiel der Wellen, die stürmische See, der Wechsel aus Gefahr und stille: Hier sind sie nicht bloße Klangmalerei. Sokhiev gibt jeder Note, jedem Instrument Zeit und Raum, das fast impressionistische Tongemälde einer Seefahrt auf dem Atlantik  ist kraftvolle musikalische Arbeit, ein Spiel der Kontraste, des laut und leise, ein Meisterwerk dynamischer Strukturierung.

Das gilt auch für Erich Wolfgang Korngolds Violinkonzert. Voll und satt der Klang des Orchesters, mal zauberhaft schmelzend, dann wieder scharf und schneidend das Spiel Vadim Gluzmans. Die Herkunft des Werks aus der Filmmusik – Korngold verarbeitete Melodie und Themen einiger seiner Kompositionen für Hollywoodfilme – wird nicht verleugnet, aber die Interpretation erschöpft sich darin nicht. Immer wieder hinterfragt vor allem der Solist die schöne Oberfläche, durchbricht den reinen Wohlklang mit energischer Schärfe, lässt die lyrischen Passagen des zweiten Satzes berühren zerbrechlich erscheinen. Dann wieder wagt das Orchester die große pathetische Geste, aber nie, ohne eine gewisse Distanz zu bewahren. Erneut geben der Wechsel aus Crescendi und Decrescendi, das feine Herausarbeiten musikalischer Kontraste dem Werk Struktur, Tiefe und Kraft.

Das gilt auch für Franz Schuberts Symphonie Nr. 8, auch bekannt als „Große C-Dur-Symphonie“, der Sokhiev große Spannung zu verleihen versteht. Kraftvoll, von Dynamik und Kontrastierung des musikalischen Materials geprägt der erste Satz, dem Sokhiev einen vollen, kompakten Klang verleiht. Das tänzerische Hauptthema des langsamen Satzes bringt er beinahe zum Ersticken, ihm geht es weniger um romantisierenden Schönklang als um die Widersprüchlichkeit und Ambivalenz der auf den ersten Blick so Leichten, die Brüche, die gerade diesen Satz so unter- und zuweilen abgründig machen. Ein wenig spannungsarm gerät das Scherzo, das vor allem im Trio an Schwung gewinnt, aber auch unter einer gewissen schwere leidet. In Höchstform präsentiert sich das Orchester dann im Finale, das äußerst druckvoll daher kommt, ohne unangemessen wuchtig zu wirken. Vorwärtstreibend das Spiel, fragil die Balance zwischen Jubel und Bedrohung der Harmonie, die hier den Streichern obliegt, die mal unstet flirren, dann wieder gefahrvoll grummeln. Ungeheuer erschien die Symphonie bei ihrer Uraufführung 1839 und auch als Beweis, dass Symphonik auch nach Beethoven möglich ist. Damit verweist das Werk auf Brahms, Bruckner, selbst Mahler, eine Tradition, die Sokhiev mitdenkt und seine Interpretation bereichern lässt. Er ist angekommen in Berlin und nicht nur an diesem Abend voller musikalischer Glücksgefühle deutet er an, wozu er mit diesem Orchester fähig sein könnte.

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