Alles so schön bunt hier

Henrik Ibsen: Hedda Gabler, Deutsches Theater Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Eines mal vorweg: Wer an einer zentralen Stelle der Inszenierung eine Live-Performance von Bob Dylans „Dirge“ einbaut, einem der wohl am meisten unterschätzten Stücke der Musikgeschichte, erhält von diesem Rezensenten einen Bonuspunkt. das komplette Ensemble fungiert als Band und für einen kurzen Augenblick entsteht eine Unmittelbarkeit, ein Moment, der nur hier und jetzt ist und der eine echte Seltenheit ist in Stefan Puchers Hedda Gabler. Pucher ist ein Oberflächenarbeiter, einer, der mit Ästhetiken spielt, der Bilder schafft, dekonstruiert, analysiert, bei dem der schöne Schein Stil- und Analysemittel ist. So auch in Hedda Gabler, einem Stück, vor dem man sich auf deutschsprachigen Bühnen derzeit kaum retten kann.

Pucher – ganz gemäß dem Programmheft, in dem Texte zum Stück seit dem 19. Jahrhundert bis heute abgedruckt sind – hetzt seine Hedda durch die Zeiten. Barbara Ehnes‘ Drehbühne ist mal norwegisches Holzhaus, dann Bauhaus-inspirierter sachliche Zwanzigerjahre-Moderne und zuletzt gleißend-kitschige Siebzigerjahre-Partyhöhle. Jedem Ambiente ist eine Grundfarbe zugeordnet: braun, schwarz-weiß, rot. Mit den Stilen wechseln auch die Kostüme (Annabelle Witt): Nina Hoss als Hedda changiert zwischen schmetterlingshaftem Biedermeier, Hollywood-Star-Abendrobe samt Dreißigerjahre-Diven-Frisur sowie Schlaghosen, während Bernd Moss als Amtsgerichtsrat Brack mal Buchhalterklischee (Brille, angeklatschte Haare), mal John-Travolta-Verschnitt sein darf. Im strengen Holzhausambiente der Ibsenzeit steht und sitzt man steif, immer auf Etikette bedacht, während es sich später auf den knallroten Lounge-Sesseln betont lässig rekeln lässt. Eine Kulturgeschichte der Langeweile und der totgeschlagenen Zeit.

Daraus hätte sich einiges machen lassen, nur leider stellt Pucher seine Inszenierungsarbeit an dieser Stelle schon wieder ein. Das hat auch damit zu tun, dass er das durchweg exzellent besetzte Ensemble sträflich unterfordert. Nina Hoss darf ihre Hedda als trotzigen Teenager Kind, der aus Langeweile ein wenig intrigiert, Felix Goesers Tesman ist ein substanzfreier Schlappschwanz, Bernd Moss gibt den aasigen Unsympath. Da ragt nur Margit Bendokat heraus, welche die überfürsorgliche Tante sowohl präzise darstellt, als auch genügend Distanz schafft und den Blick auf ihr eigenes Figurenklischee zu lenken. Eine Distanzierung, die Pucher immer wieder andeutet: im Wechsel zwischen schnulzigem Video und Dialog auf der Bühne innerhalb der gleichen Szene. Oder im abrupten Tonwechsel beim Auftritt von Alexander Khuons Lövborg: Zu Science-Fiction-Music wirft er sich in Star-Pose, kippt seinen heiligen Ernst ins Groteske, spiel seine eigene Karikatur. Nur spielt eben niemand mit, Hedda bleibt in ihrem blechern spöttischen Tonfall, Tesman der Mann ohne Eigenschaften und Brack benötigt ohnehin keine Interaktion, um sich selbst zu gefallen. Natürlich setzt Pucher ausgiebig Musik und Video ein: Mal prangt Hoss als Dreißigerjahre-Diva riesenhaft auf der Rückwand, dann wird ihre Liebe zu Schusswaffen mit Westernvideos illustriert.

Es ist alles ein Spiel mit der Oberfläche, das bloßes Spiel bleibt, hinter dem nichts aufblitzt, das nichts zu sagen hat. Mechanisch am Ende die beiden Tode, routiniert und distanziert, betont ohne jede Bedeutung. Dazu ist auch der Kontrast zwischen den Zeitebenen zu gering. Eigentlich spult jeder das gleiche Repertoire herunter, so dass eine gewisse Beliebigkeit entsteht. Die Rolle der Frau? Ach nee, keine Lust. Reflektionen über Macht und Machtlosigkeit? Heute nicht. Das Portrait einer erstarrten Gesellschaft? Ein andermal. Zum Egoismus mutierter Individualismus als Triebfeder unserer Zeit? Ach nicht doch. Und so ist der Abend schön anzusehen aber ohne jede Haltung. Ein interpretatorischer Ansatz ist nicht erkennbar, das Stück wird heruntergespielt, gibt Anlass zu ein paar netten bunten Bildern und interessiert nicht weiter. Nach dieser Premiere wechselt Nina Hoss zu Thomas Ostermeier an die Schaubühne. Vielleicht kann er ihr erzählen, was sich mit Hedda Gabler alles anfangen lässt.

 

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