Die Vagina-Dialoge

William Shakespeare: Romeo und Julia, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Lars Eidinger)

Von Sascha Krieger

Es gibt vielleicht kein Stück der Theatergeschichte (mit möglicher Ausnahme des Hamlet), das so über- und uminterpretiert wurde wie Romeo und Julia, jahrhundertelang Sinnbild für das romantische Ideal kompromissloser Liebe. Die vermeintlich Unbedingtheit der Liebe der beiden Titelhelden stand im Mittelpunkt des Romeo-Bildes. Dabei wurde oft negiert, dass diese höhere Liebe im Stück ziemlich gleichberechtigt neben rein körperlicher Lust steht, dass es von überaus expliziten Anspielen auf das Körperliche zwischenmenschlicher Beziehungen nur so wimmelt und dass, wie so oft bei Shakespeare, das Tragische auch hier nicht ohne das Komische, ja zuweilen Alberne zu denken ist. In den vergangenen zwei Jahrzehnten – spätestens seit Leander Haußmanns gefeierter Münchner Iszenierung von 1992 – wurde das Stück dann vor allem als Komödie gelesen, mit Baz Luhrman’s Verfilmung wurde es endgültig Teil der Popkultur. Für jeden, der verstehen will, was Lars Eidinger in seiner zweiten Regiearbeit da an der Schaubühne anstellt, könnte es helfen, dies im Hinterkopf zu haben. Aber auch sonst ist es nicht weiter schlimm: Die Chancen, jede Menge Spaß zu haben, stehen gar nicht schlecht.

Love is in the air (Foto: Arno Declair)

Love is in the air (Foto: Arno Declair)

Dass es klamaukig werden würde, wa beim Theaterextremisten Eidinger zu erwarten, dass er sich ausgiebig bei der pop-Kultur bedienen würde auch. So sehen wir gleich zu Beginn eine Tarantinoeske Zeitlupenkampfszene, wird Tybalts Tod mit Schwarzlicht und Leuchtfarbe zelebriert, darf das dänische Duo The Echo Vamper mit Gitarre und Theremin hippe Coolness verbreiten, werden am Schluss die Namen der Titelhelden mit per Pyro-Schrift über der Bühne abgefackelt. So manches Bild erinnert ein wenig an Luhrmans Film, Zitate sind sowieso über all zu sehen. Zudem das Theatralische von Beginn an betont wird. Links und rechts befinden sich offene Garderoben, in denen sich die Schauspieler aufhalten, umziehen, unterhalten und aus denen heraus sie auftreten oder Kulissen und Requisiten auf die Bühne schieben. Das Performative steht im Mittelpunkt, das Posen, das besonders Tilman Strauß als rappender und in mehreren Mundarten versierter Mercutio beherrscht. Gestorben wird theatralisch, meist mit offen aufgetragenem und flaschenweise verschüttetem Kunstblut. Die Kulissen sind etwa eine Stadtlandschaft aus Pappkartons, ein Speerholzturm samt aufgemaltem Balkon, der sich in ein Kinderzimmer mit Illustriertenausschnitten und Stofftier umwandeln lässt. Pappmonde und -diskogugeln tun ihr Übriges, ebenso die Wollstrumpfhosen und Renaissancekrägen. Alles ein wenig vertrashtes Zitat..

Das passt recht gut zu einer Lesart, mit der der Abend dem Stoff begegnet: Romeo und Julia ist erst einmal ja eine Teenager-Liebesgeschichte und so führen sie Moritz Gottwald und Iris Becher auch auf. Besonders Gottwald überzeugt als schlaksiger, hormongetriebener Teenie auf der Suche nach dem ersten oder egal wie vielten Mal. Die gerade unsterbliche Liebe ist schon vergessen, als die nächste, Julia, auftritt. Kein Zweifel, würde das Ganze nicht so tragisch enden, womöglich wäre die Nächste schon nicht weit. Es ist eine Pubertätsstory, die hier gegeben wird: von Romeos Mädchenagd bis zu den pubertären Spielchen der Mercutios und Benvolios, alles ist Spiel, alles ist Männlichkeitsrituar, die Verspottung der Amme ebenso wie der tödliche Kampf. Lars Eidinger entlarvt Romeo und Julia als Studie pubertierender Jugendlicher. Eigentlich wollen sie nur spielen.

Und so ist auch die Liebe erst einmal Spiel. Romeo ist einer, der die Liebe nur als Klischee kennt, als Story im Fernsehen oder als Liebeslied. Hinreißend, wie er um Julia buhlt, in dem er alle Pop-Songs durchspielt, die ihm einfallen und die „Love“ im Titel haben. Kaum ist er in Julias Zimmer, reißt er sich die Klamotten vom dürren Körper, denn deswegen ist er schließlich hier. Große Liebe oder One-Night-Stand? Eigentlich ist das egal – auch Julia, die sich nicht so recht um Nachtigallen und Lerchen schert, sondern mit vollem Körpereinsatz den fliehenden Romeo zurück ins Bett holen will.

Was uns zum zweiten Kernthema des Abends bringt: Denn nicht nur die Teenagerliebe ist hormongesteuert und flüchtig, die aller anderen ist es auch. In Eidingers Lesart gibt es – zumindest bei den „Erwachsenen – eh keine Liebe mehr, alles ist Bemäntelung der Lust, Sex ist die Grundlage von allem. Vor allem die erste Hälfte des Abends ist voll von meist wenig subtilen Anschuldigungen: Da wir der erste große Kampf der Capulets und Montagues zur wilden Orgie, erscheint Lady Capulet beim Ball im Vagina-Kostüm und Tybalt mit meterlangem Schlauch, der im aus seinem Schritt wächst, es wird gezüngelt und betatscht und übereinander hergefallen, dass es bald ein wenig ermüdet. Das ist ungemein plakativ, auf die Dauer sehr redundant, auch weil Eidinger nichts weiteres dazu einfällt. Gut, Sex ist der Nährboden für alles, was wir zwischenmenschliche Beziehungen nennen? Begriffen. Herauszuheben ist sicherlich Regine Zimmermann, die ihre Lady Capulet so dreckig und verzweifelt-lüstern spielt, dass es eine Lust ist.

Natürlich hat die Inszenierung aber auch ein Problem: Angesichts der beschriebenen Interpretationen bleibt kein Platz mehr fürs Tragische. was also tun mit dem vielen Sterben? Man kann es – wie Romeo mit seinen akrobatischen Kotzattacken – als letzte große Performance sehen oder, wie Julia in ihrem monströs riesigen Brautkleid, als letzten Slapstick nehmen. Doch zündet beides nicht so recht, weil die Tode eben keine dramatische Funktion mehr haben. Genausowenig wie Kay Bartholomäus Schulze, der Bruder Lawrence als versoffenen Junkie spielt und Fremdkörper bleibt. Romeo und Julia  ist eben auch erst die zweite Arbeit eines Regieneulings. Da passt noch nicht alles zusammen, geht dem Abend gegen ende merklich die Luft aus, bleiben lose Enden und so manche überflüssige Albernheit. Aber eben auch jede Menge Unterhaltung und so mancher durchaus origineller Interpretationsansatz. Und das ist bei diesem Stück ja auch eine Leistung.

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