Jenseits der Sprache

Autorentheatertage 2013 – Franz Xaver Kroetz / Stephan Kaluza: Stallerhof / 3D, Schauspiel Stuttgart (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Am lautesten an diesem Abend ist die Stille: jene unerträglich langen Momente, in denen niemand spricht, sich keiner bewegt, vermeintlich nichts geschieht. Momente, in denen die Sprachlosigkeit die Kontrolle übernimmt, die Unfähigkeit zur Kommunikation, die Übermacht des gesunden Menschenverstandes, des Pragmatismus‘, der den Menschen den Atem nimmt, sie leblos erscheinen lässt. Wie sie da reglos an ihren Küchentischen (Bühne: Oliver Helf) sitzen, wie der Vater sich hinter seiner Zeitung versteckt, die Mutter leer vor sich hinstarrt, die Tochter Beppi, die alle für „zurückgeblieben“ halten, mit fragendem Blick in diese tote Welt schaut: Hier, in dieser Inszenierung von Franz Xaver Kroetz‘ immer noch erschütterndem Stallerhof, ist gleich zu Beginn alles da, alles präsent, die ganze Geschichte eines Mädchens, das nicht ins Räderwerk dieser durch und durch vernünftigen Welt passt und deshalb unter die Räder kommt. Die ruhigen, unaufgeregten, eisigen Stimmen der Eltern zerschneiden den Raum, hallen hart und blechern durch die leere Welt, und mittendrin: das missbrauchte Kind – geistig von den Eltern, sexuell vom Hofknecht Sepp.

Regisseur Stephan Kimmig reduziert das Bewegungs- und Ausdrucksrepertoire auf ein Minimum und erzeugt gerade dadurch eine beinahe erdrückende Dichte und Intensität. Nüchternheit ist in den Worten der Eltern, vollkommen vernünftig diskutieren sie Vor- und Nachteile eines Mordes, um die Schande, welche die Tochter über sie brächte, wenn ihre Schwangerschaft bekannt würde, zu vermeiden. Sachlich geht auch der Knecht zu Werke: Sein Missbrauch ist harte, fast ist man versucht zu sagen, ehrliche, Arbeit. Er missbraucht so wie er seine Hofarbeit verrichtet.

Und doch sind da Brüche: jener selbstvergessene kurze Moment der Nähe, als Beppi und Sepp eine Motorradtour unternehmen, als die gehetzte Härte von Sepps Gesicht abfällt, seine Züge sich kurzzeitig entspannen, bevor dies alles unmittelbar in Gewalt umschlägt. Oder die Sanftheit, mit der die Mutter die Tochter ankleidet und ihr Selbstekel, der sich in der Abtreibungsszene in ein wenig zu heftigen Bewegungen entlädt, sie jedoch nicht davon abhält, ihre Tat zu beenden. Hier sind Menschen am Werk, keine Monster oder Roboter. Und doch tun sie denen, die sie doch irgendwie zumindest ein wenig lieben, monströse Dinge an, wird Macht erbarmungslos eingesetzt, verliert am Ende vor allem die, die ganz unten steht im Machtgefüge und sind doch alle Verlierer.

Stephan Kimmigs Regie ist bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, jede Nuance genau beobachtet und präzise dargestellt. Hier zählt jede noch so kleinste Bewegung, wird Körperlichkeit zur Sprache, die ihre Kraft gerade durch ihre oft an den Rand des Merklichen gerückte Subtilität entwickelt. Wo die Sprache versagt, beginnen die Körper zu reden.  Vor allem der Beppis, von Silja Bächli wie ein verletzliches waidwundes Tier gespielt, deren Schmerz, deren Lebenskampf sich in der ständigen Anspannung ihres Körpers, in der Gehetztheit ihres Atmens spiegelt und in tierähnlichem Schreien, Stöhnen, Flehen entlädt. Ihr letzter Rückzugsraum ist jener jenseits der Sprache, was ihr geschieht, ist nicht aussprechbar, ihre Geschichte ist eine der Sprachlosigkeit.

Das gilt auch für das anschließende zweite Missbrauchsstück, Stephan Kaluzas 3D,. Hier konfrontiert eine Tochter ihren Vater mit ihrem Missbrauch durch ihn als Kind. Viel wird geredet, 3D ist ein klassisches Konversationsstück und doch spielt sich hier alles jenseits der Sprache ab: in der für den Vater lange nicht sichtbaren Verkrampftheit der Frau, ihrem Zittern, dem gepressten, gehetzten Sprechen, aber auch in seiner hilflosen, schlaffen Körperhaltung, in der er zuletzt seinen entblößten Hintern ins Publikum hält, während sie ihre eigene Nacktheit als ultimative Waffe einsetzt. Diese zweite Hälfte ist ein wenig schwächer geraten. Das liegt zum einen am Stück, das doch nicht ganz an Kroetz‘ schroffe Gesellschafts- und (Un)Menschlichkeitsstudie heranreicht. Zudem tun die Darsteller, vor allem Minna Wündrich, einen Tick zu viel, ist ihre Dauerverkrampfung ein wenig zu plakativ ausgestellt. Die Kunst der Reduktion, die den ersten Teil so intensiv wirken ließ, gelingt hier nicht ganz so.

Und doch bilden diese beiden, etwa vierzig Jahre auseinander liegenden Stücke in dieser hochkonzentrierten Inszenierung ein stimmiges, bestürzendes Ganzes: ein ungeschminktes Bild der Machtausübung von Menschen gegen Menschen, der Narben, die bei Opfern wie Tätern zurückbleiben, der Leere, die Missbrauch bei Missbrauchten wie Missbrauchten hinterlässt. Dabei steht Stallerhof stärker auf eigenen Füßen als 3D und doch erzählen beide die gleiche Geschichte, die eine der Sprachlosigkeit ist, welche entsteht, wenn soziale Bande reißen, wenn familiäre Fassaden einstürzen, wenn das, was scheint, jenes, was ist, nicht mehr zu verbergen vermag. Stephan Kimmig ist eine seiner stärksten und eindringlichsten Arbeiten der vergangenen Jahre gelungen, ein Abend, der verstört, weil er so reduziert, so nüchtern und sachlich, so vollkommen bar jeder oberflächlichen Emotionalität ist. Stephan Kimmig zeigt uns eine Welt, in der der Mensch des Menschen Wolf ist. Dabei lässt er den Zeigefinger unten und nimmt dem Zuschauer die Möglichkeit, sich aus der Position moralischer Überlegenheit von dem Gezeigten distanzieren zu können. So wirkt dieser Abend so direkt und unmittelbar wie wenige andere zurzeit auf deutschsprachigen Bühnen.

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