Mit großer Geste

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung von Christoph Eschenbach mit dem Pianisten Tzimon Barton

Von Sascha Krieger

Nein, zum Zurücklehnen wird dieser Abend nicht sein, soviel ist schon nach den ersten Takten von Johannes Brahms‘ zweitem Klavierkonzert klar. Wie Solist Tzimon Barto die Tasten des Steinway malträtiert, ist man versucht, sich um das Instrument Sorgen zu machen. Von der ersten Sekunde an wütet in diesem ersten Satz das ganz große Drama, bringt Barto in der frühen Kadenz die Klangwelt des vielleicht letzten deutschen Romantikers krachend zum Einsturz, kippt sein energischer Anschlag sofort ins Disruptive. Fast scheint es, als würden Barto und Dirigent Christoph Eschenbach, den alten Streit zwischen den Anhängern Brahms‘ und den Wagnerianern neu aufrollen wollen und eine neue Lösung anbieten. Was sie allein in diesem ersten Satz an Dramatischem finden, lässt mehr als einmal an Wagner denken. Da herrscht die ganz große Geste, da scheuen Dirigent und Orchester kein Pathos, da wird das Wuchtige zum Prinzip. Und der Solist mittendrin: hart und an der Grenze zum Erträglichen sein Anschlag, mit wachsendem Furor pflügt er durch den Solopart, schaukeln sich Orchester und Solist regelrecht hoch. So nah an Wagner war Brahms vielleicht noch nie.

Ein solcher Ansatz hat seinen Preis: Die durchaus vorhandenen lyrischen Passagen bleiben auf der Strecke, die klangliche Vielfalt, der Ausdrucksreichtum des musikalischen Materials gehen verloren. Zumal Eschenbachs Dirigat jede Transparenz vermissen lässt. Hier zählt nur das große Ganze, dem sich alles unterordnen muss. Das erzeugt in seinen besseren Momenten eine ungeheure Kraft, streckenweise aber eben auch eine gewisse Eintönigkeit, die zuweilen ins Dumpfe driftet. Wenn alles kraftvoll und laut ist, erschöpft sich die Wirkung irgendwann eben auch. Am Problematischsten gerät das Andante: Dieses nehmen Dirigent und Solist extrem langsam, Barto spielt über weite strecken äußerst schleppend und auch das Orchester weiß keine Akzente zu setzen. So wird der Satz bleischwer, von Zauber keine Spur, am Ende  steht der völlige Spannungsabfall, kommt das musikalische Geschehen fast zum Stillstand. Da kann dann auch das Finale nur wenig retten, will sich dessen Schwung nicht so recht einstellen, hat Bartos kantiges Spiel längst die Regie übernommen. Dass er auch anders kann, zeigt er in der Zugabe, einem Rondo Mozart, in dem er zeigt, dass ihm auch das Leichte, Schwungvolle nicht fremd ist.

Nach der Pause folgt Robert Schumanns zweite Symphonie, und siehe da: Es wird besser. Auch hier betont Eschenbach vor allem im Eingangssatz die dramatischen Akzente, aber er entwickelt sie aus den Kontrasten des musikalischen Materials, setzt scharfe Akzente, lässt die Themen aufeinander prallen und gibt den einzelnen Instrumentengruppen mehr Raum, aus ihrem Zusammenspiel so etwas wie Klangreichtum zu entwickeln. Vor allem die hohen Streicher und die Holzbläser spielen dabei eine Schlüsselrolle und öffnen den romantischen Klangraum ein Stück weiter. Da entwickelt das weiterhin druckvolle Spiel tatsächlich Kraft, darf das Orchester auch einmal sein Rhythmusgefühl ausleben. Allerdings ist auch hier der langsame Satz nicht ohne Probleme: Wo Schumann immer wieder in die musikalische Vergangenheit verweist, blickt Eschenbach in die Gegenrichtung: Streckenweise erinnert das Spiel an die ausgedehnten, ins Irgendwo zielenden monolithischen Melodiebögen Mahlers, ist das Pathos ein wenig zu stark, verfällt das Orchester wieder ins Blockhafte.

Doch diesmal bekommt Eschenbach die Kurve, ist er im Finale urplötzlich ganz bei Schumann. Da gilt sein Augenmerk dem rhythmischen, tänzerischen Charakter des Satzes, entwickelt er genau den Schwung, der dem Finale des Brahms-Konzertes gefehlt hat. Plötzlich sind wir mitten in der Klangvielfalt der Romantik, sind Wagner und Mahler weit weg, gelingt Eschenbach ein klassisch strahlender triumphaler Ausklang, dass sich der Zuhörer am Ende fast bei Beethoven wähnt. Und so findet dieses Konzert, dessen interpretatorische Entscheidungen nicht immer überzeugen konnten, ein versöhnliches Ende.

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