Von der Kraft der Musik

Die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Claudio Abbado

Von Sascha Krieger

Es ist ein lieb gewordenes Ritual: Einmal im Jahr – meist im Mai – stattet Claudio Abbado den Berliner Philharmonikern, die er dreizehn Jahre lang als Chefdirigent leitete, einen Besuch ab. Es sind Konzerte, die stets auf die gleiche Weise enden: mit minutenlangen, nicht enden wollenden stehenden Ovationen, die nicht einmal Abbados Nachfolgern Sir Simon Rattle in dieser Form kennt. Die Liebe des Berliner Publikums ist ungebrochen, ebenso wie die Dankbarkeit für den Maestro, der einst die schier unmögliche Aufgabe, Herbert von Karajan nachfolgen zu müssen, mit Eleganz, Bescheidenheit, aber auch mit einer unverrückbaren musikalischen Vision gemeistert hat, dass er den Rang dieses Klangkörper als einem der besten, wenn nicht gar als bestem der Welt nicht nur aufrecht erhalten, sondern das Orchester auch in die Moderne geführt hat. Wenn die Philharmoniker heute zeitgenössische Musik mit der gleichen Präzision und Perfektion zu interpretieren im Stande sind wie das klassische und romantische Erbe, dann hat das viel mit Claudio Abbado zu tun. Dass der tosende Applaus, der ihm hier entgegenschlägt, alles andere ist als ein Tribut an seine Vergangenheit, hat er mit seinem diesjährigen Gastspiel auf eine Weise unter Beweis gestellt, die dem Zuhörer den atem stocken lässt.

Claudio Abbado war von 1989 bis 2002 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker (© Claudio Abbado / Cordula Groth)

Claudio Abbado war von 1989 bis 2002 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker (© Claudio Abbado / Cordula Groth)

Felix Mendelssohn-Bartholdy hängt lange schon der Ruf des Leichten an. Das ist sicher nicht falsch, nur wird Leichtigkeit gern mit mangelnder Substanz verwechselt. Wie falsch das ist, zeigt Abbado ausgerechnet an einem von Mendelssohns Schauspielmusik zu Shakespeares Sommernachtstraum, die in ihrer musikalischen Reise durch Elfen- und andere Traumreiche tatsächlich elfengleiche Leichtigkeit umspielt. Im umwerfend präzisen und nuancenreichen Spiel der Philharmoniker wird daraus ein fast körperloses Flirren der hohen Streicher, in denen jeder Traum sein Abdriften ins Albtraumhafte in sich führt. Von ungewöhnlicher Schwere ist die vor allem in der Ouvertüre phasenweise düstere Grundierung, die in der Ouvertüre von der Pauke, in der Nocturne von den tiefen Bläsern angeführt wird. Abbado findet den Kern von Mendelssohns Musik in diesem Spiel zwischen Hell und Dunkel, Traum und Albtraum.

So erhält selbst der berühmte Hochzeitsmarsch eine dumpfe, fahle Note, fehlt im jedes Strahlen, ist das unvermeidliche Ende auch des Traums der Liebe schon mitgedacht. Auch in den beiden Gesangspassagen ist das Leichte keinesfalls substanzlos, entzieht fas Orchester Chor und Solistinnen so lange jede Farbe, bis die Elfen an die Grenze zum Geisterhaften geraten. Die unbestreitbare Schönheit, die auch Abbado in dieser Musik findet, gründet auf dem Vielklang des musikalischen Reichtums, den Mendelssohn hier verarbeitet hat, aber es ist eine Schönheit, die von ihrem notwendigen Vergehen her gedacht ist.

Damit ist der Bogen zu Hector Berlioz‘ Symphonie fantastique geschlagen. Wie aus dem Nichts schält Abbado ein musikalisches Traum-, Albtraum und Schreckensland, das vom ersten, kaum hörbaren Ton on seinen Bann schlägt, fasziniert, erschüttert. Wie Herzschläge, Atemzüge lässt er das Orchester an- und abschwellen, führt er es immer wieder bis an den Rand des Verschwindens. Da wird etwa im vierten Satz jedes Instrument zu einer Insel, ist fas musikalische Universum, das im ersten Satz so hart erkämpft war, schon längst zerfallen, begehren einzelne Stimmen verzweifelt oder schon resigniert auf, wehren sich trotzig gegen die Stille.

Doch ihr Gegenteil ist noch unerträglicher. Schon im ersten Satz steigert das Orchester die titelgebende Leidenschaft bis weit in das Reich des Dissonanten hinein, deutet sich der Todeskampf des Finales schon mehr als an. Dieses entsteht wie aus dem Nichts, aus der gerade errungenen Stille und entwickelt eine Kraft, eine Unerbittlichkeit, die dem Zuhörer fast den Atem nimmt. Das Dies Irae: jede Note ein Jüngstes Gericht. Der Sabbattanz: ein unbezwingliches Vorwärtsdrängen zur unvermeidlichen Katastrophe. Damit nimmt Abbado das Ende der alles andere als angenehm tänzerischen Ballszene des zweiten Satzes wieder auf und führt sie mit letzter Konsequenz zu Ende. Dieser zweite Satz taugt hier genauso wenig als Ruhepol, als optimistisch romantisches Zwischenspiel wie die anschließende ländliche Szene, in der die Bässe so düster dräuen, dass wir uns in einem finsteren Wald wähnen.

Diese Symphonie fantastique gehört nicht dem Rufen des Horns, sondern den schneidend schrillen Geigen, dem Schreien der Klarinette, den Erschütterungen der Tuba. Diese Symphonie fantastique ist weit jenseits jeder Traumwelt, dieser Albtraum ist real, sie erzählt von den letzten Dingen – mit einer unerbittlichen Unmittelbarkeit, die schaudern lässt. Wer verstehen will, welche Kraft, welche Macht Musik haben kann, wie sie im Stande ist, von dem zu sprechen, was uns unaussprechlich scheint, sollte dieses Werk, sollte diesen letzten Satz mit diesem Orchester und diesem Dirigenten gehört haben. Wen diese erbarmugslose Dynamik und unentrinnbare Kraft nicht zutiefst erschüttert zurücklässt, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

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Ein Gedanke zu „Von der Kraft der Musik

  1. […] Am Leben gehalten, das hat er immer wieder betont, habe ihn die Musik. Noch im Mai letzten Jahres gastierte er bei “seinen” Philharmonikern, in diesem Mai wollte er hier Werke von Mozart und Richard Strauss dirigieren. Er hat nie […]

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