Nummernrevue mit V-Effekt

Theatertreffen 2013 – Bertolt Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe, Schauspielhaus Zürich (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Bertolt Brechts Weltwirtschaftskrisendrama Die heilige Johanna der Schlachthöfe ist seit dem Beginn der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2008 ein Dauergast auf den Spielplänen deutschsprachiger Theater. Vielleicht hat dies und der Wunsch nach Relevanz die Jury des Theatertreffens bewogen, in diesem Jahr endlich eine der zahlreichen Johanna-Inszenierungen einzuladen. Dass die Wahl ausgerechnet auf Sebastian Baumgartens Zürcher Inszenierung fiel, mag damit zusammenhängen, dass Baumgarten im Gegensatz zu den meisten anderen Regisseuren auf eine vordergründige Aktualisierung des Stoffs verzichtet, ein rotes Tuch für so manchen Kritiker. Welche weiteren Gründe die Jury bewogen haben könnten, den Abend zu den zehn bemerkenswertesten des vergangenen Jahres zu zählen, erschließt sich nach dem Gastspiel im Haus der Berliner Festspiele nicht. Es ist ein seltsam beliebiger, haltungsfreier und ungemein selbstverliebter Abend, der sich an seiner zweifellos vorhandenen handwerklichen Qualität so sehr berauscht, dass kein Raum mehr bleibt für die Beantwortung der Frage, was uns dieser unter erheblichem Einfluss von Brechts aufkommendem Interesse für den Marxismus entstandenen Text zu sagen haben könnte.

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Dabei hat man von Beginn an ein wenig den Eindruck, Sebastian Baumgarten stünde unter Rechtfertigungsdruck, schließlich war er einst Schüler von Ruth Berghaus und Einar Schleef, die wiederum Schüler Brechts waren. Vieles an diesem Abend wirkt, als wollte Baumgarten beweisen, dass er das Brecht-Handwerk versteht. Vor allem dessen berühmt-berüchtigter V-Effekt, bei dem Bedeutung durch Verfremdung sichtbar werden soll, hat es ihm angetan und so wird verfremdet, was das Zeug hält. Baumgarten gibt sich einem zumindest anfangs durchaus virtuosen Spiel von Verlangsamung und Beschleunigung hin: Da erstarren Szenen in Standbildern, bewegen sich die Darsteller in Zeitlupe, werden Worte und Silben gedehnt, nur um gleich darauf in hektische Geschäftigkeit zu verfallen. Mal wird im Chor rezitiert, mal bricht man in revueartiges Entertainment aus, das Bühnenbild wechselt von Realismuskarikatur zu reiner Symbolik und zurück, am Schluss gibt es noch Ganzkörperkostüme in typisierenden Farben: rot für die Arbeiter, blau für die Fabrikanten, weiß für die Missionare – Johanna bekommt natürlich keines, weil sie ja nirgends dazugehört.

Das frei fließende zwischen Jazz und Blues und improvisierenden Passagen wandelnde Klavierspiel von Jean-Paul Brodbeck reduziert sich zuweilen zu lautmalerischer Illustration und Kommentierung, die Kostümierung ist ebenso grotesk wie typisierend. Die namensgebenden Kopfbedeckungen der schwarzen Strohhüte sind monströs riesenhaft, die Fabrikanten tragen Cowboyhüte und verzerrende Gesichtsmaskierungen, Johannas Niedergang wird plakativ dargestellt dadurch, dass sie ab ihrer Ausstoßung aus den Schwarzen Strohhüten von Kopf bis Fuß mit Schlamm beschmiert ist. Auch das Sprechen ist purer V-Effekt: Vor allem Johannas Gegenspieler Mauler (Markus Scheumann) spricht stets mit ein wenig zu hoher Stimme, knödelt die Worte irgendwo zwischen trunkenem Lallen und zur Schau gestelltem Ennui hervor, kaut auf den Worten herum, bis sie herausfallen wie ein ausgelutschtes Kaugummi.

Auch der Einsatz der Videoprojektion passt dazu: Links und rechts von der Bühne erscheinen Brechts Szenenüberschriften, über der Bühne Nachrichten-Headlines, die dazu noch, zumeist von Johanna, vorgelesen werden, in regelmäßigen Abständen werden wirtschaftliche Zusammenhänge durch von den Darstellern erläuterte Schaubilder verdeutlicht. Natürlich wird auch fröhlich assoziiert, Brechts Faszination für das noch junge Medium Film darf herhalten für übertrieben kitschige Zweisamkeitstableaus, ein bisschen Murnausche Expressionismusästhetik und einen Hollywood-reifen Abspann, zu dem man auch noch Rammsteins Brecht-Paraphrase „Haifisch“ singt. Die schlimmsten Entgleisungen der Inszenierung, etwa das dem Regisseur vollkommen entgleitende „Spiel“ mit ethnischen Stereotypen (das Ganzkörper-Blackfacing von Frau Luckerniddle, der zuweilen unvermittelt in pseudo-jiddischen Akzent kippende Graham oder die nicht minder platte Chinesen-Karikatur des Hauswirts Mulberry), verdienen es, den Mantel des Schweigens darüber auszubreiten.

Baumgarten verfremdet und zitiert und wirft durcheinander, bis auch der letzte Zuschauer begriffen hat, was hier Sache ist. Dabei hätte der Regisseur nur sein eigenes Interview im Programmheft lesen müssen, um das Problem zu erkennen: „Wenn man sich mit Brecht’scher Denk- oder Spielweise mit Ibsen oder Schnitzler auseinandersetzt, ergibt das automatisch eine Reibung. Die Reibung hebt sich hier auf.“ Reibung entsteht hier tatsächlich keine und das hat vor allem damit zu tun, wozu und wie Baumgarten die Brechtschen Techniken einsetzt. Er bleibt stets an der Oberfläche, karikiert oder illustriert, zuweilen beides und erfreut sich am eigenen Reichtum der Mittel und der Virtuosität ihres Einsatzes. Alles ist eigentlich ein wenig lächerlich, vor allem Johanna, die Yvon Larsen als großäugig Naive, als eindimensional gutherzige Idealistin gibt. Bis auf Laienspielniveau darf sie ihre schauspielerischen Mittel reduzieren, dass man irgendwann Mitleid haben muss für diese mehr als undankbare Aufgabe.

Was bei alldem auf der Strecke bleibt, ist jeder Hauch von Relevanz. Der Abend findet keine Haltung zu diesem Stoff oder gar zu unserer Gegenwart mit all ihren Parallelen – und Unterschieden – zur Situation der Zeit, in der das Stück spielt. Er sucht sie wohl auch nicht, zu sehr gefällt  und genügt der nummernrevueartige Eklektizisms dieses Zitaten- und Karikaturenspiels sich selbst. Brechts Marxismus hat sich überlebt, seine Dialektik ist viel zu komplex und verkopft, der hier dargestellte Kapitalismus mit dem anonymen Spiel der Märkte kaum vergleichbar – nur was bleibt dann noch? Hier nicht mehr als die Oberfläche des um sich selbst kreisenden Spiels. Wo alles lächerlich ist, nichts auch nur im Ansatz bestehen darf, bleibt am Ende nur Beliebigkeit und die Frage, warum der Zuschauer seine Zeit damit verschwenden soll. So mancher hat sich diese Frage schon zur Pause beantwortet und, so ist zu hoffen, einen angenehmeren Restabend verbracht.

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