Das Schreien der Toten

Die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle spielen Benjamin Brittens War Requiem

Von Sascha Krieger

Es gehört ohne Zweifel zu den wichtigsten Werken des 20. Jahrhunderts und auch zu denen, die Sir Simon Rattle, seit 2002 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker durch sein gesamtes musikalisches Leben begleitet haben: Benjamin Brittens War Requiem, uraufgeführt 1962 in der gerade wieder aufgebauten Kathedrale von Coventry, Totenmesse und Aufschrei eines überzeigten Pazifisten zugleich, vielleicht das wichtigste musikalische Statement überhaupt zum Wahnsinn dieses Jahrhunderts der Weltenbrände. Jetzt, im einhundertsten Geburtsjahr des Komponisten, hat sich Rattle, dessen Einspielung mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra als eine der besten und wichtigsten gilt, des Werks in der Berliner Philharmonie angenommen. Und gezeigt, warum seine Hände immer noch zu den besten zählen, in die man das Werk des britischen Komponisten legen kann.

Sir Simon Rattle (Foto: Stephan Rabold)

Sir Simon Rattle (Foto: Stephan Rabold)

Zu den Eigenheiten des War Requiem zählt seine Vielschichtigkeit, seine Vielfalt des Ausdrucks und der musikalischen Ebenen. Britten kombiniert den Text der lateinischen Totenmesse mit Gedichten des Weltkriegspoeten Wilfred Owen, der als Offizier im ersten Weltkrieg kämpfte und fiel und den schrecken des Krieges wie kein zweiter in Lyrik verdichtete. Drei musikalische Einheiten setzt Britten ein: Da sind großes Orchester , Chor und Sopran, die vor allem für das traditionelle Requiem zuständig sind, ein Kammerorchester mit Tenor und Bariton, welche die Owensche Lyrik intonieren und schließlich ein Knabenchor mit Orgel, der über allen schwebt und die überirdische Instanz andeutet. Der kraftvolle Klagegegesang von Orchester und Chor, die düsteren Rezitative der männlichen Solisten, der schroff-karge Klang des Klammerorchesters, immer wieder von unendlich zarten lyrischen Passagen durchbrochen und schließlich das ätherische Schweben der Knabenstimmen: Im Widerstreit und Ineinanderfließen der verschiedenen Ebenen erzählt Britten auf einzigartige Weise vom Menschsein und vielleicht von dessen Unmöglichkeit.

Gerade beim Engelsgesang der Knaben muss man sich in Rattles Interpretation fragen, ob dieser nicht eher ein Trugbild ist. Ganz oben stehen die Knaben, auf einer Empore – und haben Publikum und Orchester den Rücken zugewandt. So ist der glockenhelle Gesang gedämpft, steht stets ein Schatten mit im Raum. Auch musikalisch separiert Rattle diese Sphärenklänge so sehr vom üblichen Klang, dass sich der Eindruck einschleicht, diese gehörten gar nicht hierher, das Reich, dem diese Hoffnungs- und Transzendierungsmusik angehören, ist kein reales, ein Abglanz einer längst aufgegebenen tröstenden Instanz. Da ist etwas Fahles, Geisterhaftes in dieser überirdischen Schönheit: Auch diese Höhen hat der Tod nicht verschont.

Viel, zu viel wäre zu sagen, darüber, wie Simon Rattle diese Mischung aus Todesklage und Friedensappell zum Klingen, zum Schweben, zum In-den-Zuhörer-Fahren bringt.Vor allem durch Reduktion: Insbesondere im Kammerorchester ist eine Rücknahme auf das Wesentliche zu spüren. So klar und kalt John Mark Ainsleys Tenor, so hart und sachlich Matthias Görnes Bariton, so karg ist die klangliche Landschaft, welche das wohl am besten besetzte Kammerorchester aller Zeiten (mit Albrecht Mayer, Emmanuel Pahud oder Stefan Dohr, um nur einige zu nennen) errichtet. Der Schrecken des Krieges, die Erschütterung der Zeile „I am the enemy you killed, my friend“ – nie waren sie so unmittelbar, so direkt und ungefiltert, so roh und ungeschönt zu hören wie hier. Eindrucksvoll auch das stotternde „Dies irae“ des Chors, suchend, ratlos, gesungen mit eiserner Härte. Oder der sich aus Fragmenten hervortastende Beginn, der die Hoffnungs- und Erlösungsbotschaft des „Requiem aeternam“ ad absurdum führt. Dieser Tod ist allumfassend, eine Erlösung nicht in Sicht.

Es ist eine zuweilen fast minimalistische Klangwelt, die Rattle hier aufbaut und die sich in einem „Libera me“ entlädt, das von beinahe buchstäblich erschütternder Kraft ist: Gemeinsam schrauben sich der Rundfunkchor Berlin und die Sopranistin Emily Magee in kaum auszuhaltenden Regionen des Schmerzes (samt hohem C, das hier nur schneidet und nicht strahlen kann), mit ungefilterter Brutalität bricht der Kriegslärm in den Blechbläsern über die Zuhörer herein, nur um gleich darauf Tenor und Bariton weiten Raum zur schlichten wie ergreifenden Selbstbehauptung des Menschlichen zu geben, bevor mit einem unbegreiflich zarten „Amen“ die Totenstille, die vielleicht doch so etwas wie Ruhe bringt, einkehrt.

War Requiem ist Brittens persönlichstes Werk und Sir Simon Rattle gelingt es, diese emotionale Unmittelbarkeit derart mit universaler Gültigkeit zu vereinen, dass wohl kein Zuhörer den Saal nicht erschüttert verlässt. Dabei verweigert er konsequent alle von außen kommenden Erlösungsutopien, lässt er den Knabenchor nur als wunderschönes Trugbild zu. Erlösung, so sagt dieser Abend, kann nicht von außen kommen, nur wir, die Menschheit,kann diesen Schrecken, diesen Schmerz, diese Leere zukünftig verhindern. das war Brittens Botschaft und leider hat sie nichts an ihrer Dringlichkeit verloren. Wie aus ihr Musik werden kann, die alle Zeiten und Kriege zu überdauern vermag, das ist die vielleicht großartigste der vielen Geschichten, die dieser Abend erzählt.

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