Schlaflos im Räderwerk

Theatertreffen 2013 – Friederike Mayröcker: Reise durch die Nacht, Schauspiel Köln (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Das Theater der Katie Mitchell ist ein Theater der Ebenen. Dies gilt zunächst im Wortsinn: unten eine Mischung aus Kulisse, Tonstudio und Filmset, oben eine Video-Leinwand, unten wird produziert, oben das Produzierte gezeigt. Im Zusammenspiel zwischen der handwerklichen Mechanik der Filmproduktion und dem perfekt geschnittenen Ergebnis, das in Echtzeit zu sehen ist, entsteht im Idealfall so etwas wie eine Erzählung, die gleichzeitig von ihrer Entstehung berichtet. Das Paradoxe ist, dass in Mitchells besseren Arbeiten gerade diese Offenlegung der Erzähltechnik, diese konsequente Dekonstruktion der Vortäuschung von Realität eine Direktheit entsteht, eine Berührung des Zuschauers, die auf Empathie abzielendes Theater nur selten erreicht. Es ist dieses instabile, ambivalente Verhältnis von Verfremdung und Distanzierung auf der einen, Illusion und Durchbrechung der Distanz auf der anderen, aus dem sich die Wirkung von Katie Mitchells Theater entfaltet. Denn paradoxerweise ist es die reale Ebene der agierenden Figuren, die durch all die herumwuselnde Technik, die Ortswechsel zwischen den Szenen, das Hinein- und Herausschlüpfen aus den Rollen für die Distanz sorgt, während das Produzierte, die Vermittlung +über das bewegte Abbild Nähe suggeriert. In seinen besten Momenten erzeugt dieses Theater eine faszinierend komplexe wie fragile Theater- und Wirklichkeitserfahrung, in seinen schwächeren ist das mechanisch abgespulte Routine, eine Wiederholung des Immergleichen. Reise durch die Nacht, Mitchells Adaption einer kaum bekannten Erzählung Friederike Mayröckers hat ein wenig von beidem zu bieten.

Foto: Stephen Cummiskey

Foto: Stephen Cummiskey

An ihrer Oberfläche erzählt sie die Geschichte einer Frau, die im Nachtzug von Paris nach Wien fährt, geplagt von Erinnerungsfetzen, die irgendwo ein verschüttetes Trauma verbergen, an der Seite eines Mannes, mit der sie wenig mehr als pure Routine verbindet. darunter jedoch liegt eine Art Stream of Consciousness, ein zielloser, assoziationsbeladener Strom aus Bewusstsein und Bewusstlosigkeit, in dem das Schreiben als Lebensvermittler, -strukturierer, zuweilen -ersatz eine zentrale Rolle spielt, in deren Verlauf sich alles, was man Geschichte zu nennen versucht ist, auflöst in einem flirrenden, undurchdringlichen Nebel. Katie Mitchell setzt die Bruchstücke wieder zusammen und reduziert das Material auf die irgendwo darin mitschwimmende Geschichte vom schwierigen, zum Teil verdrängten Verhältnis der Protagonistin zum gewalttätigen Vater. Julia Wieninger spielt eine Frau zwischen der Qual, sich nicht erinnern zu können und der womöglich größeren, genau dies zu vermögen.

Mitchell erfindet einen Schaffner hinzu, mit dem die Frau eine schnelle Nummer schiebt, die dann den Gatten zu einem Gewaltausbruch verleitet, der den Bogen zum Vater schlägt und ein verdrängtes Ereignis aus der Kindheit der Frau an die Oberfläche spult, von dem bereits zu viel angedeutet wurde, als dass ein Überraschungseffekt eintreten könnte. Hier tritt allein dramaturgisch so viel durchschaubare Mechanik zu tage, dass es auch Mitchells virtuosem Spiel mit den Ebenen nicht gelingt, einen Eindruck von Plattheit, von bemühter Eindeutigkeit zu vermeiden. Da fällt umso störender ins Gewicht, dass Wieninger eine Frau mit einem Gesichtsausdruck zu spielen hat, von der die Maske des Leidens, der fortschreitenden Verzweiflung von den immer ein wenig verweinten Augen nie abfällt. Die dann doch ein wenig penetrant dräuende Begleitmusik tut ein übriges. Der Abend krankt vor allem an seiner Eindeutigkeit, die das komplexe Spiel mit den Wahrnehmungsmodi und -ebenen zu oft ins Leere laufen lässt.

Und doch lässt sich in dieser Anordnung aus bühnenfüllender Videowand und dem verblüffend echt nachgebauten Achtzigerjahre-Eisenbahnwaggon mit flexibel verschieb- und aufbrechbaren Einzelteilen, welche das Schlafwagenabteil der Gegenwart ebenso beherbergen wie in der Vergangenheit beheimatete Zimmer mit Blümchentapete sowie eine Sprecherkabine, in der Ruth Marie Kröger ein wenig zu wortreich die immer wieder gleichen inneren Monologe einspricht, zuweilen die Magie spüren, die Mitchells Theater zu erzeugen im Stande sein kann. so gelingt es zuweilen, die den Atem raubende Enge, in der sich diese Frau gefangen findet, spürbar zu machen, im monotonen Spiel des fahlen Lichts auf Julia Wieningers Gesicht etwa, das umso eindringlicher wirkt, desto genauer der Zuschauer sehen kann, wie es erzeugt wird. Oder in der Rastlosigkeit von Wieningers Unfähigkeit, Ruhe zu finden, dem zunehmend panischen Umherirren im immer enger werdenden Waggongefängnis, dem verzweifelten Nach-Luft-Schnappen am offenen Fenster. Es sind vor allem die Momente in denen die Erzählerstimme schweigt, die ansonsten das was aus dem Wirken des Bild- und Illusionsräderwerks und seiner gleichzeitigen Offenlegung entsteht mit einem mit fortschreitender Dauer immer mehr anstrengenden zähflüssigen Bedeutungsmorast zukleistert.

In Reise durch die Nacht halten sich Stärken wie Schwächen des Theaters von Katie Mitchell in etwa die Waage. Es wirkt umso besser, je offener, assoziationsstärker, andeutender das, was hier erzählt und dargestellt wird, ist, je mehr Bruchstellen vorhanden sind, durch die der Zuschauer blicken, in die er hineinhorchen kann. Reise durch die Nacht Macht zu wenige Angebote, stellt zu wenige Fragen, gibt zu vielen Antworten vor, um ein wirklich großer Katie-Mitchell-Abend, heißt, ein die Fantasie, das Weiterspinnen und Weiterdenken anregender Theaterabend zu sein. Und doch schenkt er dem Zuschauer so manchen jener Momente, wo diese kaum fassbare Unschärfe, die Mitchells Methode zu schaffen in der Lage ist, überraschende Blickwinkel weit jenseits der allzu eindeutigen Oberfläche ermöglichen, Perspektiven, die man gern weiter verfolgen würde, die aber in diesen kurzen eineinviertel Stunden viel zu schnell verfliegen. Schade eigentlich.

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