Wir Anderen

Theatertreffen 2013 – Jérôme Bel / Theater Hora: Disabled Theater, Theater Hora – Stiftung Züriwerk, Zürich / R. B. Jérôme Bel / Hebbel am Ufer, Berlin / Festival d’Avignon / Ruhrtriennale u. a.

Von Sascha Krieger

„Echte lebende Kinder“ gab es im vergangenen Jahr beim Theatertreffen zu sehen, „echte lebende Menschen mit Behinderung“ sind es in diesem Jahr. Und natürlich stellt sich die Frage: Darf man das? Eine, die auch die Angehörigen der elf Darsteller des Züricher Theater Hora, die an Disabled Theater, dem gemeinsamen Projekt des Theaters mit dem Choreografen Jérôme Bel, teilnehmen, bewegt hat, wie sie gegen Ende des Stückes berichten. „Wie Tiere im Zirkus“ würden sie ausgestellt, meinten beispielsweise die Eltern des 22-jährigen Matthias Brücker. Und Damian Brights Mutter verglich das Ganze mit einer Freakshow, fügte aber hinzu, es habe ihr sehr gefallen. Werden hier Menschen mit Behinderung ausgestellt oder stellen sie sich womöglich sogar selbst aus? Und wenn ja, dürfen sie das und wer hat es ihnen eigentlich erlaubt?  Und vielleicht, nein, ganz wahrscheinlich verrät das Stellen dieser Frage viel mehr über die Fragenden als jene, die sie auslösen. Sie lenkt den Blick auf unsere Sicht auf jene, welche die Gesellschaft traditionell abseits des „Normalen“ verortet hat, jene, denen sie, nein, wir nur zu gern vorschreiben würden, was sie dürfen und was nicht, dass und wie sie zu beschützen seien. Wovor eigentlich? Sind es nicht eher wir, die uns schützen vor dem Blick auf das vermeintlich andere, das so anders vielleicht gar nicht ist? Wer blickt hier eigentlich wen an?

Foto: Michael Bause

Foto: Michael Bause

Natürlich ist das, was hier passiert, ein Ausstellen, vielleicht auch ein Ausgestelltwerden, in jedem Fall aber ein Sich-Aussetzen und zwar dem Blick des Zuschauers. Es ist ein Blick, sich erst entscheiden muss, ob er voyeuristisch, mitleidig, herablassend, verlegen oder auch einfach neugierig ist oder, was am wahrscheinlichsten ist, eine Mischung aus mehreren oder allen dieser Perspektiven. Verunsichert beobachten die Zuschauer zu Beginn, wie ein Schauspieler nach dem anderen an den Bühnenrand tritt, um die erste Aufgabe zu erfüllen, die ihnen Regisseur Jérôme Bel gestellt hat: Eine Minute sollen sie da stehen und danach wieder abgehen. Mancher blickt forsch ins Publikum, andere Blicke sind gesenkt oder wandern herum, eine geht gleich wieder ab, während ein andere erst vom Spielleiter darum gebeten werden muss. Und mittendrin wir, die wir mucksmäuschenstill sind, bemüht nichts Falsches zu tun und uns gegenüber diesen Menschen zu verorten. Dann, wir sind bereits in der Vorstellungsrunde, die ersten, zaghaften, sich selbst nicht so recht trauen könnenden Lacher. Mit steigender Dauer werden sie lauter, selbstbewusster, selbstverständlicher.

