Heller wird’s nicht

Theatertreffen der Jugend 2013 – hell erzählen, Freie Jugendtheatergruppe Hellersdorf des Theater o.N., Berlin

Von Sascha Krieger

Es hat eine seltsame Geschichte, dieses Hellersdorf. Bin in die Siebzigerjahre hinein ein dörfliches Idyll am Rande Berlins wuchs es im Zuge des DDR-Wohnungsbauprogramms zu einem neuen Stadtbezirk empor, in dem nunmehr Hochhäuser dominierten, die einander glichen, wie ein Ei dem anderen. In der „Platte“ zu wohnen war populär, eine moderne Alternative zur abgewrackten Altbautristesse. Nach der Wende ein anderes Bild: Die Viertel wurden herausgeputzt, die Wohnblocks individualisiert und doch ist die „Platte“ plötzlich verpönt, wird zur Heimstadt des Präkariats. Ghetto, Hartz IV, eine Generation ohne Zukunft – so lauten die gängigen Klischees. Von hier kommen die acht Spieler des Projekts hell erzählen, Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 15 Jahren, fünf Mädchen, drei Jungen. Dabei steht „hell“ natürlich für ihr Viertel, die Assoziation mit „Hölle“ ist aber sicher ebenso gewollt wie die des „Aufhellens“ – der eigenen Situation oder auch des einfachen Berichtens von dem, was ist, und was wir so gern verdrängen.

Foto: David Beecroft

Foto: David Beecroft

Entwickelt haben die Jugendlichen das Stück gemeinsam mit dem Theater o.N. aus dem ungleich angesagteren Prenzlauer Berg, die Texte stammen von ihnen selbst.  Ein gestrichelter Kreis und ein ebensolcher Halbkreis sind auf die Bühne gezeichnet, darin sitzen die Spieler zunächst, jeder mit einer Art Miniatur-Fensterbaustein, die „Platte“ ist allgegenwärtig. Später werden sie aus den Steinen einen wackeligen Turm bauen oder sie zu einer Gebäudeattrappe zusammenschichten, durch deren Öffnungen sie auf uns blicken. Ein Gefängnis vielleicht, aber auch ein Zuhause.

Dem sie sich über verschiedene Stationen nähern: Zunächst spielen sie mit den Steinen eine Art Reise nach Jerusalem, bei der sich jeder, der keinen Stein erwischt hat, vorstellen muss. Danach spielt man „Gedankenlesen“, dann ist der übliche Tagesablauf dran und am Schluss werden Geschichten erzählt oder nachgespielt. Dabei fällt vor allem der optimistische Blick auf die eigene Lebenswelt auf. Sicher, es ist vom Schuleschwänzen und Kiffen, von alkoholkranken Müttern und schlagenden Vätern die Rede und doch endet jede Geschichte irgendwie recht glücklich: Die alkoholabhängige Mutter kommt von ihrer Sucht los, das Mädchen, das immer ausgenutzt wird, lernt, nein zu sagen, eine andere, die von einer Gesangskarriere träumt, wird tatsächlich entdeckt, der Schulschwänzer sieht seinen Irrweg ein und selbst der Junge, der einen anderen im Streit umgebracht hat, hat es nach der Haft ganz gut getroffen. Ist das Wunschdenken oder Realität, ironische Brechung oder realistische Zustandsbeschreibung?

In jedem Fall lässt es den Abend ein wenig zu sehr ins Leichtgewichtige kippen, vor allem, weil ihm das Gegengewicht fehlt, alles Negative, die zerrütteten Familien, die Gewalt, die Perspektivlosigkeit bleiben Fußnoten, die im Vorbeigehen abgehakt werden, zum Gegenstand einer diskursiven oder theatralen Auseinandersetzung werden sie nicht. Hinzu kommt, dass auch die Utopien, die Lebenswünsche im Vagen verbleiben. Da ist letztlich nicht, woran man sich abarbeiten kann. Da hilft es auch nicht, dass alle Spieler Fantasienamen haben – die durchaus spannende Frage, wie viel von René denn nun in Percy steckt oder wie wenig von Jass in Needy, stellt der Abend auch nicht. So bleibt nur eine noch größere Distanzierung, resultierend im Vagen, das gern allgemeingültig wäre, dem dazu aber die Substanz und vor allem die Gründung im Konkreten fehlt.

Wenn sie selbstbewusst an den Bühnenrand treten und uns ihr „Das bin ich“ entgegenschleudern, wenn sie in „Ich-kenne“-Monologen ihre Welt beschreiben, dann verbleibt all das im Ungefähren und gewinnt Wahrhaftigkeit nur in den herausfordernden Blicken der Jugendlichen, in ihrer Scheu, ihrem Trotz, ihrer Insistenz darauf, etwas zu sagen zu haben. Und das ist vielleicht das Ärgerlichste an diesem Abend, der sich nicht so recht traut, dahin zu gehen, wo es auch mal wehtut, wo die großen und wichtigen Fragen gestellt werden und Allgemeinplätze nicht ausreichen: Mit fortlaufender Dauer verfestigt sich der Eindruck, diese acht Jungs und Mädchen hätten tatsächlich etwas zu sagen. Hätte man sie doch bloß gelassen.

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