„Ja, die Deutschen!“

Anton Tschechow: Das Duell, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

„Dich, Bruder haben die Deutschen verdorben. Ja, die Deutschen!“ In großen, leuchtenden roten Lettern stehen diese Worte in russischer Sprache über der Bühne von Frank Castorfs zweiter Tschechow-Inszenierung an der Volksbühne. Es ist ohne Zweifel eine Fährte, die Castorf legt und es ist selbstverständlich eine falsche. Denn es geht keineswegs um Deutschland, das Verhältnis von Russen und Deutschen oder ähnliches. Und doch wäre es keine Castorf-Inszenierung, wenn es nicht doch irgendwie ein bisschen auch darum ginge. Mit Das Duell ist dem Volksbühnen-Intendanten das gelungen, was man wohl als „echten Castorf“ bezeichnen kann: Ein uferloses Assoziationswirwarr, mal philosophisch, mal kalauernd, ein Abend mit vielen losen Enden, einer, bei dem Reste bleiben, gewollte und wohl auch zufällige, einer, der davon ausgeht, dass im der Zuschauer nicht immer folgen können wird, der keine Richtung hat und in seiner Offenheit doch nie beliebig wirkt. Dabei hilft auch ein eher Castorf-untypisches Element: Er erzählt die Geschichte des titelgebenden Kurzromans chronologisch herunter, verzichtet auf längere Fremdtext-Exkurse und erlaubt sich lediglich einen etwas  veränderten Schluss. Das Ergebnis ist ein prototypischer Castorf-Abend mit ungewöhnlicher Stringenz. Wären wir bei der „Sendung mit der Maus“, könnte man sagen: „Klingt komisch, ist aber so!“ Und komisch ist Das Duell, dies und vieles andere auch.

Foto: Thomas Aurin

Foto: Thomas Aurin

Die Geschichte, um die es geht, ist schnell erzählt: Der adlige Beamte Lajewski ist mit seiner verheirateten Geliebten Nadeschda Fjodorowna in den Kaukasus geflohen und lebt nun einem dortigen Dorf in den Tag hinein. Tschechowsche Müßiggänger, „überflüssige Menschen“. Das findet auch der Naturwissenschaftler von Koren, wendet das „überflüssig“ aber ins Schädliche um. Für ihn steht Lajewski für einen Menschentyp, den er schwach nennt und der den Fortschritt behindert. Die Schwachen, so meint von Koren, stehen den Starken im Weg und sind daher auszumerzen. Am Ende steht das titelgebende Duell, das beide überleben. Dies ist sicher das ernsteste Thema des Abends und vielleicht sein Mittelpunkt: Denn der Weltverbesserer von Koren steht am Beginn einer Traditionslinie, die zur Menschheitskatastrophe von Weltkrieg und Shoah führen wird. Ideologie, so zeigt uns der ebenso verständig wie dämonisch von Silvia Rieger gespielte von Koren (der natürlich nicht zufällig deutscher Herkunft ist und da ist die Verbindung zur Leuchtschrift auf der Bühne), ist stets intolerant und undemokratisch und sie steht letztlich dem Menschen immer entgegen. Das ist nicht neu, es lohnt sich aber sich immer wieder daran zu erinnern.

Die Bühne stammt diesmal man Aleksandar Denic und setzt die Reihe der Innenraumbühnenbilder bei Castorf fort. Wo bei seinem Dostojewski-Abend Die Wirtin eine einzelne Holzhütte stand, ist diese jetzt zu einem ganzen in ein Brettergewirr komprimierten Dorf geworden – mit Wohnstube, Dixi-Klo, Kohlenhaufen, dunklen Gängen und sogar einem Zwiebelturm. Hoch oben thront die obligatorische Videowand, die diesmal besonders wichtig ist, schließlich geschieht das meiste im Innern des Holzungetüms. Das erscheint sinnvoll, schließlich sind wir bei Tschechow: Die Gesellschaft ist erstarrt, wenn sie sich bewegt, dann nur noch in ihrem selbstgeschaffenen Hamsterrad. Es wird viel gerannt und gehastet und geradelt, doch stets geht es im Kreis oder durch die Wirrungen des Hauses, die dann doch nie nach draußen führen. Drinnen langweilt man sich, flüchtet sich in Kopfschmerzen oder spinnt Fluchtplänen, von denen jeder weiß, dass sie nie in die Tat umgesetzt werden. Das ist oft brüllend komisch und nie ermüdend. Stagnation war noch nie so lebhaft.

