Vom Teil zum Ganzen

Die Berliner Philharmoniker unter Paavo Järvi spielen Werke von Beethoven, Hindemith und Sibelius

Von Sascha Krieger

Seit dem 10. Januar dieses Jahres ist alles ein wenig anders in der Berliner Philharmonie: An diesem Tag verkündete Chefdirigent Sir Simon Rattle, dass er seinen bis 2018 laufenden Vertrag nicht verlängern würde. Sofort begannen die Spekulationen über seine Nachfolge, wird so manches Gastspiel in den Augen von Publikum und Medien jetzt zum Bewerbungstermin. Ein Name, der sofort und oft genannt wurde, ist der Paavo Järvis, Teil einer veritablem Dirigentendynastie (Vater Neeme ist derzeit unter anderem Chef des Orchestre de la Suisse Romande, Bruder Kristan leitet das MDR Sinfonieorchester). Das ist umso erstaunlicher, als Järvi die Philharmoniker zuletzt im Jahr 2000 geleitet hat. Da trifft es sich, dass der 50-Jährige, der nicht erst seit seinem gefeierten Beethoven-Zyklus mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen zu den besten seiner Zunft gezählt wird, just in dieser Spielzeit wieder am Pult des Orchesters steht. Gelegenheit also, aus erster Hand zu erleben, ob das passt. Und siehe da: Es passt. Und wie!

Foto: Schirmer / Berliner Philharmoniker

Foto: Schirmer / Berliner Philharmoniker

Paavo Järvi gilt als Beethoven-Spezialist und so überrascht es wenig, dass er den Abend mit Beethovens erster Sinfonie eröffnet. Und schnell wird klar, warum seine Beethoven- Interpretationen derzeit zu den aufregendsten gezählt werden. Dabei ist seine Lesart alles andere als extrem: Nichts da vom Furor eines Nikolaus Harnoncourt oder der romantischen Klangfülle eines Christian Thielemann. Järvi erweist sich als ein Meister der Mitte, der Balance, des Gleichgewichts. Die Tempi sind weder besonders schnell noch besonders langsam, er erlaubt der Musik keine wirklichen Ausbrüche, das Pianissimo gerät bei ihm ebenso moderat wie das Fortissimo. Und doch hat sein Beethoven-Spiel eine Frische, als hörte man diese Musik wenn nicht zum ersten, so gewiss nicht zum hundertsten Mal. Sein Beethoven ist schlank, ohne Schnörkel oder romantisierende Wuchtigkeit. Er lässt der Musik ihre Lebhaftigkeit und macht sie doch so transparent wie derzeit vielleicht nur noch Riccardo Chailly. Da ist jeder Ton, jede noch so kleine Nuance präsent und doch klingt das immer als Ganzes. Sein Beethoven ist klassisch im besten Sinne: Die Traditionslinie von Haydn und Mozart her schwingt immer mit und doch ist auch, vor allem im Schlusssatz der spätere Beethoven schon mitgedacht. Traumhaft, wie Järvi den alle sinfonische Tradition mal eben über Bord werfenden Anfangsakkord in die Mitte des Saals stellen lässt, ihm eine kleine Ewigkeit nachlauscht und dann ohne Bruch in medias res geht. Ähnlich der Beginn des vierten Satzes: Genüsslich lässt er das Orchester das nicht humorfreie Spiel der Tonleitern auskosten. Es ist diese Liebe zum Detail, die sein Spiel ausmacht, eine Liebe, die das Orchester bekanntlich teilt. Järvi versteht das Wesen Beethoven wie kein zweiter, sein Beethoven-Klang ist exemplarisch, geboren aus der zentralen Rolle der Holzbläser, die es ihm hier danken. Nichts an diesem Beethoven ist revolutionär und doch ist alles daran aufregend.

Kaum ein Solist passt zu einem solchen Ansatz besser als Frank Peter Zimmermann, der im Anschluss den Solopart in Paul Hindemiths Violinkonzert übernimmt, einer, der auf kaum fassliche Weise höchste Ausdruckskraft mit Präzision und Sachlichkeit zu paaren versteht. Glasklar sein Spiel, er lässt seine Stradivari regelrecht singen und verweigert sich auch nicht dem schwelgenden Ton, zu dem die Partitur hier durchaus ermutigt. Klar arbeiten Zimmermann und Järvi die zahlreichen Bezüge zur klassischen und vor allem zur romantischen Tradition heraus, ist ihnen die Fülle des Gesamtklangs wichtig, meint man immer wieder Brahms oder Mendelssohn zu hören, driftet der Klang zu weilen gar ins Asiatische. Kraftvoll klingt das Orchester, im Schlusssatz entwickelt es eine fast mahlersche Wucht. Nahezu perfekt gelingt das Zusammenspiel mit dem Solisten. Dabei bleibt die Transparenz nie auf der Strecke, auch wenn es hier noch mehr als im Beethoven um das große Ganze geht. Wie dort packt Järvi die hier verarbeitete musikalische Tradition in seine Interpretation, ohne das Werk je zu überladen. Kaum zu glauben, dass die Philharmoniker das Stück sein 1977 nicht mehr gespielt haben, in solcher Lesart sollte es in ihr Standardrepertoire gehören.

Wer nun Järvi direkt mit Rattle vergleichen will, hat dazu bei Sibelius‘ Fünfter Gelegenheit, die das Konzert abschließt und die vielen noch aus Rattles Sibelius-Zyklus vor drei Jahren in Erinnerung sein dürfte. Wenn dem gebürtigen Esten, der seit seinem siebten Lebensjahr in den USA lebt, hier etwas gelingt, dann ist es, das Entstehen von Musik, die Geburt von Melodien hör- und erlebbar zu machen. Betont fragmentarisch der Beginn, kaum lässt er motivische Bruchstücke zu, langsam erst dürfen hieraus Motive, Themen, Melodien, ein musikalisches Ganzes wachsen. Dabei gelingt es, dieses Entstehen so organisch, so natürlich klingen zu lassen, als wäre es das Einfachste auf der Welt. Aus Einzelnem ein Ganzes werden zu lassen – das ist Paavo Järvis interpretatorisches Prinzip und wie schon in den ersten beiden Werken fasziniert auch hier das Ergebnis. Atemberaubend das Nebeneinander der Themen und Klangebenen im Finale, das berühmte Hornthema tritt nie in den Vordergrund und würkt doch gerade, weil es gleichberechtigt mit dem anderen gleichzeitigen musikalischen Material ist. Aus Klangfragmenten entfaltet ärvi einen Klangkosmos, der fasziniert und selbstbewusst neben Rattles ebenso stimmiger Lesart stehen kann. Wo letzterer seziert, führt erster zusammen, transparent und schimmernd sind beide. Die Visitenkarte, die Järvi hier abgibt, ist eindrucksvoll: Es ist nicht die eines großen Charismatikers, eines das Spektakuläre suchenden, sondern jene eines akribischen Analytikers, dessen Dirigat jedoch nie trocken ist, stets „Seele“ hat, für den der Klang das A und O ist und trotzdem jede Note zählt. Auch wenn es mit der Rattle-Nachfolge nicht klappen sollte, ist zu hoffen, dass bis zu seinem nächsten Gastspiel nicht erneut 13 Jahre vergehen.

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