Wagner ohne Pathos

Das Konzerthausorchester Berlin unter Iván Fischer mit Werken von Richard Wagner

Von Sascha Krieger

Der eine oder andere wird es bereits gemerkt haben: Es ist Richard-Wagner-Jahr. Im Februar jährte sich die Geburt des gefeierten wie bis heute umstrittenen Komponisten zum 200. Mal. Es gibt, insbesondere für Sinfonieorchester, unterschiedliche Arten, mit solch einem Jubiläum umzugehen: Man kann es ignorieren wie die Berliner Philharmoniker, man kann alle Opern Wagners konzertant aufführen wie das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin – oder man wählt etwas dazwischen. So handhabt es das Konzerthausorchester: Im Rahmen ihres eigenen Musikfests am Gendarmenmarkt widmen sie ein Konzert komplett Richard Wagner, bringen zwei Vorspiele und zwei Zwischenspiele sowie eine vollständige Szene zur Aufführung. Und beweisen, dass Wagner nicht unbedingt immer „wie Wagner klingen“ muss. Der Abend zeigt aber auch, dass dies nicht immer gut ist.

Iván Fischer (Foto: Felix Broede)

Iván Fischer (Foto: Felix Broede)

Von Beginn an entsteht der Eindruck, Chefdirigent Iván Fischer wolle Wagner das Pathos austreiben. Er reduziert klanglich, was das Zeug hält, verschlankt die Klangkolosse bis nahe an den Rand der Unkenntlichkeit und hat damit mal mehr, mal weniger Erfolg. Auf der Seite des Letzteren steht der Auftakt, der „Karfreitagszauber“ aus dem letzten Akt des Parsifal. Fischer lässt sein Orchester kompakt spielen und erhält dadurch einen klaren, schlanken Klang. Was dabei verloren geht ist der titelgebende Zauber. Zu schleppend die extrem langsamen Tempi, zu wenig nuanciert das Spiel. Alles ist ein ruhiger Fluss, ohne große Tief-, aber eben auch ohne jegliche Höhepunkte, die Vielfalt Wagnerscher Klangwelten geht im Einheitston unter. Hinzu kommt, dass Fischer immer wieder das Gleichgewicht zwischen den Instrumentengruppen entgleitet. Wiederholt gehen die Holzbläser im Streichermeer regelrecht unter, was den Klang streckenweise etwas aus seiner Balance wirft

Etwas gelungener die beiden Zwischenspiele aus dem 1. Akt der Götterdämmerung, die Fischer aus ihrem Kontext der bevorstehenden Katastrophe liest. So düster klingt der „Sonnenuntergang, so schrill gleißend intonieren die Bläser den Moment, in dem die Sonne erscheint. Hier strahlt sie nicht, sondern brennt erbarmungslos. Das ist durchaus stimmig, strahlt aber ein wenig zu sehr auf das direkt anschließende „Siegfrieds Rheinfahrt“ ab. Hier legt sich wieder die anfängliche Schwere über die Szenerie, die heiter-beschwingten Passagen, die das fröhliche Spiel des Flusses charakterisieren sollen, haben es schwer sich gegen die dominieren düstere Schwere, die erneut auf sehr langsame Tempi zurückgeht. Insbesondere die Holzbläser geben ihr bestes und so hebt so mancher zauberhafte Moment dann doch das Haupt.

Dann folgt der erste „Hit“, das Vorspiel zum 1. Akt der Oper Die Meistersinger von Nürnberg. Und siehe da: Plötzlich funktioniert Fischers Gegen-den-Strich-Bürsten, auch weil er dem Orchester mehr Raum lässt und die Suche nach Kompaktheit aufgegeben hat. Stattdessen erhebt sich vor allem zu Beginn und erneut gegen Ende eine unerhörte Vielstimmigkeit, die insbesondere dem fanfarenartigen Eingangsthema gleichwertiges musikalisches Material zur Seite stellt, dass keineswegs nur dienende Funktion hat. So wird das oft gehörte Stück lebendig und offenbart seinen musikalischen Reichtum, das vielfältige Stimmengewirr, das später den unterschiedlichen Figuren ihren Charakter verleihen wird. Wenn ein so bekanntes Stück in der Lage ist, überraschende Hörerlebnisse zu bieten, dann hat der Dirigent etwas richtig gemacht.

Das tut er auch nach der Pause, wenn die Schlussszene aus der Walküre erklingt, aber vollkommen anders. Fischer überlässt den fabelhaften Sängern das Feld: Eva Johansson gibt eine energische wie innig flehende Brünnhilde, die mit Stimmkraft und wandelbarem Ausdruck überzeugt, Falk Struckmann ist trotz Erkältung ein kraftvoller Wotan, dem die Härte der Verstoßung Brünnhilde ebenso gelingt wie die Passagen voll Schmerz und Sehnsucht. Das Orchester spielt zurückgenommen und gibt gerade dadurch den Solisten sicheren Boden unter den Füßen. Das Spiel ist pointiert und akzentreich, Fischer kitzelt jedes noch so kleine musikalische Detail hervor und unterstreicht damit den emotionalen Gehalt der Szene. So findet ein Abend seinen überzeugenden Abschluss, der ein wenig schleppend begann und am Ende doch den Beweis antritt, dass Wagner doch so manches interpretatorisches Potenzial aufweist, das man bei all seiner Wucht gern übersieht.

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