Im Dickicht der Triebe

William Shakespeare: Ein Sommernachtstraum, Thalia Theater Hamburg (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Ganz überraschend ist dieser Beginn nicht: Zunächst sieht sich das Publikum einer riesigen Videoleinwand gegenüber, die vor die Bühne gespannt ist. Video ist seit jeher ein wichtiges Element im multimedialen Theateruniversum des Stefan Pucher und kaum jemand setzt es wohl so elegant und zugleich eindrucksvoll ein wie er. Diesmal wählt er zunächst klassisches Schwarz-Weiß. Und wir gehen sogleich in medias res: Gesichter in Großaufnahmen berichten über den Ausgangskonflikt: Hermia soll Demetrius heiraten, liebt aber Lysander, der unnachgiebige Vater pocht auf sein Recht, Fürst Theseus stimmt zu, die Liebenden vollen fliehen. Die Gesichter ausdrucksstark, zuweilen einen kleinen Tick übertrieben, wir merken gleich: Hier geht es um die Oberfläche, jeder repräsentiert ein Image, das aufrechterhalten werden soll. Hier der rechtschaffene, strenge Vater, dort der ernsthaft verliebte Lysander. Man sitzt wie bei einer Geschäftsverhandlung um einen Tisch herum. Liebesbeziehungen sind hier nicht nur eine ernste Sache, sie sind in erster Linie Geschäft, Verhandlungsmasse.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Bald fallen Leinwand und Masken und schnell wird klar, worum es hier geht. Zentrales Bühnenelement (Bühne: Stéphane Laimé) ist ein drehbares Blätterwerk, das, je nach Position, mal Unterschlupf und Liebeshöhle, mal undurchdringlich erscheinendes Dickicht ist, durch das sich die Figuren kämpfen müssen, aus dem sie sich zu befreien versuchen und das sie doch immer wieder hinabzieht. Es ist, das lernen wir schnell, das Dickicht der Triebe, jenes nur mühsam hinter der glatten, eleganten Fassade verborgenen Unterbaus jeglicher so genannter Liebesbeziehungen. Hier, in Puchers Lesart von Shakespeares lustvollem Paarwechsel- und Verwirrspiel Ein Sommernachtstraum meint Liebe Sex. Jeder ist auf der Suche nach der schnellen Befriedigung und deshalb ist es auch weitgehend egal, wer wen „liebt“, ist der Zauber-induzierte schnelle und willkürlich erscheinende Wechsel der Objekte all dieser Begierden nur logisch und konsequent. Und wird doch gerade deshalb umso erschreckender: Mit welcher Selbstverständlichkeit aus Liebesschwüren menschenverachtender Hass wird und das auch niemanden stört, ist atemberaubend.

Natürlich schlägt das Wunden: Sichtbare, wie bei der ungeliebten und vielfach abgewiesenen Helena, die den  Gefühlsumschwung von Demetrius und Lysander nur als Spott begreifen kann. Weniger klare, wie beim Elfenkönig Oberon (Bruno Cathomas), der sich im Attraktivitätswettbewerb benachteiligt fühlt und umso gewalttätiger ausschlägt, je mehr er seine Felle davon schwimmen sieht. Denn im Netz der Lust sind sie alle gefangen, Sieger wie Verlierer, und auch Grausamkeit ist triebgesteuert. Konsequent daher, wie Demetrius‘ hasserfüllte Tiraden gegen Helena bei dieser (Marina Galic) zu einem rekordverdächtigen Orgasmus führen.

Das schwingt hin und her zwischen Realität und Traumwelt – wirklich unterscheidbar sind sie ohnehin nicht. Dazu passen auch die rätselhaft verzerrten Videoprojektionen auf der Bühnenrückwand, die in einem Zirkus gedreht worden sind. Traumähnlich verschwommen und verlangsamt bewegen sich die Figuren durch diese andere Traumwelt. Eine Illustration, gewiss, aber eine, welche die schwül-aufgeladene Atrmosphäre noch intensiver werden lässt. Besonders gelungen der virtuose Tanz zwischen Realität und Bild, den Jörg Pohl als Zettel und Gabriela Maria Scheide als Squenz mit einer Videoleinwand aufführen.

Überhaupt gelingen Stefan Pucher wunderschöne wie groteske Bilder, ist hier alles attraktiv: die Verrenkungen der sich durch die Hecke kämpfenden und immer wieder in sie zurückfallenden Liebessuchenden, der animalische Sex Titanias mit dem Esel oder auch Florian Weigel als goldhaariger Knabe, dessen halbnackte und nur durch einen beiläufig übergeworfenen schwarzen Umhang notdürftig bedeckte Schönheit der wohl perfekteste Ausdruck für die die Eindimensionalität dieses Begehrens ist.

Schwarz ist die Farbe des Unter- und Abgründigen und sie ist die Farbe des Abends: Elfenkönigin Titania (sensationell divenhaft: Sebastian Rudolph) trägt sie mit Eleganz, während Oberons Outfit irgendwo zwischen SM-Club und Schwulenklischee liegt. Schwarzgewandet auch Puck, den Jens Harzer mit feiner Ironie und pointierter Langeweile zeichnet. Als einziger hat er keinen Anteil an diesem Triebgewirr und so richtig glücklich ist er damit nicht. Überhaupt die Schauspieler: Cathomas ist sensationell als cholerisch-eifersüchtiger Machtmensch, Rudolph als alles überstrahlnde dunkle Königin des Begehrens sowieso, Rafael Stachowiak gibt seinen Lysander als Möchtegern-Rapper aus der Großstadt, seine Mischung aus aufgesetzter Coolness und ehrlich machohafter Ich-Bezogenheit ist vielleicht die passendste Charakterisierung für das, was sie alle umtreibt.

Und dann ist da noch Jörg Pohl: ein hinreißender Zettel, dümmlich-arrogant und talentfrei stammelt er sich als Spät-Hippie durch die Szenerie und sorgt mit dafür, dass dieser Abend trotz all seiner nicht gar so angenehmen Einblicke ins Menschliche vor allem eines ist: brüllend komisch. Unvergesslich sein Sex im Eselskostüm (samt eselsangemessenem Genitalbereich) mit der verzauberten Titania, grandios auch Cathomas‘ lächerlich-verzweifelte Ausbrüche, wunderbar Stachowiaks pointierte Klischeeparade.

Nicht wenige lachen hier Tränen, auch hysterische Lachkrämpfe sind zu vernehmen (vor denen im Übrigen auch die Darsteller nicht ganz gefeit sind). Das ist ein Heidenspaß, vor allem am Ende, als Pohl das Stück der Handwerker gemeinsam mit der Anarcho-Truppe von Studio Braun aufführt. Natürlich fehlt dem der vorangegangene Tiefgang, ist dies nicht viel mehr als albern und doch passt es in den Rhythmus des Abends, entlarvt es doch die Oberflächlichkeit der nur beiläufig hingeklatschten Lösung, die Puck anschließend in seinem Schlussmonolog nochmals fein ironisiert. Denn natürlich ist hier nichts gelöst, ist die Aufteilung der Paare am Ende nicht weniger willkürlich und letztlich ebenso unerheblich wie zu Beginn. Man braucht einander zur Befriedigung der Triebe und das ist es dann auch. Dass das auch den Figuren schwant, deuten ihre ausdruckslosen, versteinerten Gesichter bei der abschließenden Dreifachhochzeit an. Aber auch das ist eigentlich egal: Die Liebeshöhle steht ja noch.

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