Es gehört zu den Stärken dieses Abends, dass das vielleicht Spannendste an ihm ist, wie der Blick den wir auf die Bühne werfen, zurückgeschleudert wird auf die, die da eigentlich Zuschauer sein sollen, uns, das Publikum. Das liegt vor allem an der Selbstverständlichkeit, mit denen diese Menschen uns entgegentreten, nicht ohne Scheu, aber eben in erster Linie auf äußerst selbstbewusst und dies im Wortsinn: sich selbst bewusst, mit all ihren Schwächen, ihrer Behinderung, ihrem Anderssein – aber eben bei weitem nicht nur dem. Gleich zu Beginn entziehen sie dem Zuschauer die Mitleidsoption und mit ihr ein gutes Stück seiner Gewissheiten. Wir werden gezwungen, uns auf diese Menschen einzulassen, die uns da anspringen in all ihrer Verschiedenheit, Individuen, jeder mit seiner Geschichte, jeder auf seine Weise so vollständig, wie die Gesellschaft es ihnen kaum zugestehen will. Wie sie da agieren, sprechen, sitzen, tanzen, jeder mit eigenem Zeit- und Raumempfinden, mit seiner eigenen Körperlichkeit, werfen sie bald jegliches Normalitätsdenken auf den Müll.

Den Kern des Abends bilden die Tanzsoli, eine weitere von Bels „Aufgaben“ (mit denen Bel ironisch mit dem Themenkomplex Selbst- und Fremdbestimmung spielt). Von Swing über Abba und Michael Jackson bis zu Oomph reicht das Spektrum, einer rennt im Kreis und reißt sich die Jacke vom Körper, andere haben präzise Choreografien eingeübt und wieder andere geben sich schlicht dem Rhythmus hin, zuweilen auch einem, den vielleicht nur sie spüren. Da sind so viele unterschiedliche Arten des Körperempfindens zu sehen, wie Akteure auf der Bühne stehen. Dabei gerät das, was man früher den „Grad der Behinderung“ genannt hätte, sehr schnell in den Hintergrund. Ob Lernschwäche oder Trisomie 21: Hier stehen Individuen auf der Bühne, Menschen, die sich auszudrücken verstehen auf ihre ganz eigene Weise. Menschen auch, denen Humor alles andere als fremd ist, die Spaß haben am Spiel, das für sie eben auch eine der wenigen Ausdrucksformen des eigenen Ichs ist, welche die Gesellschaft ihnen zugesteht. Und Menschen, in denen so wahnsinnig viel steckt, das heraus will, die es kaum auf den Stühlen hält, wenn einer der anderen tanzt, die einander unterstützen oder sich einfach selbst der Musik und dem eigenen Empfinden hingeben.

Disabled Theater negiert oder leugnet das Anderssein nicht. Nicht immer kann das Publikum den Darstellern folgen und nie verschwindet auch das Unwohlsein ganz, kommt die Unsicherheit immer wieder zurück, ob man denn jetzt lachen dürfe oder nicht. Der voyeuristische Blick, er ist nie ganz abwesen. Die Schauspieler wissen darum und erinnern uns daran, lassen uns nicht so leicht davonkommen. „Ich habe ein Chromosom mehr als ihr“, schleudert Damian Bright dem Publikum entgegen, als er aufgefordert wird, seine Behinderung zu nennen – ein Satz voller Ironie aber auch nicht frei von Anklage, ein Satz wie ein Spiegel, in den der Zuschauer blickt.  So zwingt der Abend den Zuschauer immer wieder aufs Neue, seinen eigenen Blick zu hinterfragen. Wir selbst sind mindestens so sehr Gegenstand von  Disabled Theater wie die elf Schauspieler. Dabei ist der erhobene Zeigefinger dem Abend ebenso fremd wie jede Form herablassenden Wohlwollens oder gar die Romantisierung von Menschen mit Behinderung als die vermeintlich besseren, weil ursprünglicheren Menschen. Sind sie nicht und wollen sie nicht sein. Was sie wollen ist, dass wir sie wahrnehmen und das ertrotzen sie sich, beharrlich und unerbittlich. Wer Disabled Theater erlebt hat, weiß, wie sehr sich das lohnt. Und am Ende haben wir vielleicht nicht nur ein paar äußerst interessante menschen kennengelernt, sondern womöglich auch ein ganz klein wenig mehr von uns selbst.

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