Auf dem Schlachtfeld des Lebens

Das New York Philharmonic Orchestra zu Gast in Berlin mit Werken von Mozart und Tschaikowsky

Von Sascha Krieger

Festspiele haben im deutschsprachigen Raum nicht nur Tradition – es gibt derer auch eine große und ständig wachsende Zahl. Neben den „Platzhirschen“ wie Salzburg, Baden-Baden, Luzern oder dem alljährlichen Wagner-Schaulaufen in Bayreuth konkurrieren mittlerweile zahlreiche meist hochkarätig besetzte und mehr oder minder spezialisierte Musikfestivals um die Gunst der Zuhörer. Die Dresdner Musikfestspiele gehören sicher zu den renommiertesten – und doch kann auch ihnen ein bisschen Werbung nicht schaden. Und so ist es nur folgerichtig, dass sie in diesem Jahr mit ihrem größten Pfund – der Anwesenheit des weltberühmten New York Philharmonic Orchestra, seines Zeichen das älteste Symphonieorchester der USA – ordentlich wuchern wollen. Wie besser, als den Klangkörper ein paar hundert Kilometer gen Norden zu schicken, zu einem Gastspiel im Berliner Konzerthaus, natürlich unter der Ägide der Dresdner Festspiele? Und so schmiegt sich ein roter Teppich an die berühmten Stufen, weht ein Hauch Semperoper über den Gendarmenmarkt, als der Music Director des Orchesters Alan Gilbert – übrigens der erste gebürtige New Yorker in der Geschichte des Orchesters – den Taktstock erhebt.

Und schnell wird klar, dass hier ein amerikanisches Orchester spielt, auch wenn seine „Ware“, Mozarts Klavierkonzert Nummer 25, zum Kernrepertoire der deutschsprachigen Musikgeschichte zählt. Um wie vieles heller, lichter, durchscheinender hätte ein europäisches Spitzenorchester dieses für Mozart durchaus ungewöhnliche und zukunftsweisende Werk genommen. Dunkel und erdig kommen dagegen die New Yorker daher, äußerst kompakt der Klang, von Transparenz keine Spur. Wie einen Monolithen stellt Gilbert das Konzert in den Raum und treibt ihm damit von Beginn an jede vermeintlich Mozartsche Leichtigkeit aus. Aber eben leider auch so einiges von seinem Zauber. Viel zu wuchtig gerät das zuweilen, die Melodielinien und Tonartwechsel haben Mühe zu atmen, lediglich in den menuetthaften Passagen des Finalsatzes entsteht so etwas wie Schwung, wie musikalische Freude. Dabei ist die exquisite Klangkultur des Orchesters stets zu spüren, sein Klang immer kristallklar, ede Nuance fein herausgearbeitet. Bei aller Wucht bleibt das Spiel doch vergleichsweise schlank, Romantisierungen sind Gilberts Sache nicht.

Ein bisschen geht in der geballten orchestralen Kraft der Solist unter. Nun gehört Emmanuel Ax ohnehin zu den zurückhaltenderen seiner Zunft, doch hier verschwindet er über weite Strecken fast vollständig im Orchester. Dabei versucht er zu Beginn durchaus, dem Werk seinen Stempel auszudrücken, durch dynamisch vorwärts eilendes Spiel, de das Orchester nicht ganz folgen will. Zumal sein Anschlag stets leicht bleibt, er die Noten glitzernd perlen lässt und damit eben kaum gegen die Schwere des Orchesterspiels ankommt. Das ist schade, hätte man von der sanften Spielkultur Ax‘ doch gern ein wenig mehr gehört.

Was das Orchester wirklich vermag, zeigt sich erst nach der Pause: in Tschaikowskys sechster und letzter Symphonie, besser bekannt als „Pathétique“. Plötzlich passt die blockartige Kompaktheit, mit der hier gespielt wird, nahezu perfekt, findet sich ein Werk, dass dem kraftvollen Spiel dieser Spitzenmusiker gewachsen ist. Nicht weniger als „die Problematik des menschlichen Lebens“ sah der Tschaikowsky-Experte Arnold A. Alschwang (der damit im Programmheft zitiert wird) in dieser Symphonie thematisiert und Gilbert scheint diese Ansicht zu teilen. Vor allem der erste Satz gerät zum Schlachtfeld zwischen Schönheit und Schmerz, Liebe und Leiden, Leben und Tod. Hart sind die Brüche, scharf die Kontraste. Schmerzhafte Dies-irae-Monente folgen auf schwelgerisch dahin fließende lyrische Passagen. Das Orchester lässt die Musik einen wahrhaft existenziellen Kampf vollziehen, den es im Finalsatz fast ohne Bruck wieder aufnimmt. An dieser Kraft ist plötzlich nichts mehr schwer, sie kommt aus der Musik und bricht ungefiltert über die Zuschauer herein.

Am markantesten wohl gegen Ende des dritten Satzes, als Gilbert das Marschthema bis ins Schmerzvoll-Groteske steigert, ein wilder, wahnwitziger Tanz am Abgrund. Bei vielen Dirigenten und Orchestern bedeutet Tschaikowsky romantisches Pathos, variabler Wohlklang, emotionale Tiefe, die jedoch nie außer Kontrolle gerät. Das New York Philharmonic entdeckt dagegen archaische und nicht zu kontrollierende Urgewalten in der Musik des Russen und kommt damit diesem seinem letzten, immer wieder requiemartige Elemente einbindenden Werk viel näher. Da gelingen zuletzt sogar die leisen Töne, ist der Schluss ein berührendes Aushauchen, ein letzter Atemzug, eine Art, eine Symphonie zu beenden, die Mahler (übrigens einer von Gilberts Vorgängern als Chef des New York Philharmonic) später in seiner Neunten zum zentralen Konstruktionsprinzip machen wird. Dass Alan Gilbert als Zugabe wieder einmal zu Leonard Bernstein greift, sei ihm vergeben, an diesem Abend, an dem er mit seinem Orchester zumindest nach der Pause beweist, dass dieser Klangkörper nach wie vor in der Lage ist, Maßstäbe zu setzen..

Advertisements

Ein Gedanke zu „Auf dem Schlachtfeld des Lebens

  1. […] zwei Jahren nahm Vogler also das bei ihm gastierende New York Philharmonic Orchestra mit zu einem Gastspiel im Rahmen der Festspiele im Berliner Konzerthaus. Das funktionierte so gut, dass es in diesem Jahr wiederholt wird. Star des Abends ist diesmal ein […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: