Geburtswehen

Theatertreffen 2013 – Gerhart Hauptmann: Die Ratten, Schauspiel Köln (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das Programmheft ein guter Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Karin Henkels Kölner Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Die Ratten. Dort wird ausgiebig Friedrich Nietzsche zitiert, auch ein kurzer Textauszug des Philosophen selbst findet sich dort. Und so erlebt der Zuschauer hier vielleicht nicht „Die Geburt der Tragödie“, aber womöglich so etwas wie die Geburt des Wahrhaftigen aus dem Theater. Und geht es nicht in beiden Hauptthemensträngen des Stücks um das Gebären, das Entstehen neuen Lebens? Wirklichen Lebens in der Geburt des Kindes, das am Ende gleich zwei tote Mütter hat, aber auch gespielten Lebens in der Kunstwelt des Theaters? Bei Henkel sind die Ebenen der Frau Maurerpolier John und des Theaterdirektors Hassenreuter zu einer verschmolzen, das Oben und Unten, das im Text auch im Wortsinn zu verstehen ist, existiert hier nicht. Hier ist alles Theater und aus ihm erhält der Abend seine Kraft, die das Etikett „bemerkenswert“ mehr als angemessen erscheinen lässt.

Foto: Klaus Lefebvre

Foto: Klaus Lefebvre

Noch während die Zuschauer hereinkommen, putzt Lina Beckmann in Freizeitkleidung die Bühne, während sich links und rechts in Garderobenkuben die anderen Darsteller bereitmachen. Dann ruft Beckmann in den Saal: Ich bin fertig. Wir können anfangen.“ Und los geht’s: Jeder wählt sich etwas aus den bereitgestellten Kostümständern: Es wird ein eklektischer Mix aus schlichtem Kleid und Rokoko-Montrosität, Ballettröckchen und zeitgenössischem Proll-Look. Harro Hassenreuter (Yorck Dippe) ist der Tonangeber. Immer wieder gibt er Regieanweisungen, erteilt den Darstellern – oder sind es die Figuren selbst? – ihre Einsätze, bricht Szenen ab oder spricht eigene Monologe als Beispiele für seine Theaterkonzeption. Gerade gesprochene Sätze werden von anderen Figuren wiederholt, Kostüme und Rollen auf offener Bühne gewechselt, auch Zitate gibt es in Hülle und Fülle. So darf Möchtegern-Schauspieler Spitta (Jan-Peter Kampwirth) beim Vorsprechen aus Macbeth vortragen und zitiert dabei sowohl den eigenen Auftritt in Jürgen Goschs berühmter Düsseldorfer Inszenierung als auch Henkels eigenen Macbeth, der beim letzten Theatertreffen zu Gast war. Er spannt aber auch einen thematischen Bogen: Gegen Ende überreicht Johns Bruder Bruno seiner Schwester eine Pappkrone – eine, wie sie Jana Schulz als Henkels Macbeth trug. Mörder wider Willen beide – schuldig geworden ebenso.

Diese Selbstreferenzialität ist eben nie Selbstzweck, sie erfüllt eine klar bestimmte Rolle. Hier geschieht alles im Dienste des Theaters. Das auch ein Laufsteg ist: Jens Kilian hat ihn an den Bühnenrand gebaut. Darauf wird zunächst gespielt, dahinter lauern die gerade nicht Beschäftigten, drängen sich zuweilen herein, dazu wird musiziert, mit Flügel, Gitarre, Trompete – atmosphärische Verdichtung, ironischer Kommentar aber auch purer Zeitvertreib. Es ist eine Art Probensituation, die Henkel hier anordnet. Hier ist gerade etwas dabei zu entstehen. Eine Schlüsselrolle kommt in diesem Regieansatz natürlich dem Streitgespräch zwischen Spitta und Hassenreuter über die Rolle des Theaters und seine Stellung gegenüber der Wirklichkeit zu. Dabei ist Spitta kein lächerlicher Hanswurst, sondern ein veritabler Gegenspieler. Den Widerstreit aus autonomem Kunstanspruch und Abbildung dessen, was ist, führen die Schauspieler in der Folge vor.

