Ausgerechnet Deutschland

Przemek Zybowski: ROM – Die lange Rückkehr in den Westen, Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Johannes Wenzel)

Von Sascha Krieger

Rom. Eine Taxifahrt. Vater, Mutter, Sohn. Der Sohn bricht einen Streit mit dem Fahrer vom Zaun, die Mutter versucht ihn zu beruhigen, der Vater sitzt regungs- und teilnahmslos da. Immer und immer wieder kehrt Bronek (Janning Kahnert) zu dieser Szene zurück, mal zwanghaft mechanisch, mit zunehmender Dauer des Abends jedoch immer aggressiver. Ein völlig banaler Moment, der zum Fokus-, zum Ausgangs- und Rückkerpunkt wird, einer, der eine Erinnerungslawine lostritt und der immer wieder dann aufgesucht wird, wenn Erinnerung ins stocken gerät oder, häufiger noch, verweigert wird. Und es ist eine Szene, von welcher der Vater später behaupten wird, sie hätte nie stattgefunden, zumindest nicht mit ihm. Wenn man die Taxifahrt unbedingt haben wollen, solle man ihn zumindest herausnehmen, fordert er. Es geht in ROM – Die lange Rückkehr in den Westen um verdrängte und verweigerte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, um Schuld und Beschuldigung, um Migration und Identität, aber auch um die Geschichte des eigenen Landes, das schon lange nicht mehr das eigene ist.

Bronek war neun, als seine Eltern und seine Schwester Polen verließen. Es war 1984, ein Jahr nach Aufhebung des Kriegsrechts. Bronek blieb zurück und wurde im Jahr darauf nachgeholt. Bronek entwickelte sich zu angepassten Musterschüler, wurde mit achtzehn deutscher Staatsbürger, später Schriftsteller. Auch den Eltern erging es gut, der Vater wurde Arzt, irgendwann erfüllte man sich den Traum vom Sommerhaus in Rom. Auf der Strecke blieb dabei die eigene Identität, das neue Glück wurde erkauft mit Schweigen. Ein Schweigen, dass Bronek jetzt, fast 30 Jahre später, bricht. Und so brechen die Fragen, die Beschuldigungen, die Wut aus ihm heraus und über die Eltern herein. Es beginnt bei der Frage, warum man ihn zurückgelassen habe und führt hin zu eigenen Identität: Wer ist er, ein assimilierter Migrant? Pole? Deutscher? Alles geht zurück auf das jahrzehntelange Schweigen. Die Identitätsfrage war kein Thema, so wie der Vater auch jetzt noch jede Vergangenheitsbewältigung verweigert. Um die Zukunft ginge es, nicht um das, was war. Und auch das Land, dem sie damals entflohen, in einer seiner dunkelsten Phasen, drängt sich herein: der Papstbesuch 1979, die Verhängung des Kriegsrechts 1981. Wo war die Verantwartung der Eltern für das eigene Land, fragt Bronek, und wie konnten sie ausgerechnet nach Deutschland gehen?

In Jonannes Wenzels Uraufführung sitzen die drei sitzen an einem langen Tisch, der Sohn am Kopfende, der Vater, scheinbar teilnahmslos, arbeitet wissenschaftliche Fachliteratur durch. Es ist eine Art Verhörsituation, der sich jedoch als erster der Verhörende entzieht, der irgendwann seine Giftpfeile kauernd in einer Ecke verschießt. Ein Abspielgerät an der Wand lässt wahlweise  die Rede General Jaruzelskis zur Ausrufung des Kriegsrechts und Grillenzirpen erklingen- Auseinandersetzung oder Vergessen, die dunkle Vergangenheit oder die teuer erkaufte Idylle im Hier und Jetzt. Kahnert als Bronek ist der Zeremonienmeister, er gibt die Jahreszahlen vor, schreibt vor, wo wir uns gerade befinden. Die Mutter (Patricia Litten) schwankt zwischen Unsicherheit und wütendem Aufbegehren, der Vater (Wolgang Blaffert) zwischen kompletter Teilnahmslosigkeit und nicht verhüllter Verachtung vor dem schwachen Sohn. Für ihn ist Pragmatismus Stärke, das Hinterfragen dessen, was war, Schwäche. den Vorwurf des Egoismus lehnen beide ab. Und so bleiben am Ende immer noch völlig unterschiedliche Geschichten, eine Erfolgsgeschichte hier, ein Albtraum des Verdrängens dort. Das lässt sich nicht auflösen oder versöhnen, sondern bleibt nebeneinander stehen.

ROM – Die lange Rückkehr in den Westen ist eine eindrucksvolle Studie in Erinnerungsdynamik, im Kreislauf der Erinnernmüssens,der durch das Verdrängenwollen erst so richtig in Fahrt kommt. Er zeigt, wie sich Familiengeschichte vor allem aus dem konstituiert, was nicht gesagt werden darf, und wie in sie immer auch die große Geschichte eingeschrieben ist, ob man an ihr teilnimmt, ihr entflieht oder sie schlicht ignoriert. Leider kratzt der Abend dabei ein bisschen zu wenig an der Oberfläche, bleibt die Identitäts- und Migrationsdebatte etwas zu oft in Allgemeinplätzen stecken, bleibt Integration bloße Anpassung, gibt es eigentlich nur das Schwarz und Weiß: Flüchtling oder Assimilierter, Pole oder Deutscher, für Graustufen bleibt wenig Platz. Die ständige Wiederholung erzeugt  irgendwann nicht mehr die gewünschte Dynamik, eben weil das Repertoire des Verhandelten doch recht eingeschränkt ist. Doch das sind nur kleine, blasse Flecken auf einem Abend, der die Frage stellt, ob Erinnerung lebensnotwendig oder doch lebensbehindernd ist. Und der diese Frage nicht eindeutig beantwortet.

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Ein Gedanke zu „Ausgerechnet Deutschland

  1. […] ist die Kurzbeschreibung von Posen in Angst, der neuen Zusammenarbeit des polnischen Autors Przemek Zybowski und des deutschen Regisseurs Johannes Wenzel. Und doch kann sie nicht ansatzweise einen Eindruck geben von dem Abend, den die beiden am Berliner […]

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