Theater im Fleischwolf

Theatertreffen der Jugend 2013 – HAMLET nach Shakespeare in der zeitgenössischen Textfassung von Christopher Kriese, Theater Performance Kunst RAMPIG, Heidelberg

Von Sascha Krieger

Jetzt also die ganz große Kunst: Da haben sich die Ensembles beim diesjährigen Theatertreffen der Jugend an der Lebenswirklichkeit junger Menschen abgearbeitet, sich mit Liebe, Zukunftsängsten und Rollenbildern auseinandergesetzt, mit dem Theater auch als Begegnungs-, Erfahrungs-, Experimentierort, da gab es Politisches und Persönliches und nicht immer ließ sich das klar unterscheiden. Da ist es jetzt Zeit, das Theater als Kunstraum wiedereinzufordern und das macht das Ensemble von Theater Performance Kunst RAMPIG mit ihrem HAMLET ohne Kompromisse. Wobei die Großbuchstaben Programm sind: Hier werden keine kleinen Brötchen gebacken, hier ist Theater und Tanz und Performance Art und Bildende Kunst und Video und Musik und Rauminstallation. Postdramatik beim Theatertreffen der Jugend. Darauf muss man auch erst einmal kommen.

Foto: Nikola Neven Haubner

Foto: Nikola Neven Haubner

Da ist von Beginn an die Überforderung Programm, weiß der Zuschauer kaum wohin mit den Augen, den Ohren, dem Hirn. In den Bühnenraum vielleicht, der reihum von Zuschauerreihen umfasst ist, an dessen einer Seite ein Regal mit ausgestopften Tieren, an seiner anderen ein entstehendes Wandbild hängen, in den Ketten ragen und Kleiderhaken, in dem Tische stehen mit Schüsseln und Fleischwölfen und Strickzeug? Oder ist der Künstler Christian Patruno wichtiger, der sein Bild eines ausgeweideten Tieres fortsetzt und mit allerlei Text versieht, den die meisten Zuschauer kaum bis gar nicht lesen können? Lauchen wir der Sprache der Körper, die Trance-artig verloren zur Musik schwingen, sich kampfeslustig in einander verknäueln, zu Beginn suchend abgetastet werden, sich in inniger Zweisamkeit verknoten oder im grazilen Tanz vereinen?

Oder geht es doch um den Text, der von Shakespeare stammt oder von Christopher Kriese, der sich in drei texten an Hamlet abgearbeitet hat, die hier zur Uraufführung kommen, oder auch von Heiner Müller, dessen Porträt der Ophelia als der „Frau mit dem Kopf im Gasherd hier natürlich nicht fehlen darf? Oder vielleicht die Musik, die zwischen Trance und Händel (selbst gesungen!) hin- und her wandert? Oder das Live-Video, das Gesichter-Großaufnahmen auf den Bühnenboden projiziert? Kaum ein Moment, in dem nicht mehreres parallel vor sich geht, zeitgleich gesungen und gesprochen, gestrickt und gemalt, einander über die Bühne getragen und der Fleischwolf gedreht wird. Ständig fliegt der Blick, kann sich kaum irgendwo festhalten, zumal das Raumkonzept auch darin resultiert, dass so manche Textpassage schlicht nicht zu verstehen ist.

Vielleicht ist der Fleischwolf das zentrale Bild: Die Shakespearesche Geschichte wird solange durch selbigen gejagt, bis kaum mehr etwas erkennbar ist. Oder wie einer der Darsteller, der obsessiv Essen in sich hineinstopft, von dem so manchen halb zerkaut auf dem Boden landet. So mutet auch das an, was hier mit und gegen den Stoff passiert. Und das tut dem Abend nicht gut. Von einer „Generation Hamlet“ ist im Programmheft die Rede, die zu viele Möglichkeiten habe, und dadurch bei der Entscheidungsfindung permanent überfordert sei. Das Gefühl kann der Zuschauer teilen: So mag die Vielzahl der eingesetzten Mittel, der parallelen Darstellungsformen, das ständige Aufeinanderstapeln, Ineinander verkeilen und Übereinanderschichten der Ebenen und Stilmittel und Kunstformen genau diese Überfülle darstellen, die Überforderung ist in jedem Fall real. Und mehr noch: Das postmoderne Xanthin Goes kann sehr schnell vom Facettenreichtum in die Beliebigkeit kippen, eine Falle, in die dieser HAMLET krachend fällt.

Und Hamlet? Ist auf Sinnsuche, sucht eine Aufgabe, einen Auftrag, Menschen, an denen er sich reiben kann und findet doch nur Opfer. Immer wieder tritt er auf als Schlächter (Wandbild!), mechanischer Killer (Raubtier!), einer, der ziellos zerstört, um die Leere zu füllen und der diese damit nur vergrößert. „Ich bin Hamlet, ich bin ein Terrorist“, wird er sagen. Überfülle und Sinnsuche treiben hier in den Terror, die Gewalt oder bestenfalls in die Revolte. Oder, und das ist die andere Möglichkeit: in den Selbstmord. Ophelia ist allpräsent samt weißem Kleid und Blumenkranz, ihr Fluss ist jedoch nur eine Wanne, in die man mal kurz den Kopf hält. Überhaupt steht diese „Generation Hamlet“ vielleicht am Abgrund – oder besser gesagt an der Tischkante – und kämpft mit dem Gleichgewicht, aber sie fällt nicht.

Für den Abend gilt das leider schon, von Gleichgewicht ist hier keine Rede, die Überforderung mag Konzept sein, sie gerät jedoch vollkommen außer Kontrolle. Fünf (!) verschiedene Übersetzungen des Shakespeare-Texts werden verwendet, dazu das Original, tonnenweise Fremdtexte. Vieles bleibt Selbstzweck: das unmotiviert wirkende Live-Video, die Wandmalerei, die vollkommen außen vor bleibt, so manche Tanzeinlage und – zweifellos schön anzuschauende – Zeitlupenpantomime. Schaut her, was wir alles können, schreit das zuweilen und stellt den Zuschauer vor eine Wahl: von Idee zu Idee, Schauplatz zu Schauplatz hinterherzuhecheln und letztlich Puste und Überblick zu verlieren oder irgendwann zu kapitulieren, abzuschalten und aufs Ende zu warten. Es ist zu bezweifeln, dass beides im Sinne des RAMPIG-Teams ist. In beiden Fällen bleibt am Ende ein großes, buntes, hektisches Allerlei. Das ist bei all dem Aufwand dann doch etwas wenig.

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2 Gedanken zu „Theater im Fleischwolf

  1. Stephan Schmutz sagt:

    Lieber Sascha Krieger,

    vielen Dank für Deine in weiten Teilen nachvollziehbare Kritik. Als einer, der Rampigs HAMLET mehrfach am Entstehungsort gesehen hat und im engen Austausch mit der Gruppe steht (und sich ihr auch freundschaftlich eng verbunden fühlt und daher keinesfalls neutral ist!) habe ich jedoch einige Anmerkungen.

    Zum Raum: Die visuelle und inhaltliche Überforderung war ganz sicher Teil des Konzepts, die miserable Akustik und die Verlorenheit im Raum bestimmt nicht. Vorzuwerfen ist der Gruppe, dass sie sich darauf eingelassen hat, die ursprünglich vorgesehene sehr intime Raumsituation für ca. 70 Gäste auf eine dreimal so große Bühne mit dreimal so vielen Gästen aufzublasen. Sicher war es eine unangenehme, aber lehrreiche Erfahrung für das Team, das sonst Site-specific arbeitet, diesmal fast ausschließlich auf Papier und aus der Ferne zu konzipieren, und erst am Aufführungstag(!) mit der vollendeten Raumsituation konfrontiert zu werden.

    Eine absolute Zumutung war es jedoch von Seiten des Festspielhauspersonals, interessierte Gäste unmittelbar nach Ende des performativen Teils rigoros des Raumes zu verweisen und somit den zweiten, ganz wesentlichen und auch so vorgesehenen Teil des Gesamterlebnisses zu vereiteln, nämlich die Rezeption der während der Performance entstandenen Installation/Ausstellung. Hier hätte sich, auch im direkten Gespräch mit den Akteuren, so mancher Inhalt (und auch aus der Ferne schwer zu lesende Text) in seinem ganzen Facettenreichtum erschlossen. Vielleicht speist sich auch aus diesem Problem Dein Vorwurf der Beliebigkeit, für den Du sonst Belege schuldig bleibst? Das alles war, ganz im Gegensatz zu Deinem Fazit, für mich nicht „etwas wenig“, sondern allenfalls ungeschickt, vielmehr aber: grandios mutig.

  2. funfachtzig sagt:

    Reblogged this on achtacht and commented:
    ich liebe das theather

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