Lost in Groupieland

Autorentheatertage 2013 – Elfriede Jelinek: Schatten (Eurydike sagt), Burgtheater Wien (Regie: Matthias Hartmann)

Von Sascha Krieger

Sie gehört zu den bekanntesten Figuren der antiken Sagenwelt: Eurydike, Frau des Sängers Orpheus, die dieser nach ihrem Tod aus der Unterwelt befreien will, aber erneut an diese verliert, als er sich auf dem Weg nach oben zu ihr umdreht. So oft diese Sage in der Literatur und in der Musik neu erzählt, bearbeitet, umgedeutet wurde, zwei Dinge blieben eigentlich immer unverändert: Eurydike blieb stumm und Orpheus, der Mann, stets der allein Handelnde, seine Frau dagegen Objekt, Mittel zum Zweck. Da kommt es nicht überraschend, dass Elfriede Jelinek das nicht auf ihr sitzen lassen wollte. Das Ergebnis ist Schatten (Eurydike sagt), ein typisch Jelineksches Textkonvolut, in dem immer nur eine spricht: Eurydike. Es ist einer dieser mäandernden, immer wieder die Richtung wechselnden, wortspielerischen und assoziationsstarken Texte geworden, wie sie die Nobelpreisträgerin mit schöner Regelmäßigkeit produziert. Er laviert sich durch Freudsche Psychologisierungen, schwadroniert lang und breit über das Kreischen jugendlicher Fans und gießt kübelweise Spott über den Mann Orpheus aus und das selbstverständliche Besitzdenken,  für das er steht. Immer wieder thematisiert Jelinek des eigenen Schreibprozess, wobei die Möglichkeit des Versiegens mal als Angst, mal als Hoffnung daherkommt. Vor allem aber ist es die Stimmgebung einer Verstummten, die um nichts in der Welt in ihre Anhängsel, ihre entindividualisierende Objektrolle zurückkehren will, selbst wenn dies die Selbstauslöschung als autonomer Akt bedeutet. Es ist ein Textfluss, der sich mal wild und aufbrausend, mal behutsam tastend, dann wieder machtvoll dahin strömend über mehr als 50 eng beschriebene Seiten ergießt. Der viele lose Ende hat und doch als Text seinen eigenen Charakter entwickelt, der, wie so oft bei Jelinek, selbst zum Hauptdarsteller wird anstatt nur zu erzählen.

Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann, der das Stück an seinem Hause inszeniert hat, interessiert das freilich wenig. Er nimmt die Sichtbarmachung Eurydikes wörtlich und stellt gleich sieben von ihnen auf die Bühne, alle mit ihrem eigenen Sprech- und Ausdrucksgestus, alte und junge, blonde und rothaarige. Das ist praktisch, kämpft doch Jelineks Eurydike zuweilen mit sich selbst, was Hartmann zum Anlass nimmt, den Konflikt einfach auf unterschiedliche Darstellerinnen aufzuteilen. Überhaupt liebt er das Plakative: Die schattengewordene Eurydike kommt in Schwarz daher, während Orpheus in wechselnden glitzernden Show-Outfits auftreten und lustvoll den dümmlich-arroganten Schnulzensänger geben darf. Die Frau ist profund, der Mann lächerlich. So kann man es natürlich auch verkürzen.

Überhaupt setzt Hartmann gern auf das Mittel der Illustration: Die psychologisierenden Passagen werden in Freudmaske erzählt, die reglosen Gesichter der kreischenden Mädchen sind Plastikmasken, unter denen natürlich gekreischt wird. Ist von Orpheus‘ Trauer die Rede, fängt dieser theatralisch an zu wimmern und zu heulen. Und immer weiter in dieser Manier. Das wirkt in seinen besseren Momenten zumindest einen Tick ironisch, gleitet viel zu oft aber ins Platte und alberne ab. Wenn Orpheus seine Eurydikes in der Kantine (Unterwelt!) gefunden hat, singt er „Are You Lonesome Tonight?“, glauben sie ihn abgeschüttelt zu haben, ertönt Lionel Ritchies „Hello“. Matthias Hartmann hat für diesen Abend die ganz dicken Pinsel ausgepackt und filigraneres Werkzeug zu Hause gelassen.

Das tut vor allem dem Text nicht gut. Statt einem irrlichternden, immer wieder wilde Assoziationen weckenden und die Sprache zum Hauptakteur wie zum Untersuchungsobjekt machenden Textfluss präsentiert Hartmann dem Publikum bequem zerlegte Häppchen, die oft mit betonter Ironie, gern mit spöttischem Ton vorgetragen werden und das Textungetüm auf die Aspekte Objektifizierung der Frau und Sehnsucht nach Verschwinden reduziert. Doch auch diese werden bestenfalls oberflächlich illustriert, eine Auseinandersetzung findet nicht statt, zu sehr fokussiert der Abend auf grelle und komisch wirken wollende Effekte. Da hilft auch die immer wieder einschreitende Jelinek-Puppe wenig. Auch sie bleibt Staffage, wie ihr Text, während sich das inszenatorische Interesse weitgehend auf die Darstellung des Widerstreits von Orpheus‘ Popstar-Karikatur und dem nicht mal besonders beißenden Spott der multiplizierten Eurydike erschöpft.

Hartmann nimmt sich von Jelineks Text, was ihm in den Kram passt, alles andere streicht er oder lässt es ausdruckslos herunterleiern. Zu keinem Zeitpunkt tritt die Sprache in den Vordergrund, die Wortspiele verpuffen, die Assoziationsketten werden gekappt. Sie ist, was sie bei Elfriede Jelinek, eigentlich nie nur sein kann: bloßes Mittel zum Zweck, Verfügungsmasse, Kommunikationsmittel. Damit wird der Text regelrecht kastriert und zum bloßen Objekt degradiert – so wie Eurydike in ihm. Und so bleibt wenig mehr als eine zunehmend ermüdende Dauerkarikatur, die mühsam überdreht wirkt, wohl weil sie nicht so recht weiß, was sie hier eigentlich karikiert. Wenn man sich am Ende an die Boygroup-Groupie-Parodie erinnert, aber Mühe hat, Textpassagen abzurufen, wird spätestens klar, dass hier gehörig etwas ins Leere gelaufen ist. Schatten (Eurydike sagt) ist Matthias Hartmanns erste Jelinek-Inszenierung. Es ist zu hoffen, dass ihm in Zukunft mehr einfällt. Tröstlich für den Zuschauer: Das Programmheft enthält den kompletten Stücktext. Immerhin.

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