Dazu hat Castorf das Geschehen in einem Kriegsgebiet angesiedelt, es ertönt Bombenalarm, Kriegslärm wird eingespielt, und es ist die Rede von „den Amerikanern“, die vielleicht bald kommen. Flucht scheint unmöglich, denn die „Zone“ zu verlassen, kann wohl nicht gelingen. (Dabei sind die Amerikaner schon längst da: In typischer Castorf-Ironie prangen Filmplakate von Spielbergs Erstling Duel und dem Western Duel at Diablo an der Bretterbude.) Abchasien wird erwähnt, Tschetschenien auch. Es ist eine Welt in permanentem Ausnahmezustand (eine Zeitbeschreibung?) und doch wirken die hier Gefangenen seltsam unbeteiligt, als ginge sie das alles nichts an. Sie haben ihre eigenen Kriege, mit sich selbst, mit einander, mit ihren Ideologien. Was uns zur spannendsten Entscheidung des Abends bringt: Mit Ausnahme des Dorfarztes sind alle Rollen mit Frauen besetzt, was auch gern und oft kommentiert wird. Ausschnitte aus einem Sechzigerjahre Endzeit-Science-Fiction-Film [Titel] werden eingespielt, in dem militante Frauen nach den letzten verbliebenen Männern suchen, zum Zwecke der Fortpflanzung versteht sich, aber auch Kalauer über die Männerarmut werden gemacht. Einmal werfen sie mit geballter Frauen-Power Hermann Beyer aus der Wohnung, aber auch das haben sie bald schon wieder vergessen.

Zu Beginn verwarf Sophie Rois‘ schon von Korens Sozialdarwinismus als „Bullshit“ und deklarierte, man wisse erst am Ende des Kampfes, wer der Stärkere sei. Hier ist das „schwache Geschlecht“ tatsächlich das starke – ein Schachzug, der besonders spannende Einblicke ermöglicht. So wird der Müßiggänger Lajewski zur vollends absurden Figur, kommt die Gefährlichkeit von Korens Denkens in aller Schärfe zum Vorschein, gewinnt die kopfschmerzgeplagte Nadeschda fast so etwas wie Würde, scheint sie doch als einzige zu akzeptieren, dass alle Sinnbehauptung hier nur egozentrischer Unsinn ist. In ihrer unbedingten Selbstbezogenheit ist sie die ehrlichste Figur dieses Kuriositätenkabinetts. Gespielt wird sie von Lilith Stangenberg, die schreit und heult und jammert und zittert und immer dafür sorgt, dass sie im Mittelpunkt bleibt. Sophie Rois ist ein zeternder, hysterischer und doch irgendwie verlorener Lajewski, Silvia Rieger eine erschreckend hart lächelnde von Koren. Hermann Beyer als einziger Mann spielt hier den gütigen, weichen Part. Selten war bei Castorf in den letzten Jahren Ironie so klar und so verspielt zugleich.

Und dann ist da noch Kathrin Angerer, die den Diakon gibt und gegen Ende zu einem furiosen Schlussmonolog ansetzt, der als Fazit beginnt und in völliger Unverständlichkeit endet. Von Korens Theorie von den nützlichen Bienen und unwerten Drohnen macht sie zum Geschlechtergegensatz (die Frauen als Bienen, die Männer als Drohnen) und führt ihn komplett ad absurdum. Ausgehend vom Diktum „Tat ohne Glaube ist tot“ will sie erklären, was Glaube ohne Tat sei, verheddert sie sich so lange, bis Worte bloße Laute werden und sie ausruft, das sei alles „Zeitvergeudung“. Was man von diesem Abend nicht behaupten kann: Ja, Das Duell mäandert dahin, es hat keine erkennbare Richtung, kein identifizierbaren Thema und schon gar keine Botschaft. Und doch ist da alles Mögliche drin, manches, was Castorf hineingepackt hat, anderes, was der Zuschauer hinzuwirft. Und machte das nicht die großen Castorf-Abende der Neunziger aus? Nein, Zeitvergeudung ist das wirklich nicht.

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