Helden im Bühnennebel

Theatertreffen der Jugend 2013 – Almost Lovers – ein Theater Mobil Projekt, Junges Schauspielhaus Düsseldorf

Von Sascha Krieger

Nach dem Theatertreffen ist vor dem Theatertreffen: Kaum sind die großen Theater und mit ihnen das Medieninteresse abgezogen, fallen Massen Jugendlicher ins Haus der Berliner Festspiele ein, um es acht Tage lang besetzt zu halten. „Theatertreffen der Jugend“ heißt das und präsentiert, das, was die Jury für das Zeigenswerteste der Jugendtheaterarbeit der letzten zwölf Monate hält. Wie immer sind acht Gruppen dabei: Schultheatergruppen, Jugendclubs, Jugendsparten von Stadttheatern. Theatertreffen der Jugend, das sind acht Tage Theater, Workshops, Kennenlernen, ein vielfältiges Programm, bei dem die allabendlichen Aufführungen nur die Spitze des Eisbergs sind. Das ruft nach einer stimmungsvollen Eröffnung und das übernehmen am besten die acht Gruppen selbst: Jede hat ein Stück einer der anderen Gruppen bekommen, das sie kurz aus ihrer Sicht szenisch umsetzen sollen. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Humorvoll sind sie immer, vom Interesse an der Arbeit der anderen geprägt auch, manche Gruppe improvisiert mehr, andere (insbesondere die Heidelberger) zeigen sich ausgezeichnet vorbereitet. Spielfreude gehört ja zu den Klischees, die man gern mit Jungem Theater verbindet. Hier zeigt sie sich in ihrer schönsten Form.

Dann geht es endlich los und eines zeigt sich schon am Eröffnungsabend: Die ganz großen politischen Themen sind zwar nicht abwesend, in erster Linie geht es in den eingeladenen Arbeiten aber vor allem um die eigenen Befindlichkeiten, darum, was es heißt, in dieser seltsam komplexen und kaum mehr verständlichen Welt jung zu sein und ob man das überhaupt will. Und während das letztjährige Festival mit einem Stück eröffnete, das sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt und der Rolle des Westens befasste, geht es dieses Jahr ums Eingemachte: Zehn männliche Düsseldorfer Jugendliche befassen sich mit sich selbst – mit ihrem Jungsein, mehr aber noch mit ihrem Jungs-Sein. Von einer „Liebeserklärung“ an Jungs spricht der Vorstellungstext auf der Website des Festivals. Der Abend spielt ausgiebig mit Jungs-Klischees, versucht sich an Rollenklischees und stellt die Frage: Was heißt es, ein Junge zu sein? Was wird von ihnen erwartet, was erwarten sie selbst? Und wie ist das eigentlich mit der Individualität?

Auf der Bühne ist ein Sporthallen-Umkleideraum nachempfunden, mit Spinden, Handtüchern, Bank. Dahinter eine Wand aus vielen Quadraten bestehender Plastikfolie, links und rechts zwei Spiegel. Das Ganze dient vor allem für die ausgeklügelten und immer ein wenig augenzwinkernden Videoprojektionen. Besonders schön: der Junge, der einem Mädchen seine Liebe gestehen will, die sich im jedoch stets entzieht: als Projektion in einem der Spiegel, die zum davon wandernden Schattenriss wird, sobald er ihr näherkommt. Oder die Szene, in der die zehn sich selbst gegenüberstehen, ihren Selbst- und Fremdbildern, denen, die sie glauben zu sein und denen, die sie wirklich sind. Es sind diese stillen, wortlosen Momente, die am stärksten wirken, so wie der Abgang, ratlos zurückblickend, die Fragen nicht beantwortet.

Aber sie werden wenigstens gestellt: Mit hohem Tempo und stringent durchstrukturiert pflügt der Abend durch Rollenklischees, gesellschaftliche und familiäre Erwartungen, eine Wünsche und Ansprüche. Da wird aus dem Versuch, eine Liebeserklärung an ein Mädchen zu verfassen, die Liebe zum Fußball und aus dieser gewalttätiges Aufbegehren. Übergangslos, alles hängt mit allem zusammen: Die Kabbeleien in der Umkleide, die Macht- und Kraftspiele der Älteren gegen die Jüngeren, die Tortur des Kondomkaufs im Supermarkt, die Bewunderung für und Angst vor dem Vater. Immer wieder entlädt sich das in Tanzszenen, Choreografien der Männlichkeit oder der Romantik, aber auch des Schmerzes, des Geschlagen seins (auch im Wortsinn), der Unsicherheit und Niederlage.

Ausgiebig, mit viel Aufwand und Humor werden Filmszenen zitiert und angespielt, Heldengeschichten zumeist, vom Herrn der Ringe reicht das bis zu den Piraten der Karibik. Denn es geht ja auch um Hoffnung, um das Aus- und Aufbrechen ins Leben, um den Drang, selbst ein Held zu sein, vor allem, wenn man es im eigenen Leben nicht ist. Diese Möglichkeit bietet die Bühne und so ist das Theater hier nicht nur Darstellungsraum, sondern auch Gegenstand der Reflexion, Versuchsfeld, Selbstfindungslaboratorium. Da wird der Zuschauer zugenebelt, fleißig mit stimmungsvoller Musik gearbeitet und am Ende kommt sogar noch eine Speed-Boot-Attrappe zum Einsatz.

Dabei findet der Abend über weite Strecken eine Balance zwischen Ernst und Spaß, Zukunftsängste und familiäre Konflikte stehen zwischen kindlichem Spiel und Flucht in die Fantasie. Diese Jungs sind eben nicht mehr ganz Kind und noch (lange?) nicht Mann. Ohne Zweifel: Manches ist ein wenig albern, nicht immer wird ausreichend an der Klischeeoberfläche gekratzt und zuweilen genügt sich die Materialschlacht mit Video und Bühnennebel ein wenig zu sehr sich selbst. Zumal sich diese Form des Ensemblestücks mit immer schön ironisch gemeinten Zitaten, „echten“ Geschichten und strukturierenden Tanzszenen und Choreografien in den letzten Jahren als dominierendes ästhetisches Modell des Theatertreffens der Jugend etabliert hat. Das ist ganz so originell dann eben nicht und doch reißt dieser Abend mit. Weil die vielzitierte Spielfreude ebenso zu greifen ist, wie der Wunsch und die Dringlichkeit dieser zehn Jugendlichen, uns mit ihnen zu konfrontieren. Diese Jungs haben etwas zu sagen, und wir tun gut daran, ihnen zuzuhören. Und ganz nebenbei: Spaß macht es auch.

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