„Ohne Theater fühle ich mich leer“

Theatertreffen der Jugend 2013 – Nachlese (Teil 3): Das Ensemble des Parkaue-Club 4 am Berliner Theater an der Parkaue über ihr Stück Romeo und Julia, das Erwachsenwerden auf der Bühne und die Lust am Theater

Von Sascha Krieger

Es ist eine ungewöhnliche Konstellation: Elf und zwölf Jahre alt waren sie, als sie 2008 im Parkaue-Club 4, einem von derzeit fünf Jugendclubs des Theaters an der Parkaue, Deutschlands einzigem Staatstheater für Kinder und Jugendliche, zusammenkamen. Heute, fünf Jahre später, sind sie beinahe erwachsen oder zumindest mitten in der Pubertät – und spielen immer noch gemeinsam Theater. Absicht war das nicht, erzählt Club-Leiterin Joanna Praml, und typisch ist das für die Parkaue-Clubs auch nicht, in denen normalerweise eine größere Fluktuation herrscht und die eigentlich für bestimmte Altersgruppen „reserviert“ sind. „Es hat einfach gepasst“, erzählt sie, über die Jahre sei man zusammengewachsen, habe einander gut verstanden und Spaß daran gefunden, gemeinsam Theater zu machen. Zusammen auf der Bühne erwachsen zu werden: Vielleicht kann das nur funktionieren, wenn es nicht geplant ist. Spannend ist das allemal.

Der Parkaue-Club 4 (Foto: Sascha Krieger)

Der Parkaue-Club 4 (Foto: Sascha Krieger)

Die große Vertrautheit miteinander ist sofort zu spüren, wenn man der Gruppe begegnet, man frotzelt und scherzt und unterstützt einander, wie alte Freunde, die eine Menge zusammen erlebt haben. „Man kennt sich untereinander, da muss einem nichts peinlich sein“, sagt Julius Christodulow, ein Mitglied der ersten Stunde. „Wie eine zweite Familie“ sei die Gruppe geworden, stimmt Leon Blaschke zu, der sich keine andere vorstellen kann. Eine Familie, die auch neue Mitglieder aufnimmt. Wie Maxim Andrijenko, der aus einem der anderen Clubs wechselte, und sich von Beginn an wohl fühlte. Sich sicher fühlen zu können, weil man einander so gut kennt, keine Angst davor haben zu müssen, etwas Falsches zu tun oder zu sagen, ist nicht nur für Yollanda Rüchel ein wesentlicher Vorteil dieser Gruppe.

Diese Sicherheit ist wohl eine wesentliche Grundlage für das, weswegen sie hier sind, das, was sie damals wie heute vereint: die Lust auf Theater, der Drang zu spielen. Theater ist für sie Ausprobieren, sich Austesten, über das Alltags-Ich hinauszugehen: „Ich kann einfach komplett loslassen vom Alltagsstress“, sagt Lea Mattenklotz und Hannah Rolletschek bezeichnet das Theaterspielen als „Ausgleich zum alltäglichen Leben“. „Man kann auf der Bühne alles machen. Es ist egal, was andere denken“, ergänzt Maxim Andrijenko und Tobias Klee bestätigt: „Man tut Dinge, die man sonst nicht tun würde“.

Dinge, die helfen, sich selbst besser kennen zu lernen und deren Wirkung auch auf das „normale Leben“ ausstrahlt: „Wenn ich nicht Theater spiele, fühle ich mich leer, mein Selbstbewusstsein sinkt“, sagt Maxim Andrijenko. „Ich werde selbstbewusster und ich komme besser mit mir zurecht“, berichtet auch Yollanda Rüchel: „Theater zu spielen hat mit weitergeholfen.“ „Mutiger geworden“ sei sie, sagt Lina Gasenzer, die überzeugt ist, dass ihr die Theatererfahrung auch in der Schule geholfen habe, etwa, indem sie gelernt habe, sich freier und selbstbewusster auszudrücken. Und natürlich ist da auch immer das Gefühl, etwas erreicht zu haben: „Man ist unheimlich stolz auf das, was man geschafft hat“, so Lucie Oelschläger.

Dabei ist die Gruppe alles andere als homogen: „Ich finde es toll, dass wir so unterschiedlich sind“, drückt es Lea Mattenklotz aus. Die Konflikte zwischen Jungen und Mädchen, die ihr Stück Romeo und Julia, mit dem sie auf das diesjährige Theatertreffen der Jugend eingeladen war, thematisiert, reflektieren tatsächlich die Prozesse während der Entstehung ihrer aktuellen Arbeit. Die Begeisterung darüber, das Thema Liebe zu behandeln, so berichten sie, war bei den Mädchen um einiges größer. Wie im Stück angedeutet, hätten sich die Jungen ein aktuelleres, relevanteres Thema, wie sie meinten gewünscht. Letztlich waren sie aber auch hier mit Feuereifer dabei und fanden am Ende sogar so etwas wie Relevanz, wie Tobias Klee erzählt: „Das Stück zeigt, dass sich Liebe frei entfalten muss.“

Zu den Eigenheiten aller Arbeiten der Gruppe zählt, dass die Figuren in der Regel die gleichen Namen tragen wie die Darsteller. „Sie spielen sich selber und sie spielen sich nicht selbst“, sagt Joanna Praml und Lea Mattenklotz ergänzt:  „Das auf der Bühne ist nicht Lea, aber ich sehe mich auch in meiner Figur. Aber auch in anderen.“ „Für mich ist es das Gute, dass der Zuschauer nicht weiß, was real ist und was nicht“, sagt Yollanda Rüchel.

Wenn Theaterjugendclubs auch die Aufgabe haben sollen, Schauspielnachwuchs hervorzubringen, dann hat dieser Club ganze Arbeit geleistet. Einige Mitglieder können sich durchaus vorstellen, aus dem Hobby einen Beruf zu machen, etwa Tobias Klee, der unbedingt „mit Theater weitermachen“ will. Auch Leon Blaschke kann sich eine Zukunft ohne Schauspielerei nicht vorstellen, in der Frage, ob er es hauptberuflich machen will, ist er jedoch noch „total schwankend“.  Sollte morgen ein Filmangebot kommen, das ist er sich mit Maxim Andrijenko einig, würden beide es sofort annehmen. Theaterpädagogik wäre eine Option für Lina Gasenzer. Doch auch wenn es mit der Theater- oder Filmkarriere nicht klappen sollte: „Das was wir hier machen, hilft später in jedem Job“, ist Hannah Rolletschek überzeugt.

Vor all dem steht aber noch das nächste große Ziel, bevor die Gruppe in absehbarer Zukunft – Maxim geht für ein Jahr ins Ausland, andere machen im kommenden Jahr Abitur – getrennte Wege gehen wird:  Im Herbst stehen sie zum ersten Mal in einer regulären Produktion des Theaters auf der Bühne, gemeinsam mit Eltern und Großeltern wird es um das Thema Sterben gehen. Premiere ist am 6. Oktober. Ganz egal, wie es danach weitergeht: Besondere Sorgen um ihre Zukunft muss man sich wohl nicht machen. Und daran ist das Theater wohl nicht ganz unschuldig.

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Ein Gedanke zu „„Ohne Theater fühle ich mich leer“

  1. […] kann dem Club 4 des Berliner Theaters an der Parkaue wahrlich nicht vorwerfen, die jungen Theaterbesessenen würden sich mit Unwichtigem aufhalten, […]

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