Das Land eine Wunde

Theatertreffen der Jugend 2013 – Lochland, poco*mania, Theatergruppe an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule, Grevenbroich

Von Sascha Krieger

Es war einmal ein Land, das hieß Lochland. Ein Land, das zum Loch wurde, in ihm verschwand, von ihm verschlungen wurde. Es war ein Loch, in das Dörfer fielen, das alles Leben aufsaugte, bis nichts mehr übrig war als verlassene Häuser, verfallende Straßen, und irgendwann waren auch sie verschwunden. Lochland erzählt die Geschichte dieses wundersamen Landes, das es tatsächlich gibt, in der rheinischen Braunkohlenregion, und das nur eines von vielen solcher Lochländer ist. Es erzählt von Menschen, die ihre Heimat verloren, von Erinnerungen, die zurückblieben und sich an keinen realen Ort mehr heften können, von „Müllcontainer voller Augenblicke“, wie es an einer Stelle heißt. Für die Theatergruppe der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Grevenbroich ist es ihr Land, ihre Region, voller Menschen, denen man ihre Identität nahm, ihr Zuhause, das Gefühl von Heimat. „Ich habe keine Heimat mehr“, wird eine Frau in einem aufgezeichneten O-Ton gegen Ende sagen: „Meine Heimat ist ein Loch.“

Foto: Klaus Stimpel

Foto: Klaus Stimpel

Wie aber sich diesem Loch nähern, das nicht nur Häuser verschluckt hat, sondern auch Erinnerungen, Lebensgeschichten, Identitäten? Vielleicht mit einem Märchen. Und so wird ein leerer Bilderrahmen zum Tor in eine andere Welt, der Kopf in ihm zum Märchenerzähler, der berichtet von Lochland und seinen Menschen und seinem König, von den Wolkenmachern, die im Loch leben und den Absperrern, die es bewachen. Es ist ein wahnwitziger, abwechslungsreicher und ungemein bewegender Ritt durch jenen Zwischenraum zwischen Abwesendem und anwesendem, Gegenwart und Vergangenheit, Präsenz und Erinnerung.

Aufgereiht an einer schwarzen Wand Bilder der verlassenen Orte, verblassende Erinnerungen in Schwarz-Weiß. Später zeigen sie Augenpaare – derer, die diesen Ort einmal mit Leben erfüllt haben und die irgendwann verschwinden, von der Wand, aus ihrem Ort, aus dem Gedächtnis. Filmeinspieler zeigen eine Fahrt durch Geisterorte, Leerstellen gelebten Lebens, eingespielt dazu das Vogelgezwitscher, das hier ertönte, der Lärm derer, die hier feierten. Später besucht die Kamera die neuen Dörfer, Ersatzheimaten, gleichförmig, steril, sauber, aber tot. Orte ohne Seele. Mit nie endender Energie schlägt sich das jugendliche Ensemble durch das Dickicht aus Fortschritt und Tradition, moderner Welt und verlorener Heimat, wirtschaftlichem Zwang und menschlicher Entwurzelung.

Und wagt dabei eine veritable Tour de Force durch eine Vielzahl theatraler und künstlerischer Ausdrucksmittel. Stillen, lyrischen Momente, die etwa davon berichten, wie selbst die Toten den Lebenden hinterherziehen, folgen slapstickhafte Passagen – etwa jene der tumben Absperrer, die sich in meterlangem Absperrband verheddern, gelungene Satire wie die des auf den eigenen Nutzen bedachten Königs – oder sollte man Politiker sagen? – wechselt mit Puppenspiel, ein Hauch Horrorthriller beim Abstieg ins Loch wandelt sich um in eine fabelhaft durchgeknallte Märchensatire von Geld produzierenden (im Sinne von Stoffwechselprozessen) Wolkenmachern, die auf ebenso intelligente wie brüllend komische Weise etwas vom sich stets immer wieder neu befeuern müssenden Kreislauf der Wirtschaft erzählt, bei dem Stillstand zu Verstopfung führt. Das Ensemble greift dabei tief in die Theaterkiste und holt alles heraus, was sich nutzen lässt: von Filmeinspielern über Klanginstallationen und Musik bis zu einer wilden Mischung unterschiedlichster Theater- und Darstellungsformen, die einander abwechseln, in einander übergehen, sich gegenseitig befruchten und auch schon mal über die Bühne jagen.

Das Erstaunlichste an diesem bemerkenswerten Abend ist dabei, wie wenig beliebig dieses ungemein eklektische Theater ist. So wenig die Einzelteile zusammenzupassen scheinen, umso mehr ergeben sie ein faszinierendes, rundes Ganzes, ein Gesamtbild mit vielen Facetten, das erzählt von Heimat und was ihr Verlust im Menschen anrichtet, aber auch von denen, die diese Heimat vernichten, ohne dass das je in einfachem Schwarz-weiß endet. Lochland wertet nicht, sondern bringt Verlorenes zum Leben, Verschwundenes zu Gesicht. Es erzählt von einem Loch, dass alles auffrisst, was einmal das Leben hieß, ein großes, das viele kleine, aber umso dunklere in den Menschen hinterlässt. Und das fast unbemerkt mitten unter uns, in unserer Gesellschaft klafft wie eine Wunde, die täglich größer wird. Ein Loch, das wir erst sehen, wenn es zu spät ist.

An einer Stelle spielen die jugendlichen Darsteller die Geschichte eines Wunders, welches das Loch aufhält und von dem sie wissen, dass es nie eintreten wird. Und doch ist es da: ein kleines und vielleicht gar nicht ganz so kleines Theaterwunder, ein Abend, der berührt und unterhält, der ungemeine Vielfalt zu erstaunlicher Konzentration verdichtet, ein Abend, der staunen macht und zeigt, wie viel junges Theater in der Lage ist über uns und unsere Gegenwart zu sagen. Es könnte sein, dass dieses Lochland dem Theatertreffen der Jugend 2013 seinen Höhepunkt beschert hat.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Das Land eine Wunde

  1. […] in einer solchen Situation leben, ist sie brutale Wirklichkeit. Davon handelt  das Stück Lochland, mit dem die Theatergruppe poco*mania der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule Grevenbroich beim […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: