Mit Cola im Spielzeugladen

2035 oder Mit 40 eröffne ich ein Hotel auf dem Mond, Deutsches Theater / Box (Junges DT), Berlin (Regie: Willem Wassenaar)

Von Sascha Krieger

Neun Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren entwickeln gemeinsam ein Stück. Worum könne es gehen? Um die Zukunft natürlich, die eigene, die gesellschaftliche, die unseres Planeten. Gesagt, getan. Nennen wir das Stück am besten „2035“, fügen noch irgendetwas mit „Mond“ ein, das klingt utopisch genug, ist aber auch nicht zu weit weg, dann ist man irgendwo zwischen Mitte dreißig und Anfang vierzig, das kann man sich vielleicht ein wenig vorstellen. Was läge noch nahe? Ach ja, Zeitreise. Geht immer. Dann lasst uns noch ein paar Astronautenanzüge anfertigen, das hat schon bei Clash so gut geklappt. Noch etwas? Ja, Publikumsbeteiligung ist immer gut, wirkt frisch, modern, spontan und der Zuschauer ist wohlwollender eingestellt, weil er ja mitwirken darf (oder muss?) und somit Teil des Erfolgs oder Misserfolgs des Abends ist. Dann brauchen wir nur noch eine Ankündigung, etwas mit Bedeutung. „Science-Fiction-Abenteuer zwischen Utopie und Apokalypse“ klingt gut. Fertig? Check. Dann kann es ja losgehen.

Und das tut es schon vor dem Einlass: Jugendliche in Raumanzügen fragen wartende Zuschauer, welche drei Dinge oder Personen sie in eine Zeitkapsel packen würden, das Ganze wird dann später projiziert, die Besucher beim Hineingehen namentlich aufgerufen. Das ist persönlich und improvisatorisch und hip, so wie der QR-Code, den ein Mädchen auf dem Bauch und ein Junge auf der Mütze hat oder der Tablet PC, den ein Junge den Wartenden entgegenhält. Ganz „Old School“ dagegen die handgezeichneten Zeitleisten im Gang. man war kreativ, keine Fragen, hat nachgedacht und wahnsinnig viele Ideen entwickelt, die man jetzt irgendwie in 90 Minuten hineinbekommen muss. Die Grundidee: Wir gehen – gemeinsam natürlich – auf Zeitreise ins Jahr 2035 und reden vorher lang und breit darüber, wie wir uns das vorstellen.

Das sieht dann so aus: Einer der Spieler wird ausgewählt und das Publikum darf Fragen nach seiner persönlichen Zukunft beantworten. Oder man geht mit einem Zuschauer in ein Bällebad und redet über Träume und Vorstellungen von der Zukunft und den Dingen, die man mitnimmt in die Zeitkapsel. Oder: Man teilt das Publikum ein in Berufsgruppen, die dann per Multiple Choice entscheiden dürfen, was aus ihrem Bereich mit soll nach 2035: Homoehe oder Religionsfreiheit? Bio-Banane oder Traktor? Oder man befragt sich einfach selbst – nach den eigenen Wünschen und Träumen, nach den Vorstellungen der eigenen Zukunft. Anhand des Funktionierens von Körperfunktionen wird ein wenig über das Alter sinniert. Und weil der große Bogen ja nicht fehlen darf, diskutiert man dann noch ei bisschen über „Online-Diktatur“ und totale Überwachung und das ende zwischenmenschlicher Beziehungen. Gesellschaftskritik muss ja auch sein.

Über weite Strecken wirkt das dann ein wenig, als hätte man ein paar Kinder in einem Spielzeugladen eingeschlossen und einen Kasten Cola dagelassen. Atemlos rennt man von einem Programmpunkt zum nächsten, von einer Idee zur Folgenden. es wird gesungen, Rasierschaum kommt zum Einsatz, Video, ein Darsteller beatboxt, ein zweiter rappt, insgesamt drei spielen Gitarre. Da bleibt keine Zeit, bei irgendetwas länger zu verweilen oder gar ein wenig in die Tiefe zu gehen. Die angekündigten „utopischen Visionen und albtraumhaften Szenarien“ erschöpfen sich in Schlagworten und der Frage nach der Anzahl der Kinder, die man mal haben würde. Und wenn es dann in die „Zukunft“ geht, wird es vollends banal. Die Zeitreisenden kommen mit einem komplett weißen Zauberwürfel zurück. Die Botschaft lautet, die Zukunft sei man selbst und müsse man auch selbst schaffen. Und außerdem sei die Gegenwart viel wichtiger, schließlich sei die sowie so immer da. Nun gut, stimmt ja auch. Irgendwie.

Alle möglichen Themen werden angerissen, aber sofort wieder fallen gelassen, denn man will ja weiter zur nächsten Idee. Das wirkt so beliebig und leider auch oberflächlich, wie es ist. Wenn etwas von diesem hektischen und unausgegorenen, ja irgendwie planlos wirkenden Abend bleibt, sind es wie so oft in Produktionen des Jungen DT, die jugendlichen Darsteller. Enthusiasmus und Spielfreude sind ohnehin immer vorhanden, was jedoch beeindruckt, sind die Neugierde, die Intelligenz, die Nachdenklichkeit, aber auch der Humor. Bei fast allen schälen sich während der zwanzig Minuten Persönlichkeiten heraus, setzen sich im Kopf der Zuschauer fest, glaubt man tatsächlich in eine Art Dialog mit ihnen zu treten, gesteht man ihnen allen gern eine spannende Zukunft ebenso zu wie eine aufregende Gegenwart. Das sind keine Pappkameraden, sondern echte, dreidimensionale Persönlichkeiten, die zur Auseinandersetzung anregen, ja auffordern. Die wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema Zukunft findet sich in ihrem Spiel, in ihren Gesichtern, in ihrem Übermut, in ihrem Interesse daran, was wir, die „Alten“ zu sagen haben. Vielleicht hätte man das ganze Zeitreisegedöns einfach weglassen und sich eineinhalb Stunden diskutierend zusammensetzen sollen. Vielleicht hätte es dann auch geklappt mit den „utopischen Visionen und albtraumhaften Szenarien““.

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