Der Preis der Freiheit

Theatertreffen 2013 – Euripides: Medea, Schauspiel Frankfurt (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

„Theatertreffen Fünfzig“: Wer derzeit durch Berlin geht, kommt kaum an den türkisfarbenen Plakaten vorbei, mit denen das Theatertreffen seine fünfzigste Ausgabe bewirbt. Eine Reihe unterschiedlicher Aktionen und Veranstaltungen widmet sich dem Jubiläum und auch die Eröffnung passt da gut ins Konzept. Vor sechs Jahren war Michael Thalheimer mit seiner Berliner Orestie eingeladen und sorgte damit nicht nur für eine der wichtigsten und einflussreichsten Inszenierungen der jüngeren Theatergeschichte: Spätestens seit damals gilt Thalheimer als großer Tiefenschürfer, Stückeverdichter und Kernoffenleger unter den deutschsprachigen Regisseuren. Und mit seiner damaligen Klytämnestra Constanze Becker ging 2007 auch ein Schauspielerinnen-Stern auf, der bis heute unverändert hell strahlt. Da geht so mancher Blick zurück, wenn Thalheimer jetzt das fünfzigste Theatertreffen mit einer weiteren Antikenarbeit eröffnet – und erneut mit Constanze Becker. Medea, diese bis heute rätselhaft und unverständlich gebliebene und wohl auch deshalb so oft und immer wieder umgedeutete Geschichte einer Mutter, die zur Kindsmörderin wird, haben sie, die mittlerweile beide am Schauspiel Frankfurt arbeiten, im Gepäck. Und wieder ist es eine Reise tief ins Innere von Stück und Mythos geworden und auch zum Mittelpunkt des Menschseins. Und doch ist die Medea so anders als das damalige Kunstblutfest: düster, kühl, konzentriert. Aber eben auch nicht weniger intensiv, dicht, nahegehend, wahr.

Foto: Birgit Hupfeld

Foto: Birgit Hupfeld

Die Bühne stammt wieder einmal von Olaf Altmann und auch hier gibt es Reminiszenzen an die Orestie. Es ist wieder eine Bühnenwand geworden, mit einer Stufe, auf der Medea thront, klagt, wütet, leidet. Über weite Strecken des Abends bleibt sie dabei im Hintergrund, ganz weit weg vom Bühnenrand, wie sie ganz weit weg ist von jeder menschlichen Gesellschaft, eine Ausgestoßene, Weggeworfene, aber auch eine, die sich die Freiheit herausnimmt, selbst zur Agentin des Schicksals zu werden. Eines Schicksals, das keine Götter bestimmen, sondern diese zu Beginn so erbarmungswürdig vor Schmerz schreiende Frau. Diese Medea ist kein Racheengel und schon gar kein Opfer, sie ist eine frei handelnde, freilich in dem Spielraum, den man ihr und sie sich selbst lässt.

Leer ist dieser Raum, vereinzelt die Figuren: Jason, Kreon, Aegeus, die Amme. Auch der Chor der Frauen ist auf eine zusammengeschrumpft. Nicht nur Medea ist eine moderne, selbstbestimmte, handelnde Frau – auch ihr Umfeld ist ein modernes, eines, in dem die Vereinzelung um sich greift, wo jeder für sich ist und meilenweit nichts umher, keine Gemeinschaft nirgends. Weit weg, Lichtjahre entfernt, ist jeder vom anderen, man sieht einander nicht an, spricht irgendwo ins Nirgendwo. Einmal, da ist die Wand bereits an den Bühnenrand gefahren, muss Jason (Marc Oliver Schulze) sich an Bettina Hoppe, die den Chor gibt, vorbeizwängen, um von der Bühne zu gelangen. Wie viel Schmerz, wie viel Ekel liegt in dieser erzwungenen Nähe. Laut und hart hallen die Schritte der Amme (Josefine Platt) zu Beginn, minutenlang schleppt sie sich über die Bühne, gebeugt unter der Last einer Welt, die sie ebenso allein tragen muss wie ihre Herrin. Ihr Schatten sieht zuweilen aus wie ein Vogel, der mit den Flügeln schlägt, aber nicht abhebt. Ein stilles, starkes Thalheimer-Bild.

Kalt sind die Farben dieses Abends, schwarz und abweisend die Wand, schwarz-weiß die Lichtregie, die immer wieder harte Kontraste herausmeißelt, geisterhafte Profile modelliert. Ähnliches gilt für die Worte: jedes einzelne in Stein gemeißelt, jedes wird erkämpft, errungen, immer ist da ein Fragezeichen. Es ist eine harte, kalte, unbewohnbare Welt. In der sich nur eine nicht beugen lässt: Medea. Je länger der Abend dauert, desto aufrechter steht sie da und desto mehr krümmen sich die ach so starken Männer, allen voran Jason (Marc Oliver Schulze), der zuletzt dreckbeschmiert und jämmerlich wimmernd zusammensackt. Er, der Pragmatiker und Intrigant, der große Charmeur und Egoist – er ist besiegt von dieser Geschlagenen. Welch Ironie. Welch Tragödie.

Thalheimer entkernt Medea auf die Geschichte einer Frau, die ihre Entscheidungen selbst trifft, die sich nicht fremdbestimmen lässt, die auf ihre Freiheit pocht, selbst wenn diese zum Schrecklichsten führt, was eine Mutter tun kann. Becker ist dabei ganz Handelnde, die schmeichelt und leidet, verstellt sich und ist brutal ehrlich, ringt mit sich selbst und ist dann nach getroffener Entscheidung ganz ruhig, fest, beinahe kalt. Sie thront über allen anderen, sie ist die, die ihr und deren Schicksal in die Hand nimmt. Und eine, die sich nicht ausschließen lässt. Irgendwann fährt die Wand bis ganz nach vorn, ganz nah an uns heran. Die Verbannte, sie ist da, näher, präsenter, gefährlicher als je zuvor.

Becker und Thalheimer psychologisieren nicht, sie wollen nicht erklären, warum Medea tut, was sie tut, aber sie wollen zeigen, dass sie es ist, die das macht. So sehr Thalheimer hier zum Kern dieser Geschichte durchdringt, so viel lässt er doch anklingen: die moderne Frau, die sich ihre Freiheit erkämpft hat und nicht mehr loszulassen bereit ist. Eine moderne Welt, in der alles vernetzt zu sein scheint und doch die Einsamkeit des Einzelnen nie so groß war. Und die Kehr- und Schattenseiten der Freiheit, die wir – zu Recht – als Fundament unserer Gesellschaft, als Grundforderung des Individuums so hoch halten, aber die eben immer auch Verantwortung bedeutet und die eben nicht nur im Guten wirken kann. Diese Medea, sie ist eine freie Frau, die doch darum auch unverständlich bleibt, eine Terroristin der Freiheit, aber eben auch eine, die den Weg, den sie wählt, konsequent zu Ende geht und sich dieses Recht auch herausnimmt. Michael Thalheimers Medea ist ein Abend, der Fragen stellt: nach den Grenzen der Freiheit, der Verantwortung des Individuums, der Möglichkeit von Gemeinschaft. Er beantwortet sie nicht und ist doch so wahrhaftig wie wenig anderes im deutschsprachigen Theater zurzeit.

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Ein Gedanke zu „Der Preis der Freiheit

  1. […] Morgeneyers Johanna im Wortsinn standhaft. Eine Extremistin wie kürzlich Constanze Becker als Thalheimers Medea, ebenso kompromisslos und unverrückbar, in selbstgewählter Isolation von der Welt, zu Hause nur […]

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