“Das musst du gesehen haben!“

Theatertreffen der Jugend 2013 – Romeo und Julia, Parkaue-Club 4, Theater an der Parkaue – Junges Staatstheater Berlin

Von Sascha Krieger

Der Abend beginnt mit einer Entschuldigung: Eigentlich sagt eine Darstellerin, spiele man ja nur selbst entwickelt Stücke. Diesmal dagegen solle es ein Klassiker sein, Romeo und Julia, eines der meistgespielten stücke überhaupt. Die Spielleiterin Joanna Praml wollte es so. Also stellt man sich auf, in Zweierreihe, und deklamiert den Eingangsmonolog, der energisch, fast ein wenig aggressiv und sehr laut gerufen wird, nach dem er sich aus einem anfänglichen kollektiven schälen herausgeschält hat. Doch kaum ist er zu Ende, schert einer aus. Julius heißt er und verkündet: „Ich kann hier nicht so einen Scheiß spielen.“ Damit hat er die anderen Jungen auf seiner Seite und eine Art Geschlechterkampf entbrennt. Noch ein paar Mal versuchen die Mädchen, mit dem Stück fortzufahren, doch irgendwann müssen auch sie die Unmöglichkeit des Unterfangens einsehen.

Foto: Christian Brachwitz

Foto: Christian Brachwitz

Nur, was tun? Schließlich sind wir mitten in einer Aufführung, Publikum ist da, die Eltern. Da kann man doch nicht einfach abbrechen. Zumal man monatelang geprobt hat, das darf doch nicht alles umsonst gewesen sein. Aber egal, sie sind jetzt schon so schön dabei, bei den gegenseitigen Vorwürfen, beim Lästern über einander, bei der großen Abrechnung: „Fünf Jahre geht das schon so mit euch“, schleudern die Mädchen den Jungen entgegen, die das schulterzuckend zur Kenntnis nehmen.

Die neue Arbeit des Jugendclubs 4 des Berliner Theaters an der Parkaue ist eine tempo- wie facettenreiche Auseinandersetzung – ja, womit eigentlich? Um die Liebe geht es natürlich, wir sind schließlich beim berühmtesten Liebenspaar der Theatergeschichte. Natürlich auch um die Lebenswirklichkeit heutiger Jugendlicher. Was, so fragen sie, haben sie denn mit diesem jahrhundertealten Stück zu tun? Viel lieber würden sie etwas über die Zukunft machen, ihre, die der Welt.

Vor allem aber handelt der Abend vom Theater. Dem Theater als Illusionsmachine, als Spielraum, aber auch als Ort von Gemeinschaft, als Lebensschauplatz. Shakespeare-Fetzen gehen über in Erzählungen vom ersten Verliebtsein, Vorwürfe aus fünf Jahren gemeinsamer Theaterarbeit prallen auf genüsslich ausdiskutierte Selbst- und Fremdbilder. Und plötzlich die Offenbarung: Lucie ist in Leon verliebt. Nach all den Jahren? Gut, wenn es Maxim wäre, aber Leon? Dabei darf es nicht bleiben und so tritt Amor auf und verschießt seine Falle. Und schon geht es los, sucht man mit Taschenlampen nach der auserwählten, wird im Dunkeln geknutscht und erzählt man im Schnelldurchlauf von den Stationen junger Liebe: vom ersten Kribbeln bis zum großen Liebeskummer, vom Liebesschwur bis zur Enttäuschung. Es ist ein Parforceritt durch Erfahrungen und Anekdoten, Klischees und Peinlichkeiten, schlecke Anmachsprüche der Marke „Ich bin so schlecht im Bett, das musst du gesehen haben!“

Die Spieler sprechen sich mit ihren echten Namen an und behaupten eine reale Situation, und doch ist das natürlich alles Theater, werden Theatermittel eingesetzt, wird gespielt mit der Ambivalenz zwischen realem Menschen und dargestellter Figur.  Denn Leon und Hannah und Tobias und Joelle sind echte Personen und doch auch Rollen. Wo ist die Grenze, wo wird aus Wirklichkeit Spiel und aus Spiel Wirklichkeit. Da blamiert und öffnet man sich, erzählt und beichtet und doch ist nie ganz klar, wer da spricht. Denn sie sind ja Spieler, das Theater ihr Begegnungsraum, das Band, das sie verbindet. Und die Liebe? Ist zentrales Thema ihres Lebens und Theatersujet zugleich.

Virtuos werden die Ebenen gewechselt, multiplizieren sich die Rollen, weidet man genüsslich Klischees aus (etwa die leeren Trostsprüche à la „Andere Mütter haben auch schöne Töchter“), nur um im nächsten Moment Ängste zu reflektieren, die die eigenen sein können oder exemplarische oder beides. Wenn man fünfzehn ist und noch nicht geküsst hat, so fragt ein Mädchen, stimmt dann etwas nicht mit einem?

Das erzählt viel vom Jungsein, vom erlernen der Liebe und des Lebens, von Selbstsicherheit und Verunsicherung und vom Rollenspielen – im Theater und im „richtigen Leben“ Und so ist das Theater auch Experimentierfeld, Probebühne des Lebens, in dem Rollen ausgetestet, Strategien verworfen, Hürden leichtfüßig übersprungen werden können. Und so schließt sich der Kreis, stellt sich die Frage nach der Rolle und dem Ich auf mehreren sich überlagernden Ebenen, in dem, was wir real nennen und dem, was Theater heißt. Immer jedoch geht es um Identität, das Sich-Finden junger Menschen, im Leben, auf dem Theater, in der Liebe. Dieses Romeo und Julia mag wenig mit Shakespeare zu tun haben – ein ebenso intelligenter wie unterhaltsamer und noch dazu überaus vielschichtiger Theaterabend sind diese kurzen und kurzweiligen 35 Minuten allemal. Kleines Theater ganz groß.

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Ein Gedanke zu „“Das musst du gesehen haben!“

  1. […] sich – sehr kreativ, verspielt und unterhaltsam – dem Thema Liebe: in ihrer gefeierten Arbeit Romeo und Julia, mit der sie es unter anderem auch zum Theatertreffen der Jugend schafften. Jetzt gelang ihnen der […]

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