„Ich bin Judas!“

Autorentheatertage 2013 – Lot Vekemans: Judas, Münchner Kammerspiele (Regie: Johan Simons)

Von Sascha Krieger

„Sind alle da?“ Hart, kratzig, aggressiv dringen die Worte aus dem Bühnendunkel. Hier, so wird schnell klar, ist einer, der etwas zu sagen hat und der davon ausgeht, dass wir es hören wollen. Viel würde über ihn geschrieben und erzählt, längst ist sein Name zum Schimpfwort geworden, in vielen Ländern, so wird er erzählen, ist es noch immer verboten, Kinder so zu nennen. Judas, Synonym für Verrat spricht. Lot Vekemans hat ihm einen Monolog geschrieben, Johan Simons setzt in seiner deutschsprachigen Erstaufführung einen nackten Steven Scharf vor den eisernen Vorhang auf eine Leiter, fast die ganze Zeit über mit dem Rücken zum Publikum. Nur langsam wird es heller, oft bleibt mehr im Dunkeln, als ans Licht tritt. Mit lauter Stimme, fordernd, gepresst vom Druck, seine Geschichte erzählen zu dürfen, ja zu müssen, spielt und spricht Scharf den Aussätzigen, der sich hier vor allem als Mensch rehabilitieren will und doch keine Illusionen hegt: „Versuchen Sie bitte nicht, etwas zu begreifen“, ist seine Botschaft.

Es ist eine kommerzielle Veranstaltung, die große Judas-Erklärungsshow. Gleich zu Beginn fordert er den Zuschauer, der, wie ihm gesagt wurde, nicht bezahlt habe. Hier gibt es Selbstentblößung fürs gute Geld, also sollte gefälligst auch gezahlt werden.  Scharf wechselt immer wieder die Tonlage: Mal ist seine Rede ruhig, mal, meist wenn es um die kontroverseren Themen geht, wird sein Sprechen zwanghafter, gehetzter, stoßartiger., unterbrechen quälende Pausen den Fluss, vergewissert er sich seiner und unserer in langen Ja-Nein-Kaskaden. Ein Getriebener – von seiner Geschichte, die schon lange nicht mehr die seine ist, es vielleicht nie war, aber auch von dem Drang gut da zustehen. Ein Selbstdarsteller auch er, der gegen Ende in Kreuzigungspose in der Leiter hängt und verkündet: „Wenn hier jemand für eure Sünden gestorben ist, dann bin ich das.“

Dieser Judas ist ein Zweifelnder und ein Apologet des Zweifels. Wer glaubt, so erklärt er einmal, will nicht, dass ich etwas verändert, es ist der Zweifelnde, der handeln muss, er ist der Agent der Veränderung, der Aktion, des (auch wenn er das so nicht sagt) Fortschritts. Er hat gehandelt: Ich habe die Schuld auf mich genommen.“ Ohne ihn kein Kreuztod Jesu, keine Erlösung der Menschheit, kein Christentum. Scharf sagt das in einer Mischung als Sachlichkeit, Trotz und Stolz. Ein Eitler auch er.

Judas erscheint hier als moderner Mensch –mit vielen Fehlern, einer, der ebenso Reue zeigt wie er sich trotzig behauptet. Einer, der überfordert ist ob der Komplexität der Welt, aber auch des eigenen Menschseins. Einer, der mehr nicht versteht als er versteht und der doch versucht zu handeln, ohne genau zu wissen, ob das, was er tut, als gut oder böse betrachtet werden wird. Einer, der weitergeht, dessen Feind der Stillstand ist und der immer zweifelt: an sich, der Welt, den Menschen, ihren Gewissheiten. Und genau dadurch vielleicht näher am Glauben ist als andere, weil er Antworten will, weil er hinterfragt, weil er nicht passiv hinnimmt. Und der uns fragt, wie viel Judas vielleicht auch in uns ist. Und ob das möglicherweise nicht so gar ganz gut so sei.

Dass der Abend so unter die Haut geht, liegt wohl weniger an Vekemans‘ zuweilen doch ein wenig zu sehr an der Oberfläche verbleibenden Text als an Simons‘ behutsamer Regie und Scharfs schroff- eindringlichem Spiel. Er kauert, er biegt sich, er sitzt und hängt zwischen den Sprossen und steigt zuletzt herab. Kein Getriebener mehr, sondern einer der sich gefunden hat. Die Geschichte ist erzählt, seinen Name nicht reingewaschen, aber seine Stimme ist erklungen und sie kann am Ende sagen: „Ich bin Judas!“. Dann verschwindet er im Bühnenuntergrund und von unten scheint strahlendes Licht herauf. Das Höllenfeuer? Oder doch das Licht der Erkenntnis?

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Ein Gedanke zu „„Ich bin Judas!“

  1. […] Die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans gibt ihnen eine Stimme. Durch sie haben wir erstmals Judas‘ Sicht auf seinen Verrat gehört, jetzt bringt sie Ismene, Antigones Schwester zum Sprechen. Überlebende […]

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