Sie wollen doch nur spielen

Wolf unter Wölfen. Eine Inflationsrevue nach dem Roman von Hans Fallada, Deutsches Theater Berlin (Regie: Roger Vontobel)

Von Sascha Krieger

Eine „Inflationsrevue“ soll es also sein, Roger Vontobels neuer Fallada-Abend am Deutschen Theater. Fallada, der Krisenbeschreiber, erlebt gerade eine Renaissance, insbesondere am Theater, und Vontobel hat gerade in Dresden eine vielgelobte Hamlet-Rockrevue auf die Bühne gebracht. Diesmal gehen wir zurück ins Jahr 1923, in die Zeit der Hyperinflation, in der ein Brot Milliarden kostete und Preise innerhalb eines Tages die eine oder andere Null hinzugewinnen konnten. Es ist Katharina Marie Schuberts Aufgabe, uns als eine Art Conférencière in glitzerndem Silber und mit Zylinder die wichtigsten Fakten vorzutragen, äußerst unterhaltsam und mit breitestem französischen Akzent. Dann geht der Vorhang auf und die Revue kann beginnen. Claudia Rohner hat ein halbrundes Bühnenpodest geschaffen, auf dem die Live-Band spielt und die Darsteller auf ihren Auftritt warten. Ein paar Showtreppen sind eingebaut und los geht es – mit einem stimmungsvollen Chorvortrag, halb episches Theater und halb Vaudeville. Schnell entsteht eine grelle, flirrende Atmosphäre, eine vergnügungssüchtige Welt, die sich umso mehr amüsiert, desto schwärzer der Abgrund, an dem sie tanzen, klafft.

Es ist eine Welt, in der das Geld jeden Wert verloren hat und sich umso mehr alles nur darum dreht. Wenn Ole Lagerpusch und Meike Droste als verliebtes Paar im Bett liegen, liegen sie auf Blöcken von Geldscheinen, den gleichen, die später en masse verspielt werden, die Besitzer wechseln oder gar als Wurfgeschosse dienen. Wenn es regnet, regnet es Banknoten. Das Geld ist Spielzeug und Existenzgrundlage zugleich, wer es hat, weiß nichts damit anzufangen, doch hat man es nicht, bricht es einem das Genick. Vontobel wechselt virtuos und nahtlos zwischen Show-Elementen, narrativen Passagen und Spielszenen, die eine Geschichte andeuten, die der Zuschauer im Kopf weiterspinnen soll. Es sind kurze Skizzen, die bald wieder zerfallen, bis zur nächsten, die auch nur grobe Zeichnung bleibt. In dieser Welt gibt es keine Geschichten mehr, es gibt nur noch Anfänge. Die Werte – nicht nur des Geldes – brechen zusammen, alles bleibt fragmentarisch, nichts lässt sich mehr vollenden.

Immer wieder gehen realistische Darstellung und grelle Karikatur ineinander über, etwa wenn das um seine Existenz kämpfende junge Paar auf die aufgetakelte Vermieterin und die wie ein Show-Girl ausstaffierte Mitmieterin Ida treffen. Realität und Wahnsinn, schöner Schein und blanke Not, Traum und Wirklichkeit gehen eine unheilvolle Allianz ein. Denn mit dem Geld hat auch sonst alles an Wert verloren, und wo keine Werte gelten, ist alles möglich. Tout es possible statt Rien ne va plus.

Wolfgang (Lagerpusch) ist ein Spieler, wie die ganze Gesellschaft spielt. Ein atemberaubendes, atemloses, hysterisch dem Abgrund entgegen taumelndes Spiel, in dem keiner gewinnt, weil es nichts mehr zu gewinnen gibt. Grandios der Höhepunkt vor der Pause, als Lagerpusch gemeinsam mit seinen Mitspielern (Matthias Neukirch und Peter Jordan) sich in einen Glücksrausche, einen Euphoriestrudel hineinsteigern, die Band ihre sanfte Jazzbegleitung aufgibt und die Gitarren kreischen lässt. Ein Moment des Glücks, der gleichzeitig ein Moment der Selbstaufgabe und des Zusammenbruchs ist, das letzte Glück, das bleibt, ist das des Untergangs. Das auch ein Unglück ist. Verstörendes Gegenstück ist Meike Droste, die, sitzengelassen vom Verlobten und hinausgeworfen von der Vermieterin unsicher durch die Geldberge strauchelt, ein verlorenes Kind einer verlorenen Gesellschaft, einer, die sich selbst verloren hat, weil sie sich selbst nicht kennt. Es sind diese Momentaufnahmen, die den stärksten Eindruck hinterlassen und doch bleibt auch ein eindrucksvolles Gesamtbild: Das einer Welt im Fieber, in der alles und jeder vereinzelt und nichts bleibt.

Die zweite Hälfte des Abends, in der Wolfgang und seine Spielkumpane aufs Land gezogen sind, ist etwas schwächer geraten. Aus der Showbühne ist eine Art Laufsteg geworden, die Band sitzt nun unten im Gebälk. Das Spiel ist nun realistischer, die Show ist vorbei und es ist vor allem der grandiosen Katharina Marie Schubert zu verdanken, dass auch hier noch starke satirische Effekte gesetzt werden, das Ganze nie zum Jammertal wird. Das Gesellschaftsbild ist jetzt mehr Behauptung als lebendige Erfahrung und doch bleibt der Eindruck vom Leben als Spiel: Ob der ehemalige Weltkriegsoffizier (Jordan) putscht oder seine Frau (Schubert) die eigene Existenz aufs sprichwörtliche Spiel setzt: Das sind und bleiben Spieler, ohne Orientierung, ohne Halt. Da ist es auch egal, ob plötzlich eine neue, stabile Währung da ist, man spielt einfach weiter. Natürlich bieten sich Bezüge zur Gegenwart an und es ist eine Stärke des Abends, dass Vontobel sie nicht ausbuchstabiert. Eine andere ist es, dass er der Geschichte die Lösung, die der Roman durchaus anbietet verweigert. Wo niemand willens ist, an die Ursachen zu gehen, bleibt jede Lösung nur Schein.

Wolf unter Wölfen hat seine Längen, verliert nach der Pause ein wenig an Rhythmus und hat einen äußerst nachlässig wirkenden, schludrig hingeworfenen Schluss. Und doch ist der Abend über weite Strecken ebenso eindringliches wie unterhaltsames Porträt einer Gesellschaft, die jegliche Richtung verloren hat, weil ihr jede Identität abhanden gekommen ist, die vor sich hintrudelt, außer Kontrolle, ohne Hoffnung auf Rettung. Wer will, darf Parallelen zu unserer Gegenwart finden. Vontobel drängt sie nicht auf und auch das macht seinen Abend so sympathisch.

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