Mittelpunkt des Abends ist dabei natürlich Lina Beckmann. Ihre Jette John ist eine panisch durch die Welt irrlichternde Frau, in der Sehnsucht und Wahn irgendwann zu einem verschmelzen, in der Angst und Verzweiflung und Wut irgendwann ins Pathologische kippen, die um sich schlägt, nur um gleich darauf zu einem trotzigen Kind zusammenzusinken. Beckmann spielt das gesamte emotionale Instrumentarium des Schauspielerhandwerkes durch und übersetzt es im selben Moment in direkte, unmittelbare Darstellung von etwas, das weit über das Theater hinausreicht. Lina Beckmann bleibt eine Schauspielerin, die eine Rolle spielt und doch entsteht in diesem Moment eine größere Wahrheit: die einer geschundenen und sich selbst schindenden Frau, die einer Welt, in der Glück ein Luxus ist, Erfüllung ein Privileg derer, die es sich leisten, eine, in der wir selbst die Rolle der antiken Götter übernommen haben, eine Tragödie von unseren Gnaden. Und so ist dieses Drama einer Selbstauflösung das Beckmann vorführt, auch das einer Entstehung: von so etwas wie einer theatralen Wahrheit.

Die existenzielle Wucht, mit der uns Beckmanns John anspringt, hat viel damit zu tun, dass wir hier eben keinem naturalistischen Theater beiwohnen. Hier wird das Theatrale selbst zum Thema und zum Versuchsraum. Ist das Theater ein Ort, der in der Lage ist, in die Wirklichkeit auszustrahlen, diese aufzunehmen, sich an ihr abzuarbeiten, einer, der jenseits dieses Raumes eine Bedeutung hat. Wie Karin Henkel aus dieser Versuchsanordnung, diesem extrem artifiziellen Rokoko- und Punk- und Prekariatskitsch diese Geschichte entstehen lässt, diese Figuren, Sehnsüchte, Verzweiflungen, Ängste herausschält, ist streckenweise atemberaubend. Ob Bernd Grawert als bodenständig- hilflos-wütender Paul John, Kate Strong als Sidonie Knobbe, die ihre Anklage als Show-Auftritt herausschleudert oder Lena Schwarz als schon längst in der eigenen Hölle angekommenes und doch an den letzten verbliebenen Ich-Resten störrisch festhaltendes Menschenbündel Piperkarcka: Dieser Abend ist auch einer der Schauspieler, die alle letztlich dem eigentlichen zweiten Helden des Abends recht geben: dem Theater-Realisten Spitta, dessen Wirklichkeitsanspruch hier mit den Mitteln des Theaterkünstlers Hassenreuter den Sieg davonträgt. Was auch an Jan-Peter Kampwirth liegt, der den Spitta ebenso wie den Mörder Bruno spielt. irgendwann sind beide kaum mehr unterscheidbar, Seiten der gleichen Medaille, Gestalten, am Rande eines Abgrunds, in den jeder jederzeit fallen kann.

Natürlich hat der Abend seine Schwächen: Insbesondere nach der Pause kippt das Gleichgewicht deutlich in Richtung Naturalismus, verschwindet die Theaterebene mehr und mehr, gerät die Inszenierung in eine Schieflage, aus der sie nur das atemberaubende Ensemblespiel rettet. Leider gibt Karin Henkel ihren inszenatorischen Ansatz irgendwann auf, überlässt sie die Bühne ganz Lina Beckmann, die damit allerdings Erstaunliches anzufangen weiß. Über weite Strecken hinweg ist dies jedoch ein ganz starker Abend, der die Kraft des Theaters feiert ohne je den Blick für seine eingeschränkte Wirkungsmacht, vor allem in unserer Zeit zu verlieren. Und es ist einer, der, ganz konservativ, die Rolle des Schauspielers in den Mittelpunkt rückt, als Vermittler, Erlebbarmacher, Wahrheitserzeuger. In einem nicht ganz so starken Theatertreffenjahrgang sind Karin Henkels Ratten  ein echter Lichtblick.

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