Schreiende Stille

Simon Stephens: Wastwater, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Ulrich Matthes)

Von Sascha Krieger

„Ich hoffe, sie bauen eine Startbahn. Wie wollen eine Startbahn. Wir müssen hier weg.“ Was ist das einzige Mal an diesem Abend, dass es so richtig aus Harry (Thorsten Hierse) herausbricht. Weg will er, weg gehen wird er, und doch ist dieser Ausruf, dieser Aufschrei weit mehr als individuelle Sehnsucht, er ist eher eine Zustandsbeschreibung. Simon Stephens‘ Wastwater zeichnet das Bild der Welt der Vereinzelung, von Atomisierung ist im Stück die Rede, und es wird bevölkert von Vereinzelten. Es sind Menschen, die Nähe suchen und doch keine Gemeinschaft mehr finden, die sich aneinander klammern, wohl wissend, dass sie genauso gut an verschiedenen Enden der Welt sein könnten. Alles ist vernetzt in dieser Welt, doch was verbinden soll, kann auch trennen. Florian Lösches Bühne versinnbildlicht das auf eindringliche Weise: Eine schräge Ebene ist besetzt mit Leuchtstäben, die, wenn sie alle eingeschaltet sind, ein Gitternetz bilden – oder, je nach Blickwinkel, die Bühne in einzelne Quadrate zerteilen. Verbinden und trennen sind hier eines, die Figuren mögen sich im gleichen Raum befinden und sind doch in unterschiedlichen Welten.

Schauplatz sind drei einsame Orte in der Nähe des Flughafens Heathrow: ein Vorgarten, eine Lagerhalle, ein Hotelzimmer. Immer wieder stören startende und landende Maschinen die Ruhe, dann flackert das Licht, bevor es sich in ständig wechselnder Anordnung wieder zusammensetzt: als Gitternetz, als Landebahn oder ihn nicht entzifferbar fragmentarischer Form. alles ist unsicher und alles ist im Fluss. Stabilität gibt es keine – nicht im Licht, nicht in den zwischenmenschlichen Beziehungen, nicht in den Menschen selbst. Da sind Harry und seine Pflegemutter Frieda: Er geht nach Kanada, sie will ihn halten und beide wissen, dass sie einander nicht mehr wiedersehen werden. Oder Mark und Lisa: Beide liiert treffen sie sich in einem Hotel zum Sex ohne Bedingungen. Doch statt körperlicher Nähe nutzt Lisa die Gelegenheit, ihre dunkelsten Geheimnisse preiszugeben. Der Gelegenheitsliebhaber als Beichtvater, als anonymer Schwamm, der alles aufsaugt und den man gleich danach entsorgen kann. Schließlich: Jonathan und Sian. Er will illegal ein Mädchen aus den Philippinen adoptieren, sie grillt ihn in einer Art Verhör. Am Ende ist das Mädchen da, Jonathan redet auf sie ein, während sie regungslos da steht.

Ulrich Matthes hat als Schauspieler ein feines Gespür für Nuancen, für die leisen Töne, und das zeigt er auch als Regisseur. Harrys Ausbruch ist einer der wenigen lauteren Momente, ansonsten lässt er seine Darsteller zurückgenommen agieren und diese danken es ihm mit eindrucksvoll nuancereichen und überaus subtilem Spiel. Tief berührend, wie Susanne Wolff als Lisa zwischen Lakonie und Selbstekel von ihrer Drogen- und Pornovergangenheit berichtet, wie Moritz Grove als Mark regelrecht einfriert, bevor er sich am Ende ein wenig linkisch zu einem Moment der Nähe zwingt. Stark auch Barbara Schnitzler, die Frieda als leichtverletzliche Ersatzmutter unter rauher Schale spielt. Wie verloren sie dasteht, wie schmerzhaft der Versuch, ihr Gesicht unter Kontrolle zu behalten! Am Ende ist es Harry, der weint, ein bisschen nur, aber wieviel ist in diesem „Bisschen“? Der Zuschauer muss dabei bleiben, er muss aufpassen, damit ihm diese kleinen magischen Momente nicht zu verpassen, in denen etwas Tieferes aufblitzt, in denen die Fassade bröckelt, in denen diese Sehnsucht, dieses Begehren von Nähe kurz an die Oberfläche kommt, nur um sogleich wieder zu verschwinden. War da etwas? Und wenn ja: Was heißt das? Ist die Vereinsamung von der Stephens, Matthes und dieses wunderbare Ensemble erzählen, zu durchbrechen? Oder ist auch das nur Illusion.

Wastwater – der Titel stammt von einem tiefen, dunklen englischen See, der ruhig und friedlich wirkt und in dem gern Leichen „entsorgt“ werden – ist in seinen starken Momenten eindringliches Schauspielertheater, das alles Spektakuläre meidet. Hier wird nicht geschrieen, hier spricht die Stiller, ist das Leise immer wieder sehr, sehr laut. Natürlich hat der Abend seine Schwächen: Die Episode um Sian und Jonathan, in ihrer Abkehr vom Alltäglichen ohnehin der schwächste Teil des Stücks, verpufft vollkommen. Elisabeth Müller gibt ihre Sian ein wenig zu vordergründig aggressiv, während Bernd Stempel vor lauter Passivität zum Standbild erstarrt. Zwischen den beiden passiert ebenso wenig wie in ihnen, wo die anderen Protagonisten Tiefe besaßen, ist hier nur Oberfläche. Ein Übriges tut Matthes‘ unterkühlte Regie, die in den anderen Episoden zwar die eine oder andere länge verursacht, aber dann doch immer wieder Nuancen aus den Schauspielern herauskitzelt, die anderswo untergehen würden. Jetzt wird sie zum bleischweren Ballast, der die Inszenierung fast zum Stillstand bringt. Und doch ist Ulrich Matthes ein Abend gelungen, der über weite Strecken intensiv, dicht und einprägsam ist und vor allem mit seinen stillen Tönen überzeugt. Und das ist schließlich sehr selten geworden.

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